Forschung & TechnikWissenschaft

Ein unfassbares neues Metall

Die Gartenlaube • 1869

Über die Aufsaugung von Gasen durch Metalle bei gewissen höheren Temperaturen oder unter Einfluss der Elektrizität sind von dem bekannten englischen Chemiker Graham eine Reihe interessanter Versuche angestellt worden. Die Metalle verhalten sich in den Graden ihrer aufsaugenden Kraft verschieden, allen voran aber steht da Palladium. Wird ein Blech oder Draht dieses Metalls in ein Glasrohr gebracht, die Luft herausgezogen und dafür trockenes Wasserstoffgas andauernd hineingeleitet, so absorbiert das Metall, wenn das Rohr dabei auf 100° C erhitzt wurde, davon das 950 – 980 fache seines eigenen Volumens. Schon bei gewöhnlicher Sonnenwärme wird das 376 fache verdichtet; dagegen bewirken Temperaturen über hundert Grad hinaus, je höher sie steigen, in zunehmendem Maße eine Wiederaustreibung bis zur gänzlichen Erschöpfung. Auf einfachere Weise wird die Sättigung des Metalls mit dem Gas erreicht durch Verbindung des ersteren mit dem Wasserstoffgas einer galvanischen Batterie, in welcher Wasser zersetzt wird. Das im Metall verdichtete Gas zeigt die ihm eigenen chemischen Reaktionen, aber energischer als unter gewöhnlichen Umständen; ein gasbeladenes Palladiumstäbchen entfärbt die blaue Jodstärke, das übermangansaure Kali bildet in einer Lösung von Blutlaugensalz Berlinerblau etc.

Also das leichteste aller Gase, das sich noch auf keine Weise zu einer Flüssigkeit verdichten ließ, befindet sich in den Poren eines Metalls in fast tausendfacher Konzentration, und es liegt nun die Frage nahe, in welchem Zustande es sich hierbei befinden möge. man könnte wohl vermuten, die Wasserstoffatome möchten zu einer Flüssigkeit zusammengedrängt sein; Graham dagegen ist zu der Überzeugung gelangt, der Wasserstoff selbst sei nichts anderes als der Dampf einem höchst flüchtigen Metalls, welches sich unter den angegebenen Umständen mit dem Palladium zu einer ordentlichen Legierung zusammen tue und somit einen festen Bestandteil in derselben ausmache. In der Tat zeigt sich das mit dem Wasserstoff gesättigte Metall in seinen Eigenschaften dem entsprechend verändert: seine Dichtigkeit und Fähigkeit sind wesentlich vermindert, ebenso seine Leitungsfähigkeit für Elektrizität, wie dies bei Legierungen der gewöhnliche Fall ist. Dagegen erhält das Palladium, welches an sich sehr wenig magnetisch ist, durch die Verbindung mit Wasserstoff diese Eigenschaft in ansehnlichem Grade, ganz so, als sei es mit einem stark magnetischen Metall legiert worden. Auf diese Indizien hin hat Graham den Wasserstoff in die Reihe der Metalle gestellt und Hydrogeninm benannt. Dass man aber dieses flüchtige Wesen jemals in Form solider Barren in die Hände bekommen werde, ist undenkbar. Die Grahamschen Versuche sind von hohem Interesse, aber das daraus Gefolgerte ist zur Zeit noch Hypothese.

• Auf epilog.de am 11. Dezember 2017 veröffentlicht