DaseinsvorsorgeWasserwirtschaft

Das unterirdische Berlin

Von Hanns von Spielberg

Daheim • 17.5.1884

Zu dem Werdeprozess jeder modernen Großstadt gehört unbedingt die ›Buddelei‹. Es ist ein recht unschönes Wort, mit welchem ich da meinen Artikel eröffne, aber es ist wie überhaupt die größte Zahl der von Berlinern für Berliner (und solche, die es werden wollen) geschaffenen Ausdrücke gerade für die Verhältnisse unserer Reichshauptstadt äußerst charakteristisch. Wenn man von dem unterirdischen Rom oder selbst Paris spricht, so verbindet sich damit zunächst die Vorstellung von altersgrauen, ehrwürdigen Katakomben – bei dem unterirdischen Berlin liegen die Verhältnisse ganz anders: hier ist alles modern, mit den Mitteln der neuesten Technik hergestellt, aus kleinen ausnahmslos noch in unserem Jahrhundert liegenden Anfängen überraschend schnell zum großartigen Ganzen zusammengewachsen. Unvermeidlich war es, dass gerade das rapide Entstehen der Berliner Unterwelt sehr häufig mit den augenblicklichen und nicht selten etwas kurzsichtig beurteilten Interessen der Bevölkerung und ihres Verkehrs zusammenstieß; die Vergrößerung der Stadt ist besonders in den letzten zwei Jahrzehnten so unvorhergesehen mächtig gewesen, dass die Mehrzahl der Neuanlagen ursprünglich in zu kleinem Maßstab entworfen war. Das überraschende Anschwellen der Einwohnerzahl, die erhöhten Ansprüche des Verkehrslebens, die erst in unserer Zeit voll gewürdigten Forderungen der Hygiene bedingten dann nicht nur eine enorme Belastung des städtischen Budgets, sie griffen in ihren unvermeidlichen Folgerungen auch häufig empfindlich in die Bequemlichkeit des täglichen Lebens ein. Es liegt daher in dem Ausdruck ›Buddelei‹ ein gut Teil freilich nicht bösartig, sondern mehr humoristisch gemeinter Entrüstung. Wer es mit durchgemacht hat, wie die Straßen Berlins fortwährend durchwühlt wurden, wie bald die Telegrafie, bald die Kanalisation, die Rohrpost, die Wasserleitungen, die Gasanlagen – von den ewig wechselnden Pflasterarbeiten und der Pferdebahn ganz zu schweigen – immer aufs neue Spaten und Hacke ansetzten, wie ganze Straßenzüge wochenlang gesperrt werden mussten, der wird die leisen Seufzer des Spreeatheners verstehen, mit dem er dies Werden seiner geliebten Metropole verfolgte.

In der Tat ist aber in verhältnismäßig kurzer Zeit Großes geschaffen worden, das unterirdische Berlin stellt sich dem oberirdischen würdig zur Seite. Ist auch im einzelnen noch vieles unvollendet und manches verbesserungsfähig, und welches Werk von Menschenhand wäre dies nicht, so hat sich das Ganze doch allmählich in einen fest geordneten Plan einfügen lassen, der den mannigfachen Bedürfnissen einer Millionenstadt entspricht und der dabei noch Raum für deren weitere Entwickelung bietet. Wir sind im allgemeinen geneigt, die Leistungen des im Schoss der Erde verborgenen komplizierten Mechanismus als etwas Selbstverständliches hinzunehmen und machen uns nur selten eine Vorstellung von der Summe von Arbeit und Erfindungsgeist, die in seiner Herstellung entwickelt wurde, die seine Unterhaltung noch täglich erheischt – vielleicht gelingt es meinem kleinen Artikel wenigstens umrissweise ein richtigeres Bild von ihm zu geben, und seine Beziehungen zu dem täglichen Leben klarzustellen.

