Handel & Industrie

Die Eisenschmieden im Stubaital

Die Gartenlaube • 1870

Vom Wipptal, an dessen steil abfallenden Lehnen sich nun die großartige Brennerbahn hinwindet, zweigt wenige Stunden von Innsbruck gegen Südwest ein Quertal ab, das wegen seines landschaftlichen Reizes, wie wegen seiner Bewohner dem Touristen und Kulturhistoriker ein erhöhtes Interesse bietet. Es ist Stubai, nächst dem Ötztal wohl das schönste der nordtirolischen Seitentäler. Besonders der Einblick in dasselbe ist überraschend. Man genießt ihn am besten unweit der Höhe des sogenannten alten Schönberges, über dessen streng ansteigenden Rücken die frühere Brennerstraße führte und so dem Reisenden Gelegenheit bot, neben den keuchenden Postgäulen mit Muße das herrliche Bild zu betrachten. Denn gerade hier beim aufgelassenen Zollhäuschen, wo die von Goethe erwähnte majestätische Zirbel steht, sieht man das Tal wie eine natürliche Schaubühne offen ausgebreitet. Zwei gewaltige Felsentürme, der Sonnenstein und die hohe Säule, bewachen den Eingang desselben. An sie schließen sich als Fortsetzung beiderseits mächtige, unten bewachsene, oben kahle Bergkolosse, die sich wie riesige Kulissen, das Tal allmählich verengend, hintereinanderschieben. Den Hintergrund bildet über duftigen Vorbergen die Eiswelt der Stubaier und Ridnauner Gletscher mit ihren scharfgeschliffenen Hörnern und blendenden Schneefeldern, ein prachtvoller Gegensatz zu der unten liegenden grünen Talsohle voll blühender Wiesen und Felder, heller und dunkler Waldpartien, freundlicher Weiler und niedlich zerstreuter Einzelhöfe. Dorf Fulpmes im StubaitalDorf Fulpmes im Stubaital

Mitten in dieser Idylle hat sich der wilde Rutzbach in tiefer Schlucht sein Bett ausgegraben und teilt Stubai in zwei ziemlich breite Mittelgebirge, die sich erst weiter innen zum eigentlichen Talgrunde verflachen. Auf dieser Mittelebene zu beiden Seiten des Bachbettes liegen die Dörfer Schönberg, Mieders, Telfes, Fulpmes und Neustift; dieses blickt noch mit seiner großen Kirche wie ein weißer Punkt aus dem innersten Talwinkel heraus. Dahinter beginnt die Enge des Bergtals. Doch ist diese innere Hälfte durchaus nicht unbewohnt; zahlreiche Weiler mit seltsam klingenden Namen, Mühlen und Hammerwerke beleben die wilde Bergeinsamkeit bis zur letzten Häusergruppe Ranalt. Von dort erst tritt man über Bergwiesen und saftige Almen in die Region des ewigen Eises mit allen ihren Schrecken und Schönheiten.

Unser Weg führt heute bloß bis Fulpmes, dem Hauptorte des Tals, berühmt durch seine Eisengeschmeidefabrikation. Da es etwas vertieft an das Bett des wilden Schlickbaches hingebaut ist, der seine Hammerwerke treiben muss, so kann man es von unserem Standpunkt beim Zollhäuschen, von dem wir gerade den Überblick des Tales genossen haben, nicht erschauen. Nur der rote Kuppelturm guckt vorwitzig über den vorliegenden Hügelrand. Fulpmes ist der Mittelpunkt des geselligen und gewerbtätigen Lebens in Stubai, und es verlohnt sich schon der Mühe, ihm einen Besuch abzustatten; zugleich gibt uns der Weg dahin Gelegenheit, Land und Leute etwas mehr anzuschauen. Wir steigen also noch die hundert Schritte bis zum Plateau des Schönberges; von dort gelangt man dann auf bequemer Straße in das Tal.

