Forschung & TechnikWissenschaft

Das Lachgas

Die Gartenlaube • 1869

Die gebräuchlichsten fest überall angewandten Betäubungs- und Schmerzverhütungsmittel bei Operationen am menschlichen Körper sind bekanntlich Chloroform und Schwefeläther. Jedes der beiden hat seine Verfechter, die das andere verwerfen, Tatsache ist es indes, dass die Anwendung des einen wie des andern mit Gefahr verbunden ist und Todesfälle nicht allzu selten im Gefolge gehabt hat, und dass auch im gelungenen Fall Schwindel, Kopfschmerz und sonstiges Übelbefinden als Folgen der Betäubung zurückzubleiben pflegen. In letzter Zeit beginnt nun als ein neues Anästhetikum das Lach- oder Lustgas (Stickstoffoxydul) sich geltend zu machen, das eigentlich gar keine Neuigkeit ist, sondern schon 1800 von Davy zur Anwendung für denselben Zweck vorgeschlagen wurde. Allein obschon seitdem in Hörsälen und sonst mit dem Gas vieltausendfache Proben angestellt worden sind, weil sich immer Leute fanden, die seine eigentümlichen Wirkungen an sich selbst zu erfahren wünschten, so hat seine praktische Anwendung doch erst in letzter Zeit, vor etwa zwei Jahren, und zwar zuerst in Amerika begonnen. Diesem Beispiele sind kürzlich die Engländer und Franzosen gefolgt. In Amerika zählt man bereits mehr als vierzigtausend Fälle gelungener Anwendung, in England über zweitausend. Das Mittel passt indes nicht für schwere und mehr Zeit erfordernde Operationen, sondern nur bei solchen, die in ein paar Minuten abzumachen sind, wie das Ausziehen von Zähnen, Öffnung von Geschwüren und dergleichen. Es sind darum auch besonders die Zahnärzte die eifrigen Freunde des Lachgases geworden, obschon seine Anwendung umständlicher und seine Bereitung kostspieliger ist als die der andern Mittel. Denn es muss, um keine üblen Wirkungen zu haben, erstlich chemisch ganz rein sein und dann auch so verabreicht werden, dass es unvermischt mit Luft eingeatmet werden kann, wozu ein besonderer Apparat gehört. Unter diesen Bedingungen ist die Wirkung des Mittels so rasch als gutartig, in sechzig bis achtzig Sekunden pflegt der Betäubungszustand einzutreten, fünfzig bis hundert Sekunden anzudauern und dann plötzlich und vollständig, ohne Hinterlassung von Nachwehen, wieder zu verschwinden. Nun muss aber bei der gewöhnlichen Schilderung der Lachgaswirkungen – ungeheure Heiterkeit, unwiderstehlicher Lachtrieb, lebhafte Körperbewegungen und Gestikulation – wohl die Frage entstehen, wie bei solchen Zuständen eine Operation tunlich sein könne. Hierauf antworten uns die Operateure, die Wirkungen sind nicht allein nach den Temperamenten verschieden, sondern hängen wesentlich auch von der augenblicklichen Gemütsstimmung ab. Wer im Begriff ist sich einer Operation zu unterziehen, schwebt immer in einiger Besorgnis, und da kommt es gar nicht oder doch nur in den seltensten Fällen zu lebhaften Ausbrüchen. Manche Patienten verlieren auch gar nicht das Bewusstsein, sondern sehen alles, was um sie vorgeht, aber in dem ungemeinen Wohlgefühl, das der Einatmung folgt, bleiben die Schmerzen der Operation von ihnen unbemerkt. Übrigens ist die merkwürdige Wirkung dieses Mittels eben auch, wie bei Chloroform und Äther, nichts anderes als das Vorspiel einer Erstickung, die bei zu weit fortgesetzter Anwendung nicht ausbleiben würde.

• Auf epilog.de am 5. September 2017 veröffentlicht