Der beigegebene Querschnitt einer Straße ist absichtlich so gewählt, dass die einzelnen Kanäle und Röhren, Brunnen und Leitungen möglichst übersichtlich zur Darstellung kommen, er soll ein klares, allgemeinverständliches Bild geben. Derartige relativ einfache Verhältnisse finden sich jedoch keineswegs überall,·die verwickelten Kreuzungen, die zahllosen Abzweigungen, die Über- und Unterführungen, wie sie besonders an den Straßenecken zur Erscheinung kommen, würden sich ohne umfangreiche technische Details aber kaum bildlich darstellen lassen, ja man begreift oft kaum, wie alle die einzelnen Elemente, ohne zu kollidieren überhaupt in dem engen Raum von Hauswand zu Hauswand Platz finden konnten.

Querschnitt einer Straße des unterirdischen BerlinsQuerschnitt einer Straße des unterirdischen Berlins. • A. Gemauerter Entwässerungskanal mit Einsteigebrunnen. | A’. Straßenentwässerungs-Tonrohrleitung. | A’’. Straßengully. | a. Hausentwässerungsleitung mit Hausinspektionskasten. | a’. Regenrohrleitung von einem Schieferdach. | a’’. Verbindungsleitung. | B. Straßenwasserleitung. | B’. Straßenhydrant. | b. Zweigleitungen für den Wasserzufluss in die Häuser mit Hauptabsperrhahn und Wassermesser. | C. Straßengasrohrleitung mit Zweigleitung für die Häuser und die Straßenkandelaber. | c. Hausgasrohrleitung mit Hauptabsperrhahn und Gasmesser. | D. Rohrpostleitung. | E. Unterirdische Telegrafenleitung mit Einsteigebrunnen. | F. Straßenröhrenbrunnen. | G. Granitpflaster mit Steinschlagunterbettung. | H. Asphaltpflaster mit Betonunterbettung. | J. Kellerausgussbecken mit Wasserleitung und Anschluss an die Kanalisation.

Im Wesentlichen lassen sich zwei Kategorien von Leitungen unterscheiden: diejenigen, welche dem öffentlichen Verkehr gewidmet sind und fast ausschließlich unter der Aufsicht der Post und Telegrafie stehen, und diejenigen, welche dem Wohlbefinden und der Bequemlichkeit der Bevölkerung im engeren Sinne dienen und meist städtisches Eigentum sind. Zu den Ersteren zählen die zahlreichen Telegrafenkabel und die Rohrpost, zu den Letzteren die Anlagen für Gas- und Wasserversorgung, sowie für die Kanalisation wo irgend möglich, sind nur die Kanäle für diese unter dem eigentlichen Straßenpflaster angeordnet, während die Gas- und Wasserröhren und meist auch die Kabel sich unterhalb der Trottoirs, also in möglichster Nähe der Häuser selbst entlang ziehen.