Auf der Höhe steht außerordentlich schön gelegen das alte Wirtshaus ›Zum Domanig‹ mit prachtvoller Aussicht ins Wipp- und Inntal. Es hat einst bessere Tage gesehen, als noch der Verkehr diese Route einhielt und Tausende von Postchaisen und schweren Frachtwagen, die dem Brenner zufuhren, hier haltmachten, dem guten Tropfen des bewährten Gasthauses zu ehren, und wir nehmen es auch dem wackeren Herrn Wirt nicht übel, wenn er etwas scheelsüchtig auf die Eisenbahn hinabschaut, die sich tief unten an der jenseitigen Berglehne des Silltals hinwendet und ihn täglich drei- bis viermal an die gute alte Zeit mahnt. Auch von trüben Tagen weiß der gesprächige Wirt zu erzählen, als hier Andreas Hofer Quartier hielt, und er erinnert sich noch ganz gut, wie dieser Bauernführer im ›Herrenstübele‹ mit seinen Leuten zu Mittag speiste und ihm zurief. »Geh’ herein, Büebel, und iss a an Knödel, dass d’ stark wirst!«

Das war am 11. April 1809, ehe es zum Sturm auf Innsbruck ging, das die Bayern besetzt hielten. Da waren die Stubaier auch nicht die Letzten, sondern stellten ihr Kontingent, dreihundertundfünfzig verwegene Schützen; die der alte Pfurtscheller Michele von Fulpmes anführte. Stubaier Waghälse waren es auch, die – ihrer Sechs – tags darauf vom Berg Isel herab ins Dorf Wilten drangen und die bayrischen Dragoner angriffen; sie büßten ihre Tollkühnheit mit dem Leben. Doch weg von diesem traurigen Bild, wo Tirol auf seine deutschen Brüder feuerte, eine Zeit, von der unser Hermann von Gilm singt:

»Mit dem Eisen eurer Pflüge,

Wo der Grund am tiefsten ist,

Grabt sie ein die alte Lüge

Von dem deutschen Bruderzwist.«

Wir drücken also dem wackeren Wirt die Hand und wenden uns taleinwärts gegen das nächste Dorf Mieders. Kühl und prickelnd weht uns die herrliche Gletscherluft entgegen, Nerven und Lunge stärkend, aber nicht so günstig der Vegetation, die unter diesem scharfen Anhauch leidet; daher kommt auch nur an sonnigen gesicherten Stellen des äußeren Talgrundes Weizen und sparsamer Mais zur Reife und der übrige Getreidebau besteht in Roggen, Gerste, Hafer und Erdäpfeln, ohne den Bedarf der Talbewohner zu decken. Bei Gasteig hört er ganz auf und macht den Heimwiesen Platz. Desto reicher und ausgedehnter sind die Alpen Stubais, die Elemente einer blühenden Viehzucht. Die Zahl der jährlich veräußerten Rinder steigt auf zweihundert; nicht minder steht die Zucht der Schweine und Schafe in Blüte, die durch ihre Ausfuhr dem Tal manchen Gulden eintragen, wozu noch der ›Grasvergelt‹ kommt, den fremdes Vieh den Weidenbesitzern abwirft. Daher trübt kein grelles Bild der Armut den ländlichen Frieden dieses reizenden Tales, das besonders in Mieders, in das wir jetzt treten, den Eindruck des Wohlstandes und der ländlichen Behäbigkeit macht. Die Häuser sind größtenteils aus Stein gebaut, die Gassen sauber und freundlich. Es ist einer der beliebtesten Sommerfrischorte, zu dem es die reine Luft, das frische Quellwasser und die entzückende Lage wie geschaffen haben. Dahinter erhebt sich die gewaltige Dolomitpyramide des Sonnensteins. Gegenüber, jenseits des Rutzbachs, leitet von Kreith aus ein lachendes Gelände den Berg entlang zum höchst malerisch gelegenen Pfarrdorfe Telfes. Es liegt hoch oben am Sonnenhange des Tales mitten in schönen Äckern und Wiesen, höher hinauf ziehen sich grüne von Lärchenstämmen unterbrochene Bergmähder.

Eine grauenvolle Schlucht, durch die der Rutzbach sein wildes Wasser zwängt, trennt die beiden Ufer. Durch die wüste Tiefe gelangt man auf rauem Weg hinüber zum genannten Ort, wenn nicht etwa die Fluten, wie es öfter bei Regengüssen oder Hochgewittern geschieht, die Holzbrücke fortgerissen haben. Denn die entfesselten Elemente hausen hier furchtbar, wie zahlreiche Spuren der Zerstörung beweisen. Den Boden bedeckt hergeschwemmtes Gerölle, dazwischen liegen mächtige Felsblöcke, die die Gewalt des Wassers mit sich geführt, riesige Fichtenstämme, wie Halme geknickt, und Ruinen von Häusern, die einst hier gestanden, vollenden das schaurige Bild, das durch das Dunkel der es umgebenden Fichtenwaldungen nur noch mehr hervorgehoben wird.

