Handel & Industrie in Berlin

Ein Berliner Kaufhaus

Über Land und Meer • Mai 1882

Voraussichtliche Lesezeit rund 14 Minuten.

Reizend war die Agenda, die uns Rudolph Hertzog ins Haus geschickt hatte – interessant aber war der Katalog, der wenige Tage später in unseren Besitz gelangte. Lange, viel zu lange Zeit schier verwandten wir auf das Durchlesen dieses stattlichen Bandes, aber endlich waren wir schlüssig geworden, dem Frühling, der in diesem Jahr so früh schon an unsere Fenster pocht, Rechnung zu tragen, d. h. für unsere Früh­jahrs­garde­robe zu sorgen. Ist man erst über das Wo im Klaren, das Was ergibt sich schon an Ort und Stelle rasch genug. Erdgeschoss. Detail-Verkaufsräume für Manufaktur-, Mode- und Seidenwaren.Erdgeschoss. Detail-Verkaufsräume für Manufaktur-, Mode- und Seidenwaren. Am nächsten Tage lenkten wir unsere Schritte nach dem wohlbekannten Haus, Breite Straße 14 und 15. Reich mit Marmorschildern geschmückt erscheint die Fassade. Vornehm präsentieren sich die Gebäude, in welchen das größte Berliner Kaufhaus untergebracht ist. Blendende Helle verbreiten die vier kolossalen dreiarmigen Kandelaber, nach neuestem Pariser System konstruiert, weithin über die ganze Breite Straße. Wir treten in das Vestibül. In den Fußboden aus weißem Marmor ist die Firma und Jahreszahl der Gründung des Geschäfts (1839) mosaikartig eingelegt. Die Seitenwände sind mit pompejanisch rotem Marmor in einer Einfassung von grünlichem Marmor bedeckt. Zwei Bronzereliefs, modelliert von Professor Blaeser, und ebenso ausgezeichnet durch die Komposition wie durch die Ausführung, stellen links den Abschied des Jünglings vom Haus, rechts die Rückkehr in dasselbe, die Lehr- und Wanderjahre dar. Der Eindruck, den man empfängt, sobald man eines der hohen, von granitenen Säulen getragenen Portale passiert hat, ist ein überwältigender. Die imposante Größe des Raums, der prächtige architektonische Schmuck, die echt bürgerlich vornehme Eleganz, das alles weicht so sehr von dem sonst in Berlin Gewohnten ab, dass niemand sich der Überraschung erwehren kann. Kaum, dass wir wissen, womit zuerst anfangen, um das richtige Bild dessen zu geben, was zu beschreiben wir unternommen haben. Es ist gut, dass wir unserer mehrere sind, allein wäre wohl keine von uns zurechtgekommen. Unsere Ida St. hat ein gutes Gedächtnis, sie kennt das Geschäftshaus Hertzog schon langer und so hilft sie ergänzend und berichtigend nach.

Vor allem ist eins auffällig, und zwar sehr angenehm auffällig, sobald man die Verkaufshalle betritt: Man fühlt, dass alles, was da geschaffen ist, für die Damenwelt geschaffen wurde. Elegante Blumenständer, deren feine Ziselierung auf Pariser Arbeit hindeutet, tragen frische Blumen, ein kleiner Goldfischteich, der durch einen plät­schernden Strahl in Bewegung gehalten wird, ist mit den Kindern des Frühlings umsäumt, an den Treppenabsätzen sehen wir Blumen, – und doch drängen sie sich nicht auf. Es waren eben die Gasflammen angezündet worden, als wir eintraten, und der weite, mächtige Raum schwamm in einem Meer von Licht. Freundlich, zuvorkommend sind die Verkäufer daselbst; es wirkt wohltuend, von jener geschwätzigen Aufdringlichkeit verschont zu sein, die man sonst hie und da antrifft.

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• Auf epilog.de am 22. September 2026 veröffentlicht

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