Handel & IndustrieHandwerk

Der Drechsler

Galerie der vorzüglichsten Künste und Handwerke • 1830

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Der Drechsler ist ein Handwerksmann, welcher die Kunst versteht, mit verschiedenen scharf­schnei­denden Eisen auf der Drehbank verschiedene Sachen und Geräte aus Holz, Horn, Knochen oder Metall zu drehen.

Zu diesen Arbeiten ist das unentbehrlichste Erfordernis eine gute Drehbank. Die Drehbank wird in das Vorder- und Hinterteil eingeteilt. Das Vorderteil ist ein langer Tisch von starken Bohlen, welcher der Länge nach gespalten ist, und an dessen Enden sich zwei kurze Pfeiler befinden. Der eine von diesen Pfeilern trägt einen horizontal eingeschlagenen Zapfen, welcher in den Mittelpunkt des Stücks eingeschlagen wird, das gedreht werden soll, und die gerade Pinne genannt wird. In der Spalte oder sogenannten Wange der Drechselbank befindet sich ein beweglicher Pfeiler, der hin und her geschoben werden kann und der Reitstock genannt wird. An diesem Reitstock ist ein eiserner krummer Haken, welcher die krumme Pinne heißt. Zwischen dieser und der geraden Pinne wird der eingespannte abzudrehende Körper beim Drechseln herumgedreht; und dieses Drehen wird durch ein Rad mit einer Schnur, welches durch einen beweglichen Fußtritt am Boden in Bewegung gesetzt wird, bewirkt.

Das Drechseln oder Drehen besteht also in der Kunst mancherlei Dingen aus Holz, Knochen, Elfenbein, Horn oder Metall und dergleichen, gerundete und künstliche Gestalten vermittels mancherlei scharf­schnei­dender Instrumente oder sogenannter Dreheisen zu geben. Diese Arbeit wird deshalb Drehen oder Drechseln genannt, weil vermittels einer Schnur und des Rades der Drechselbank, der Körper, welcher auf derselben gebildet werden soll, zwischen den beiden Reitstöcken, herumgedreht wird. Es gibt jedoch noch eine andere Art zu drehen, wo, vermittels besonders dazu eingerichteter Maschinen und Drehbänke, die abzudrehende Sache nicht allein in die Runde herumgedreht, sondern auch zugleich hin und her geschoben wird, wodurch teils Zirkel­linien auf die Arbeit gebracht werden, teils auch mancherlei eiförmige, eckige, vielseitige und andere Figuren verfertigt werden können. Dieses nennt man Passig­drehen oder Kunstdrehen, und deshalb werden die Drechsler, je nachdem sie das eine oder das andere Drehen treiben, gewöhnliche Drechsler oder Kunstdrechsler genannt.

Das gewöhnliche Drechseln geschieht auf der Dreh- oder Drechselbank, indem man die Arbeit zwischen die Spitzen der Reitstöcke, oder auch wohl in die sogenannte Docke einspannt und abdreht. Ehe aber eine abzudrehende Sache zwischen die Pinnen des Reitstocks gestellt werden kann, muss der Drechsler seine Aufmerksamkeit darauf richten, dass das Stück Holz, Horn, Metall oder was sonst bearbeitet werden soll, und was er vorher mit einem Beil aus dem Groben zu einer runden Walze zugehauen hat, gerade in der Mitte der beiden Flächen oben und unten gefasst werde. Deshalb bedient er sich des Zirkels, um den Mittelpunkt auf beiden Seiten zu finden, oder auch nur des Augenmaßes, wenn dieses geübt und richtig genug dazu ist. Wenn die Arbeit nicht ganz richtig in den Mittelpunkten der beiden Flächen eingespannt wäre, so würde sie auch nicht gleich rund und eben gedreht werden können. Wenn daher der Drechsler bemerkt, dass die eingespannte Sache bei dem Herumdrehen, nicht gleich rund herumläuft, sondern steigt und fällt oder schleudert, so schlägt er mit der Kopfkeule ein wenig darauf, bis er sieht, dass sie durchgängig gleich rund läuft.

Es kommt beim Drechseln vornehmlich darauf an, dass man hinlängliches Licht zur Arbeit habe, um alles deutlich sehen zu können. Deshalb muss die Drehbank an einem solchen Ort stehen, wo das Licht von allen Seiten auf dieselbe fallen kann.

Ferner muss die Drehbank gehörig befestigt sein, damit sie nicht wanken oder sich verrücken kann, sondern unbeweglich stehe. Auch muss sie wenigstens so hoch sein, dass die Wangen derselben dem Drechsler bis über die Hüften reichen, damit er sich bei der Arbeit nicht zu tief zu bücken braucht. Jedoch darf sie auch nicht zu hoch sein, damit die Arbeit dem Gesicht nicht zu nahe komme und etwa Späne davon während des Drehens dem Drechsler in die Augen springen.

Die Hauptsache bei dem Drehen ist, dass man die Kunst versteht, vollkommen rund zu drehen. Deshalb muss die Sache, welche gedreht werden soll, vorher gehörig behauen und zugerichtet werden. Dieses geschieht durch ein Beil, dessen eine Seite platt und das Schräge der Schneide nach der rechten Hand sein muss, damit nur so viel Holz weggenommen wird, als nötig ist. Um aber dieser Sache beiläufig eine gute runde Form und Glätte zu geben, wird sie auch noch mit einem Hobel oder Bindemesser beschnitten, rund und glatt gemacht, wobei man sich einer Raspel bedient.