Etwa eine Viertelstunde nach Mieders kommen wir durch das liebliche Mühltal. Am rauschenden Waldraster Bache stehen einige Mühlen und Sägen, zwischen Obstbäumen und Gebüsch gar anmutig gruppiert. Von hier aus geht es durch einen wunderschönen Lärchenwald. Allmählich steigt das Flussbett an und wird mit den beiden Mittelebenen zu einer ziemlich breiten Talsohle vereinigt. Hart neben uns schäumt in breitem Bett die Rutz. Jetzt nahen wir uns der Holzbrücke, die uns auf das linke Ufer führt, an dem die ersten Vorposten von Fulpmes sichtbar werden. Schon von weitem kündet sich der Fabrikort durch die rauchenden Schlote und durch das dumpfe Gepolter der Hammerwerke an. Je näher wir kommen, desto geschäftiger wird das Treiben und der Lärm; das Wasser braust, die Räder knarren; aus 67 Gewerken tönt der Hammer, der 200 rüstige Gesellen in Atem hält. Freilich gegen die Regsamkeit einer bevölkerten Fabrikstadt verschwindet das Getreibe dieser arbeitenden Schmiede, aber in unserem abgeschiedenen Tale ist dieser Anblick ungewohnt und kontrastiert mit dem Frieden der Umgebung.

Fulpmes liegt eng am Bett des wildflutenden Schlickbaches, der quer von den Kalkwänden des hohen Burgstall herabstürmt und die Gewerke dieses Ortes belebt. Die Häuser sind fast durchgängig von Stein und zeichnen sich durch viele Gewölbe und altertümliche Bauart aus, besonders ist dies in der ›Herrengasse‹ der Fall, welche deutlich die Spuren einstiger Bergwerksgebäude verrät. Gewiss ist, dass vor Jahrhunderten die Eisengruben des Schlicktals in Betrieb waren, bis der Sage nach ein Elementarereignis den Eisenbau plötzlich beendete. Diesem Umstande verdankt die Eisenindustrie von Fulpmes ihre Entstehung, die sich bis ins 16. Jahrhundert zurückführen lässt. Die Haupterzeugnisse sind Kunstpfannen, Stemmeisen, Bügeleisen, Hacken, kurz, alle Arten von Küchen- und Ackerbaugerätschäften; besonders die Messer, Wein- und Raupenscheren und Fußeisen erfreuen sich noch jetzt eines weit verbreiteten Rufes. Nur optische und musikalische Instrumente sind ausgeschlossen. Anfänglich bestimmt, die Bedürfnisse des Tals zu decken, überschritt bald der Handel mit Eisenwaren die Grenzen Stubais und Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die Fabrikate schon durch kräftige Burschen auf Kraxen außertals von Ort zu Ort getragen. Man zog nach Österreich, Ungarn, Böhmen, Polen, Bayern, Baden, Württemberg, in die Lombardei, ja bis in die Levante. Dazu gehörten allerdings die eisenfesten Schultern eines Stubaier Bauern, um solche Lasten landaus, landein zu schleppen. Die Volkssage spricht von drei baumstarken Brüdern Tanzer aus Neustift, von denen einer – der Georg – einmal mit acht Zentnern Eisenwaren auf dem Rücken beim Mauthaus von Schaffhausen angekommen sein soll. Bald sah man jedoch ein, dass der Warentransport zu Wagen sich besser rentiere als das Hausieren, und in den letzten zwei Decennien des 17. Jahrhunderts waren schon 1680 Fuhren jährlich in Bewegung.

Da sich der Handel durch wohlberechnete Spekulation immer mehr erweiterte und infolge der gesteigerten Anforderungen die Kapitalien des Einzelnen nicht mehr hinreichten, so entstanden Handlungskompanien und wurden Niederlagen im In- und Ausland etabliert, die von den Mitgliedern der Gesellschaft von Zeit zu Zeit besucht wurden. Diese trugen dann einen langen Rock von feinem blauen Tuch, Beinkleider aus feinem Manchester mit grünen Hosenträgern, schwarzseidene Halstücher und grüne Hüte. Kamen sie wieder in ihr Tal, so ward die Kleidung gleich wieder mit der schönen einheimischen Tracht vertauscht: violette Joppe, hochrote Weste mit goldübersponnenen Knöpfen und Zwickeln, schwarze Lederhosen mit grünen Tragbändern, auf dem Kopf der gelbe mit grüner Seide ausgeschlagene breitschattige Hut.

