VerkehrSchifffahrt

Eine eigentümliche Kohlenverschiffung

Zentralblatt der Bauverwaltung • 4.10.1884

Voraussichtliche Lesezeit rund 17 Minuten.

In dem Reisebericht des verstorbenen Max Maria v. Weber über die Wasserstraßen Englands aus den Jahren 1879 – 80 findet sich eine, wenn auch nur kurze Erwähnung eines eigenartigen Schifffahrtsbetriebes, wie derselbe auf den Flüssen Aire und Calder in der Landschaft Yorkshire hauptsächlich für die Verschiffung von Kohlen besteht. Im folgenden soll dieses System, welches in England seit nunmehr etwa 12 Jahren in flottem und erfolgreichem Betrieb ist, mit der dazu gehörigen sinnreichen Kohlen­umlade­einrich­tung eingehender beschrieben werden, da dasselbe vielleicht einen Beitrag enthält zur Lösung der Frage betreffend die Verschiffung der deutschen Kohle nach den Ems­häfen.

Wo die zur weiteren Versendung bestimmten Kohlen in größerer oder geringerer Nähe der Zeche in Eisenbahnfahrzeuge verladen werden und den Weg bis zum Verschif­fungs­platz auf den Schienen zurücklegen, tritt an letzterem Orte die Notwendigkeit ein, die Kohle aus den Eisenbahnwagen in die großen Seedampfer zu entladen. Für diese Umladung sind, je nach Lage der Eisenbahnlinie gegen die Höhe des Verlade­kais, sehr verschiedene Aufzugs- und Kippvorrichtungen vorgeschlagen und zur Ausführung gebracht worden; insbesondere findet man in den englischen größeren Kohlenhäfen von Süd-Wales und an der Ostküste entlang eine ganze Reihe mannigfaltigster Anordnungen in Betrieb, welche die vorliegende Aufgabe mit Anwendung von Dampfkraft oder Wasserdruck zum Teil in vorzüglicher Weise lösen und dabei nicht nur die Kosten der Umladung, sondern auch den erforderlichen Zeitbedarf auf das denkbar niedrigste Maß herabdrücken. Solche Anlagen bestehen z. B. in Cardiff, Swansea, Newport, ferner in Sunder­land, Hartle­pool, Middles­brough, North-Shields, Hull usw. In der deutschen Fachpresse finden sich hierüber ziemlich eingehende Veröffentlichungen.

In weit geringerer Zahl jedoch liegen die Lösungen vor für die Aufgabe, wenn es sich darum handelt, die mit der Wasserstraße ankommende Kohle an dem Hauptstapelplatz aus den Barken oder Leichter­schiffen in die atlantischen Dampfer zu verladen. Auch hier drängt der Wettkampf unter den einzelnen Dampferlinien auf die knappste Bemessung der Ladefristen für die Dampfer selbst. In erster Linie ist gleichfalls dahin zu streben, das Umladege­schäft tunlichst zu vereinfachen und abzukürzen. Sodann aber tritt auch hier die Aufgabe in den Vordergrund, durch die Art und Weise des Umladens den Stückgehalt der Kohle so gut wie irgend möglich zu erhalten, da auf dem Weltmarkt überhaupt nur Kohle von verhältnismäßig hohem Stückgehalt erfolgreich in Mit­bewerb treten kann. In den meisten Fällen hat man für die vorliegende Aufgabe ein Verladen der Kohle von Hand aus den Leichter­schiffen in Holzkörbe oder runde Eisengefäße eingeführt, welche alsdann mit hydraulischen Kranen aufgezogen und durch Auskippen in den Tiefraum des Dampfers entleert werden. In der nachfolgend zu beschreibenden Betriebsweise der Aire- und Calder-Schiff­fahrt werden jedoch die Schiffsgefäße, welche wie die Wagen eines Eisenbahnzuges zu einem Schiffszuge aneinander­gekuppelt werden können, selbst einzeln aus dem Wasser aufgezogen und in eine Schütt­rinne ausgekippt, welche den Inhalt in den Dampfer entleert.

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• Auf epilog.de am 21. August 2026 veröffentlicht

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