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Neue Erfindungen und Kulturfortschritte

Ein neuer Wagen

Von Max Wirth

Über Land und Meer • Juli 1878

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

Obgleich die Amerikaner nicht stark in der Theorie sind, so haben sie doch häufig in der Mechanik durch die Anwendung bekannter Gesetze in neuen Kombinationen unsere technischen Gelehrten geschlagen. Die hohen Arbeitslöhne in den Vereinigten Staaten und die Schwierigkeit, anhängliche Dienstboten zu finden, in Verbindung mit einem guten Patentgesetz haben zusammengewirkt, um eine Menge von Verbesserungen in den Gerätschaften, Werkzeugen und Maschinen hervorzurufen, für welche der Sinn der Europäer gewissermaßen verschlossen schien oder die in Amerika erst die günstige Aufnahme fanden, welche sie verdienten.

Die erste Nähmaschine ist eigentlich von einem Österreicher, der Telegraf von einem bayerischen Gelehrten, das Telefon von einem Frankfurter erfunden worden, allein Amerikaner haben diesen Erfindungen erst die praktische Gestalt gegeben. Bahnbrechend sind die Amerikaner namentlich in solchen Gerätschaften, Werkzeugen und Maschinen, mit welchen man in Europa schon seit langer Zeit bekannt ist und bei denen man eben wegen der langen Gewohnheit des Gebrauchs und der Zähigkeit der Tradition unter der Masse des Volkes nur schwer zu einer Verbesserung sich entschließen kann. So wurden z. B. im Schiffbau seit den Wikingerzeiten keine Fortschritte gemacht, bis die Amerikaner das Klipper­schiff bauten und das Dampfschiff erfanden. Durch das Klipper­schiff wurde die Schnelligkeit der Schifffahrt verdoppelt und durch das Dampfschiff dieselbe vervierfacht und von der Willkür der Elemente emanzipiert wurde. Die heutige europäische Axt hat noch dieselbe Gestalt wie das Nephrit­beil der Pfahlbauten! Erst die Amerikaner haben ihr und allen verwandten Werkzeugen eine neue, brauchbarere Gestalt gegeben. Sämtliche Haushaltungsmaschinen, eine große Anzahl landwirtschaftlicher und gewerblicher Maschinen und Gerätschaften haben wir nur den Amerikanern zu verdanken.

Unter solchen Umständen wird es von Interesse sein, unseren Lesern eine neue amerikanische Idee in Bezug auf unsere konservativste Gerätschaft, den Wagen, vorzuführen. Wer einmal einem Trab­wett­rennen beigewohnt hat, wie sie namentlich im Prater zu Wien gegenwärtig mit ebenso großer Auszeichnung wie in Amerika und Russland ausgeführt werden, wird mit Wohlgefallen der federleichten zweiräderigen Rennwagen oder Karren gedenken, welche dem Pferd den Gebrauch fast aller seiner Kräfte freilassen, weil sie die tote Last und die Reibung auf ein Minimum reduzieren. Auch diese Wagen sind eine Konstruktion der Amerikaner, denen ihr ausgezeichnet zähes Hickory­holz dabei besonders zustattenkommt. Dasselbe ist verwandt mit unserer Hage- oder Weißbuche, indessen von der Zähigkeit unseres Eibenholzes, welches letzteres in den europäischen Forsten leider zu selten wird. Nur im Salzkammergut und in Südtirol trifft man zuweilen noch Stämme dieses im Mittelalter als ausschließliches Material für die Bogen und die Armbrust so hoch geschätzten Holzes.

