VerkehrSchifffahrt

Der Dortmund-Emskanal und das Schiffshebewerk bei Henrichenburg

Das Neue Universum • 1899

Unter den neueren zum Ersatz von Schleusentreppen angelegten Schiffshebewerken oder Schwimmschleusen, deren bereits in England, Frankreich und Belgien verschiedene gebaut worden sind, ist die gewaltige Schwimmschleuse des Dortnund-Emskanals beim Ort Henrichenburg in der Nähe von Dortmund bei weitem das größte. Schiffshebewerk bei HenrichenburgSchiffshebewerk bei Henrichenburg Der Kanal von Dortmund zur Ems ist in den letzten Jahren mit einem Aufwand von vielen Millionen gebaut worden, um den größten Knotenpunkt des rheinisch-westfälischen Kohlenverkehrs mit der Nordsee in direkte Verbindung zu bringen; gleichzeitig ist durch die Kanalisierung der Ems und die teilweise Herstellung von Nebenkanälen zu ihrem Lauf ein neuer deutscher Strom der Großschifffahrt erschlossen worden. Der neue Kanal erhält unter anderm bei Papenburg, dem Mittelpunkt der westdeutschen Moorkolonisation, einen umfangreichen Hafen, durch ein System von Seeschleusen in den Kanal übergehend. Diese Schleusen dienen, ähnlich den gewaltigen Seeschleusen des Nord-Ostseekanals dazu, die niveauverändernden Wirkungen der Ebbe und Flut vom Kanal abzuhalten und zu jeder Zeit das Ein- und Auslaufen der Schiffe zu ermöglichen. Der Wasserstand des Kanals wird teils durch die großen beim Schleusen ihm aus der See zuströmenden Wassermengen, teils durch ein gewaltiges Pumpwerk im oberen Lauf des Kanals, welches das Wasser der Ruhr in den Dortmund-Emskanal emporhebt, auf der nötigen Höhe erhalten.

Wir geben hier außer einer Karte, welche den Lauf des Kanals veranschaulicht, einige Abbildungen, die während der Bauzeit aufgenommen wurden; die wichtigste und merkwürdigste Bauausführung ist aber zweifellos das in unserer Abbildung dargestellte Schiffshebewerk oder die Schwimmschleuse. Da die Höhe vor Dortmund mit dem Niveau des Hauptkanals nicht übereinstimmt, so sind alle nach dem Dortmunder Hafen gehenden Schiffe um etwa 15 m zu heben und in umgekehrter Fahrtrichtung ebenso viel zu senken.

Dortmund-EmskanalDer Kanal von Dortmund nach den Emshäfen.

Bei Henrichenburg, etwa 2 Meilen nördlich von Dortmund, ließ sich dieser ganze Niveauunterschied auf einen Punkt vereinigen, weshalb hier eine sogenannte Schwimmschleuse angelegt wurde, die den andernfalls für dieselbe Hebung nötigen 5 Stauschleusen sowohl durch ihren geringen Wasserverbrauch als an Schnelligkeit des Durchschleusens weit überlegen ist. Das Hebewerk besteht in der Hauptsache aus einem eisernen, beweglichen Trog von 70 m Länge, der Schiffe bis zu 600 Tonnen Last aufnehmen und auf- und abwärts befördern kann. Da dieser Kasten mit seinem Wasserinhalt nicht weniger als 60 000 Zentner wiegt, wovon etwas mehr als die Hälfte auf das bewegte Wasser, etwas weniger als die Hälfte auf die Eisenlast nebst den zu ihrer Bewegung nötigen Konstruktionsteilen entfällt, so ist eine große hebende Kraft zur Ausbalancierung dieser riesigen Last nötig. Durch mechanische Kraft gehoben würde der Kasten unter dem Angriff von 200 – 300 Pferdekräften mindestens eine Stunde brauchen, um die 15 m Unterschied zwischen der unteren und oberen Haltung des Kanals zurückzulegen. Schleppzugschleuse bei HanekenfährSchleppzugschleuse bei Hanekenfähr. Man hat also den ganzen Kasten durch den Auftrieb von 5 hohlen, zylinderförmigen Eisenschwimmern, die sich in ebenso geformten Brunnen auf und nieder bewegen, ausbalanciert. Obwohl eine Hohlkugel von einem Meter Durchmesser im Wasser schon einen Auftrieb von 15 Zentner besitzt, so war es doch begreiflicherweise nicht leicht, die ganze Last des wassergefüllten Schleusenkastens mit einem 12 000 Zentner fassenden Schiffe darin gleichsam in der Schwebe zu halten. Die Schwimmer haben bei 13 m Höhe einen Umfang von 26 m und mussten, um beim Untertauchen vom Wasserdruck nicht zusammengepresst zu werden, aus 2 cm dicken Eisenplatten genietet werden. Obwohl jeder von diesen mächtigen Eisenkesseln mit dem Gestänge, welches ihn mit dem Trog verbindet, über 1200 Zentner wiegt, so strebt er dennoch mit dem zehnfachen Drucke aufwärts, und alle 5 Schwimmer halten im regelrechten Betrieb dem auf ihnen lastenden Gewicht so genau die Waage, dass theoretisch die geringste Gewichtserleichterung des Schleusenkastens, z. B. das Ablassen von einem Fingerbreit Wasser, ihn zum Steigen, das Gegenteil aber zum Sinken bringen muss.