Die erste unterirdische Telegrafenleitung entstand im Jahre 1850 und verband lediglich die fünf damaligen Bahnhöfe mit der Zentralstation in der Königstraße. Dreißig Jahre später umfasste das Kabelnetz Berlins bereits 111 km Linie mit, da natürlich in jedem Kabel mehrere Drähte vereint sind, gegen 1450 km Leitung, in das Haupttelegrafenamt liefen nicht weniger als 222 einzelne Drähte ein. Die Bewilligung der Geldmittel für ausgedehnte unterirdische Telegrafenlinien im Reich einerseits, das unverkennbare Bedürfnis anderseits, dem Wunsch der städtischen Behörden nach möglichst unveränderlichen Anlagen Rechnung zu tragen, bestimmte 1879 die Reichspostverwaltung zur Bearbeitung eines neuen umfassenden Planes für das Berliner Kabelnetz, dessen Ausführung noch in demselben Jahr in Angriff genommen wurde. Drei große Linien führen seitdem von der Zentralstation aus nach Norden, Südosten und Westen; jede derselben besteht aus einer wasserdicht verbundenen Röhrenleitung von 10 – 17 cm Durchmesser, in welcher die einzelnen Kabel lagern und außerdem Raum für etwa später einzuziehende vorhanden ist, ohne dass neue Störungen des Straßenverkehrs notwendig werden. Zu diesem Zweck, sowie zur Untersuchung der Linien und zur Ausführung von Reparaturen sind in wechselnden Abständen ausgemauerte Brunnen eingesenkt, welche bei einer kleinen Einsteigöffnung genügenden Raum für zwei Arbeiter und eine derartige handliche Anordnung der Kabel darbieten, dass einzelne Schäden leicht zu entdecken und auszubessern sind. Die Gesamtlänge der im Weichbild Berlins verlegten Kabelröhren beträgt gegenwärtig über 40 km mit mehr als 170 000 laufenden Meter Drähten – es ist damit allerdings ein System geschaffen, das voraussichtlich noch auf lange Jahre den Bedürfnissen des in Berlin einmündenden und von ihm ausgehenden Telegrafenverkehrs genügen wird. Für den Ausbau kleinerer Abzweigungen und interner Stadtlinien bieten dabei die Untersuchungsbrunnen bequeme Ausgangspunkte. Welchen Riesenverkehr übrigens die gesamten Linien zu bewältigen haben, geht vielleicht am besten aus einem zahlenmäßigen Nachweis hervor, den ich der vortrefflichen Statistik der deutschen Postverwaltung von 1882 entnehme: In Berlin wurden in jenem Jahr über zwei Millionen Depeschen aufgegeben und nahezu 1½ Millionen Telegramme liefen ein – es berührte also mehr als der sechste Teil des gesamten telegrafischen Verkehrs Deutschlands Berlin, denn die Zahl der überhaupt im Reich beförderten Depeschen betrug im gleichen Jahre 18,4 Millionen.

Dabei ist nicht zu übersehen, dass die Telegrafenlinien der Metropole im letzten Jahrzehnt durch die inzwischen ins Leben gerufene Rohrpost wesentlich entlastet wurden, deren Leitungen ein zweites wesentliches Element unseres unterirdischen Berlins bilden. Die pneumatische Briefbeförderung fand in beschränkter Weise zwar schon seit 1865 in der preußischen Hauptstadt Anwendung, insoweit eine  Leitung zwischen dem Haupttelegrafenamt und den Stationen Börse, Brandenburger und Potsdamer Tor bestand und zur beschleunigten Beförderung von Telegrammen benutzt wurde. Erst die im Jahre 1875 erfolgte Vereinigung der Post- und Telegrafenverwaltung führte aber das lange geplante Projekt einer ausgedehnten Rohrpostanlage der Verwirklichung entgegen und bereits Ende des nächsten Jahres erfolgte deren Betriebseröffnung. In einem nördlichen und einem südlichen, je im Haupttelegrafenamt zusammenlausenden Kreis, an die sich einzelne Zweigleitungen anschließen, bildet die Rohrpost heute zwischen allen Stadtteilen der Residenz eine Verbindung, deren eisernes in weiten Kurven geführtes Röhrennetz über 46 km Ausdehnung mit 26 Stationen besitzt. Im Jahr 1882 wurden durch die Rohrpost nicht weniger als 1,6 Millionen Telegramme und über 60 000 Briefe und Karten befördert, die Zeit zwischen Aufgabe und Bestellung ist heute im Durchschnitt auf etwa dreißig Minuten verkürzt.

Außer der Post besitzen übrigens auch die Stadt selbst und die Militärverwaltung in Berlin eigene unterirdische Telegrafenlinien zur Verbindung ihrer wichtigsten Büros.