Auf der Londoner Ausstellung von 1862 zog ein amerikanischer Wagen wegen seiner leichten, gefälligen Form und Solidität die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. In der letzten Aprilnummer des Scientific Americans schlägt nun ein Amerikaner eine neue Wagenkonstruktion vor, welche zwar von der Basis jenes zweiräderigen Karrens ausgeht, aber eine vollkommen originelle Gestalt annimmt, durch welche die Verminderung der toten Last und der Reibung den äußersten Grad erreicht. Man denke sich ein ungefähr wie ein Sattel gestaltetes Wagengestell zwischen den beiden Rädern, unter welchem das Pferd frei steht und auf welchem der Kutscher und vier Passagiere sitzen können. Equibus Um diesen freien Stand des Pferdes zu ermöglichen, ist die Achse der ungefähr zwei Meter hohen Räder in der Gestalt eines Omega (Ω) gebildet, in deren Wölbung der Leib des Pferdes passt und auf welche das Gestell aufgelegt ist, so dass es einem freischwebenden Sattel ähnlich ist, der in der Mitte, dem Rückgrat des Pferdes entlang, eine dünne eiserne Lehne trägt. Die Passagiere sitzen quer links und rechts, mit den Füßen auf Trittbrettern, welche sich über den beiden niedrigen Extremitäten der Achse befinden. Das Gleichgewicht des mit Wänden aus leichtem, starkem Material, etwa Rohr- oder Weidengeflecht, umrahmten Gestells ist, wie bei den sonstigen zweiräderigen Wagen, nach hinten verlegt. Indem nämlich der Kutscher vor der Achse, zwei Passagiere gerade über der Achse und zwei hinter der Achse sitzen, so steht das Gewicht von zwei Personen hinten dem Gewicht des Kutschers und des Bocks vorne gegenüber. Das Gleichgewicht ist also ungefähr mit dem Gewicht eines halben Zentners nach hinten gerückt und das Pferd fühlt sich in der gleichen Weise vorne erleichtert. Der Wagen enthält keine Deichsel oder Gabel, sondern ist an ungefähr 60 cm langen Hörnern an beiden Seiten des Kummets befestigt. Das Pferd ragt mit dem Kopf und Vorderfüßen vorne am Wagen heraus, so dass es der Kutscher ungefähr in derselben Lage wie ein Reiter lenkt. Der Schweif, sowie im Lauf die Hinterfüße kommen am Hinterteil des Wagens zum Vorschein. Auf den bisherigen zweiräderigen Tilburys können nur zwei oder im höchsten Falle drei Personen Platz finden. Da mit diesem neuen Wagen fünf Personen befördert werden sollen, so würde diese Konstruktion der Ersparung eines Pferdes gleichkommen, während dabei gleichzeitig die höchstmögliche Schnelligkeit erreicht wird. - R E K L A M E - Mit dem Käfer in die Alpen Ein solcher Wagen wird daher in der Ebene und auf guten Straßen außerordentliche Dienste leisten und sowohl durch seine Schnelligkeit als seine Kostenersparnis einen namhaften wirtschaftlichen Fortschritt bewirken können, wenn sich nicht in der Praxis bis jetzt unbekannte Nachteile herausstellen sollten.

Wir fügen eine Abbildung von der Lang- und Rückseite des neuen Wagens bei, für welchen der Erfinder in ungrammati­kalischer Nachbildung des ›Omnibus‹ den Namen ›Equibus‹ vorschlägt.

Schließlich halten wir uns um der Gerechtigkeit willen verpflichtet zu erwähnen, dass die Priorität dieser Idee zum Teil einem Österreicher, Theodor Tamatschek in Neutit­schein (Mähren) gebührt. Derselbe hatte nämlich bereits auf der Wiener Weltausstellung 1873 das Modell eines denselben Zweck verfolgenden Karrens ausgestellt unter dem Namen ›das Pendelfahrzeug‹. In der diesem Modell beigegebenen Beschreibung, welche uns vorliegt, finden wir die Abbildung eines Karrens, dessen beide Räder einen Durchmesser von 2,7 m haben sollen, und welcher acht Personen fassen und, belastet, vollkommenes Gleichgewicht haben soll. Er unterscheidet sich von dem amerikanischen Projekt aber darin, dass das Pferd nicht zwischen den beiden Rädern unterhalb der Belastung, sondern vorne in einer Gabel läuft.

• Auf epilog.de am 23. Februar 2026 veröffentlicht

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