Den größten Aufschwung nahm Fabrikation und Geschäft der Stubaier, als das Jahr 1804 den Kommissionshandel ins Leben rief, und an die Stelle der Reisen die Korrespondenz trat. Doch ging der Hausierhandel lebhaft nebenher. Der alljährlich konsumierte Rohstoff von Eisen, Blech und Draht stieg gegen 4000 Zentner, den 29 Groß- und Hammermeister und gegen 60 Kleinmeister mit ihren Gesellen verarbeiteten. Man bezieht den Bedarf fast nur aus Kärnten und Steiermark, kaum ein Neuntel aus Tirol, da das Eisen aus letzterem einesteils zu grob, anderseits zu teuer ist. Messing, Kupfer und Tomback* *) Ein aus Kupfer, Messing und einem Anteil Zinn oder Zink bestehendes Metallgemisch. liefert Achenrain bei Rattenberg, die Kohlen Stubai selbst, Ebenholz, Elfenbein, Schildkrot, Perlmutter, Silber, Schmirgel etc. kommt von allen Seiten. Man kann die Gesamtauslage für das Rohmaterial auf 65 000, den Gewinn zur Zeit der Blüte auf 115 000 Gulden anschlagen, der immerhin ein erfreulicher und nennenswerter ist, wenn man bedenkt, dass dies Alles bloß Handarbeit ist, und nicht gerade die Verhältnisse eines Krupp zum Maßstab machen will. Der Gewinn wanderte größtenteils wieder ins Tal zurück und wurde nach dem Maßstabe des eingelegten Kapitals an die Mitglieder der Gesellschaft verheilt, die ihn meist zum Ankauf eines Grundstücks verwendeten, wo sie an der Seite eines einheimischen Weibes behaglich ihre alten Tage zubrachten. Im Verlaufe der Zeit ist allerdings manches anders geworden; das Wandern hat fast ganz aufgehört und die meisten Händler haben sich, gleichgültiger gegen die Heimat, mit ihrem Vermögen im Ausland niedergelassen. Gegenwärtig weilen nur noch zwei bedeutende Handelsfamilien in Fulpmes, die geachteten Firmen Pfurtscheller und Hellrigl, wegen ihrer Solidität im In- und Ausland geschätzt. Letzterer, der unternehmende Peter Hellrigl gab in der jüngsten Zeit der Eisenindustrie Stubais einen neuen Schwung durch die Fabrikation dauerhafter, aus einem Stück gepresster und silberblank verzinnter Küchengeräte, während diese früher nur durch Hammerwerke erzeugt werden konnten. Diese beiden Firmen repräsentieren den ganzen Eisenwarenhandel Stubais. Ihre Niederlagen sind zugleich Ablagerungsstätten der übrigen Groß- und Kleinschmiede des Tales, von denen sich acht in Neustift, sieben in Telfes und Plöven, fünf in Mieders befinden.

Schmiede in FulpmesSchmiede in Fulpmes

Man kann sich nicht leicht einen malerischeren Anblick denken, als den einer solchen Kleinschmiede, die für das Landschaftsbild die wünschenswerteste Staffage bildet. Das Innere der Werkstätte ist tief geschwärzt, der Raum ungewöhnlich hoch, das Licht bricht von oben durch geöffnete Läden und glitzert auf dem blanken Amboss und den Hämmern. Ein rußiger Geselle drängt uns plötzlich auf die Seite, ein gewaltiges Stück durchglühten Eisens in der Hand – ein Ruck an einem eingehackten Strick – draußen rauscht das Wasser stärker – und der größte Hammer hebt sich und fällt mit donnernden Schlägen auf das untergeschobene Eisen; man meint, die Felsstücke müssen bersten, in dem die Ambosse ruhen – der Boden zittert – und der ganze schwere Holzbau kracht in seinen Fugen; ruhig aber, seine Pfeife im Munde und von den Funken umsprüht, steht der markige Geselle; unter wohlberechneten Drehungen hat sein Eisen die bestimmte Form erhalten, er hängt den Strick wieder ein, und unbeweglich ruht der Hammer. In gleichmäßiger steter Bewegung bleibt nur das Rad, welches vermittelst einer Welle die Blasebälge hebt und drückt. Im hintersten und dunkelsten Teil der Werkstatt dreht sich langsam und wuchtig ein Schleifstein, so groß wie ein Mühlstein; vor ihm, über und über mit dem Schlamm des Steines beworfen, sitzen zwei Männer auf Schwungbrettern, welche bis ziemlich zur Mitte des Steines reichen; das Eisen, welches sie unter dem Brett anlegen und mit allem Kraftaufwand mit diesem zugleich gegen den knirschenden Stein drücken, ist nur roh geschmiedet und trotz des reichlich zufließenden Wassers sprühen Funken umher; es ist eine harte Arbeit, vermittelst welcher die so zum Schneiden bestimmten Artikel, wie Pflugschar, Sensen, Äxte und Werkzeuge der verschiedensten Handwerke, aus dem Gröbsten zugeschliffen werden. In einem andern, eine Stiege höher befindlichen Raum finden wir eine Reihe kleinerer, feiner, schnurrender Schleifsteine; hier bekommen die Artikel das glänzende Aussehen, und hier werden auch die Schneiden vollendet.