Hierauf wird die Arbeit selbst vorgenommen, indem man durch den Fußtritt, den unten am Boden befestigten Tritt in Bewegung und dadurch das Rad in Schwingung bringt, und auf diese Art, vermittels der umwundenen Schnur, die eingespannte Sache herumdreht. Hierauf wird der Meißel mit der scharfen Schneide daran gesetzt, der alsdann beim Drehen feine Späne abschneidet und das Holz oder eine andere eingespannte Materie rundet. Außer diesem Meißel hat der Drechsler auch noch andere zum Drehen erforderliche Instrumente, als den drei­schneidigen Stahl, den Schrot­stahl und Schlicht­stahl und andere, und von jedem Werkzeug muss man verschiedene Stücke von abwechselnder Größe haben.

Mit diesen Instrumenten werden die verschiedenen Verzierungen, Leisten, Simse und dergleichen gemacht. So wird zum Beispiel mit dem Schlicht­stahl dasjenige Glied, welches einem Band oder einer Binde gleicht, und Reifchen oder Ringe daran gedreht, und durch den drei­schneidigen Stahl erhalten die Reifchen und Binden ihre gehörigen Gestalten, indem die Schneiden desselben, sowohl rechts als links, zum Schneiden schräg angesetzt werden.

Außer diesen Eisen bedient man sich auch eines anderen von ganz besonderer Gestalt, womit die Arbeit geschwinder zu Stande gebracht werden kann, wenn man es gut zu führen versteht, welches jedoch etwas schwer ist. Dieses Werkzeug ist eine Art von Haken mit zwei Schneiden, so dass es rechts und links gebraucht werden kann. Es ist jedoch nur bei großen Stücken, die hohl ausgedreht werden sollen, anzuwenden, als bei Schüsseln, Tellern, Näpfen, Mörsern und dergleichen.

Die Geschicklichkeit eines Drechslers beruht vorzüglich auf einem guten und richtigen Augenmaß, damit das Eisen bei dem Drehen gehörig geleitet werde, und in einer gleichen, unveränderlichen, festen, der Arbeit angemessenen Richtung des Dreheisens.

Obgleich die Drechsler in zwei Gattungen eingeteilt werden, in Holzdrechsler oder gemeine Drechsler und in Kunstdrechsler, so machen sie doch nur eine Innung aus, und öfters vereint ein Drechsler beide Arten der Drechsel­kunst in sich. Die gemeinen Drechsler verfertigen vorzüglich hölzerne Kugeln, Kegel, Säulen, Walzen, Docken zu Treppengeländern, Tischgestelle, Spinnräder, Haspeln, Stöcke, Perücken­stöcke, Hefte zu verschiedenen Werkzeugen und Messern und andere dergleichen runde, ovale und hohle Sachen.

Die Kunstdrechsler aber beschäftigen sich nicht allein mit dem Abdrehen feiner Arbeiten von kostbarem Holz, sondern auch von Elfenbein, Horn und edlen oder unedlen Metallen, welchen er durch das Drehen mancherlei Formen und Gestalten nebst Verzierungen gibt.

Das Meisterstück, welches die Gesellen dieses Handwerks, die Meister werden wollen, verfertigen müssen, besteht gewöhnlich in folgenden Stücken: Sie müssen einen Globus nebst dazu gehörigem Gestell drehen, der inwendig hohl und im Durchmesser einen Rheinländischen Fuß groß ist. Ferner eine hölzerne Handfeuerspritze von drei Röhren; ein Schachspiel, dessen zweiunddreißig Figuren teils von Ebenholz, teils von Elfenbein gedreht werden, und endlich ein Spinnrad. An einigen Orten müssen sie auch noch andere Dinge verfertigen, wie z. B. in Wien, wo zu dem Meisterstück noch ein Dutzend hölzerne Teller gehören, die so dünn wie ein Span und ganz durchsichtig gedreht sein, und wenn sie ineinander gesetzt sind, nur einen Zoll hoch sein müssen.

In Nürnberg gibt es auch noch eine andere Gattung von Drechslern, welche Rotschmied-Drechsler oder Rotmüller heißen, und vermittels eines Mühlen­werks in Messing arbeiten. In einigen Seestädten gibt es Drechsler, welche aus Bernstein künstliche Sachen drehen, und eine eigene Innung ausmachen, die man Bern­steindrechsler­innung nennt.

Entnommen aus dem Buch:
Ein faszinierender Blick in die Werkstätten einer vergangenen Zeit.
Diese Neuausgabe bietet eine Übersicht über 40 historische Berufe am Übergang zur industriellen Fertigung. Jedes Gewerbe wird durch eine zeitgenössische, farbige Lithographie sowie eine Beschreibung der Arbeitsabläufe und Werkzeuge erläutert. Der Band dokumentiert somit den Stand der Technik und die Arbeitsbedingungen des frühen 19. Jahrhunderts.
  PDF-Leseprobe € 19,90 | 142 Seiten | ISBN: 978-3-695-70930-4

• Auf epilog.de am 26. August 2026 veröffentlicht

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