Bagger bei RiesenbeckStielbagger im Einschnitt bei Riesenbeck.

Um aber keinen zufälligen Betriebsstörungen und unliebsamen Überraschungen ausgesetzt zu sein (beim Leerlaufen des Troges infolge eines plötzlich entstehenden Leckes würden ihn die Schwimmer mit einem Drucke von 32 000 Zentner reißend schnell emportreiben), so ist noch für eine anderweitige Unterstützung und Bewegung des Kastens gesorgt. Vier baumstarke und 25 m lange Schraubenspindeln aus feinstem Stahl tragen den Trog gleichzeitig an seinen Ecken und fesseln ihn auch an den Boden, da sie mit ihrem Fuß tief verankert sind. Die Verbindung zwischen ihnen und dem Kasten ist aber keine feste, sondern sie wird durch drehbare Muttern hergestellt, welche sich mittels elektrischen Antriebs mit großer Schnelligkeit und in genau gleichem Gange um die Spindeln drehen lassen und dabei den wassergefüllten Trog mit dem darin befindlichen Fahrzeug heben oder senken. Es bedarf dazu keiner großen Kraft, weil ja die ganze Last infolge des ihr entgegenwirkenden Schwimmerdrucks eigentlich als gewichtslos angesehen werden kann. Um aber selbst für den Fall, dass an einem der Schwimmer oder dem zugehörigen Brunnen etwas nicht in Ordnung ist, wodurch sich die zu hebende Last gleich um 12 000 Zentner vermehrt, gerüstet zu sein, steht noch eine 200-pferdige Dampfkraft zur Verfügung.

Sperrschleuse bei GleesenSperrschleuse bei Gleesen in der Ausführung.

Interessant gestaltete sich auch der Bau der Brunnen, welche am Boden einer großen, 10 m tiefen Baugrube angelegt sind Und unter dieses den Trog und seine Tragkonstruktion aufnehmende Bassin noch weitere 25 m hinabreichen. Um diese Schwimmbassins, die fast 10 m Durchmesser haben, möglichst wasserdicht zu bekommen, wurden sie ganz mit eisernen Ringen ausgekleidet, welche in brusthohen Einzelstücken je nach dem Fortschritt der Bohrung eingebracht und fest verschraubt wurden. Der Mantel jedes einzelnen Brunnens besteht aus 886 gusseisernen Einzelplatten und wiegt über 3600 Zentner. Die Senkung der Brunnen auf eine so bedeutende Tiefe – ihr Boden liegt 85 m unter dem Terrain – das Fernhalten des Wassers beim Bau, die Zusammensetzung der an 3000 – 4000 Fugen mit Blei zu dichtenden Ummantelung bot ebenso schwierige wie interessante Arbeiten, die der Schleusenbau hier zum ersten Mal mit sich brachte; und von den 2¼ Mill. Mark, welche die Schwimmschleuse bis zu ihrer Fertigstellung kosten wird, haben diese Arbeiten unter der Erdoberfläche einen nicht unbedeutenden Teil beansprucht.

• Auf epilog.de am 8. Mai 2022 veröffentlicht