Neben der eigentlichen Werkstatt sind noch kleine abgeänderte Räume, in denen gefeilt und die nötige Schlosserarbeit geliefert wird; seitwärts führt ein schmaler Gang in ein freundliches Zimmer, wo junge Mädchen und Kinder bei lustigen Liedern die letzte Hand ans Werk legen; dort entsteht die glitzernde Politur der feinen Artikel, die einzelnen Teile werden durch Schräubchen zusammengesetzt, die fertigen Gegenstände verpackt u. dergl.

Noch einmal gehen wir zurück, um das hübsche anregende Bild der Werkstatt zu überschauen – da klingt ein helles Glöckchen durch das Hämmern und Prasseln hindurch –ein Ruck des Altgesellen an einer herabhängenden Schnur, die Räder draußen stehen still, das Wasser verläuft sich, die Feuer sinken auf dem Herd zusammen – es ist Mittag.

Die Werkstatt ist verlassen; draußen im Dorfe läutet die Glocke den Mittagssegen – der alte Meister aber mit seinen Gesellen steht, die Hände gefalten, um den einfachen Tisch – die helle Stimme der Schaffnerin des Hauses betet vor und tiefen Tones fallen die Männer in den altherkömmlichen Segen ein …

Der Hauptherd der Fabrikation bleibt immer Fulpmes, dem die ergiebige Wasserkraft des Schlickbaches zur Verfügung steht. Leider hat dieser Brotvater oft schlimme Launen und bedroht bei heftigen Gewittern nur zu oft die gewerbetätigen Stätten mit arger Verwüstung. So riss er im Jahre 1807 einundzwanzig Wohnhäuser und Schmieden weg, und die Schreckensnächte des letzten Herbstes sind noch in frischem Gedächtnis. Überhaupt ist Stubai gefährlichen Hochgewittern mit Wolkenbrüchen sehr ausgesetzt. Gegen die vernichtende Wut des entfesselten Elementes hilft kein Wehren und Dämmen. Schauerlich wimmert dann die Sturmglocke von Ort zu Ort; wie losgerissene Ungetüme fluten die hochgeschwellten Wasser mit donnerähnlichem Gebrause einher, Häuser, Ställe, Brücken mit sich fortreißend, während pechschwarze Nacht über dem Tal liegt. Und solche Unglücksfälle ereignen sich mehr oder minder fast jedes Jahr und sind besonders den tiefer drinnen liegenden Ansiedelungen verderblich, denen sie das gute Erdreich von Wiese und Acker wegschwemmen, so dass die Getroffenen dasselbe handvollweise sammeln und in Körben auf die verödete Stelle tragen müssen. Trotz dieser und anderer Drangsale, wie sie fast jedes tirolische Tal mit sich bringt, sind die Stubaier ein fröhliches, aufgewecktes Völkchen, das auf Zucht und Sitte hält, aber nach getaner Arbeit gerne lebt, singt und einen lustigen Kirchtag feiert. Wer ein gesundes Volksleben sehen will, der komme nach Fulpmes, am besten an einem Feiertag, wenn die brausenden Räder und die polternden Hammerwerke schweigen und ein sonntäglicher Frieden über dem Dorfe ruht. Da sieht man sie dann stehen, die Ehrenmänner mit den schwieligen Händen, ihre kurzen Holzpfeifen im Mund, in Gruppen vergnügt plaudernd oder vorübereilende Dirnen neckend. Wer möchte in diesen schmucken Burschen mit den blutroten Nelken und der Trutzfeder am Hut die rußigen Gesellen erkennen, die noch gestern an der prasselnden Esse die wuchtigen Hämmer schwangen! Aus dem Wirtshaus aber tönt heller Jubel, Tanz und Gesang:

»Lustig wir Schmiedler,

Müssen uns plagen,

Müssen die Guldenzettel

Aus dem Eisen auserschlagen.«

Der gellende Juchzer darauf beweist, dass die harte Arbeit den guten Humor nicht verdorben hat.

• Dr. Ludw. v. Hörmann

• Auf epilog.de am 28. November 2021 veröffentlicht