Mit weitaus gewichtigerem Apparat als die bisher geschilderten Verkehrsmittel arbeitet der speziell städtische Teil des unterirdischen Berlins: der umfangreiche Mechanismus der Gas- und Wasserversorgung und vor allem die Kanalisation. Noch 1826 brannte in den Straßen ausschließlich die altehrwürdige Öllampe, erst am 19. September jenes Jahres leuchteten in der bevorzugten Straße ›Unter den Linden‹ zum ersten Mal die Gasflammen auf. Der Eindruck, welchen dieser Fortschritt auf die bescheidenen Gemüter der Berliner machte, muss ein überwältigender gewesen sein. Die damals tonangebende  Tante Voß berichtete in fast überschwänglicher Weise über das große Ereignis: Nicht in dürftigen Flämmchen, schrieb sie, sondern in handbreiten Strahlen schießt das blendende Licht hervor, das so rein ist, dass man in einer Entfernung von fünfundzwanzig Schritten von den größeren Laternen einen Brief recht gut lesen kann […] Bald werden auch die Hauptstraßen auf gleiche Weise erleuchtet werden und Berlin, das wegen seines erfreulichen Eindrucks, den es bei Tage macht, berühmt ist, wird auch zur Nachtzeit den Fremden angenehm überraschen. Wie schnell sich doch die Zeiten und die Ansprüche der Menschen ändern – heute nach noch nicht sechs Jahrzehnten lächelt man bereits mitleidig über die Gasbeleuchtung und verlangt stürmisch nach elektrischen Lichtspendern. Der Ruf »Mehr Licht!« wird freilich von allen wahren Fortschrittsfreunden stets mit Begeisterung unterstützt werden.

Die ersten Gasanlagen waren leider von englischen Unternehmern ausgeführt worden und die fremde Gesellschaft behauptete sich zwanzig Jahre lang im Besitz ihres Monopols; erst 1847 ging die Stadt mit der Errichtung eigener Gaswerke vor, neben denen aber die der ›Imperial Continental Gas Association‹ selbstständig bestehen blieben und – wir müssen nochmals wiederholen: leider – noch heute bestehen. Die Gesellschaft darf freilich in Straßen, in denen sie zur Zeit der Errichtung der städtischen Anstalten keine Röhren besaß, Neuanlagen nicht machen, die Gesamtausdehnung ihres Rohrnetzes ist aber demungeachtet eine sehr beträchtliche und umfasst fast 180 000 laufende Meter, ihre drei Anstalten produzierten 1882 über 28 Mill. m³ Leuchtgas, mehr als den dritten Teil des ganzen Bedarfs.

Die vier Gasanstalten der städtischen Anlagen versorgen dagegen nach einer im vorigen Jahre veröffentlichten Festschrift deutscher Gas- und Wasserfachleute ein Riesennetz von nahezu 600 000 laufenden Metern, welches das ganze Weichbild der Stadt nach allen Richtungen durchzieht und etwa 14 000 Laternen neben fast 700 000 Privatflammen speist – sämtliche Röhren in einer Richtung aneinandergefügt, würden Berlin mit Wien verbinden können. Dabei ist das Rohrnetz noch fortwährend im Wachsen begriffen und unmöglich kann es lange dauern, bis der Anschluss der zahlreichen Vororte Berlins, welche heute bereits fast ausnahmslos eigene Gasanstalten besitzen, erfolgt sein wird. Darstellung des wachsenden Gas- und Wasserverbrauchs der Stadt BerlinDarstellung des wachsenden Gas- und Wasserverbrauchs der Stadt Berlin • A-A. Gasverbrauch im Jahre. Höhenzahlen rechts bedeuten Millionen Kubikmeter. | B-B. Größter Gasverbrauch eines Tages im Dezember. Höhenzahlen rechts bedeuten zehntausend Kubikmeter. | C-C. Gasverbrauch für je einen Einwohner im Jahre. Höhenzahlen rechts bedeuten Kubikmeter. | D-D. Wasserverbrauch im Jahre. Höhenzahlen links bedeuten Millionen Kubikmeter. Noch schärfer als die wachsende Ausdehnung des Rohrnetzes aber fällt die progressive Steigerung des Gaskonsums selbst ins Auge: Innerhalb der kurzen Spanne Zeit von dreißig Jahren hat sich derselbe, wie aus der nebenstehenden grafischen Darstellung klar hervorgeht, verzwölffacht, das Verbrauchsquantum, auf den Einwohner berechnet, hat sich dagegen vervierfacht. Nach dem Urteil aller Sachverständigen ist übrigens keinesfalls anzunehmen, dass der Gasbedarf durch die allgemeine Einführung der elektrischen Beleuchtung sinken wird, schon die gesteigerte Anwendung von Gasmotoren wird im Gegenteil voraussichtlich auch in Zukunft den Konsum stetig erhöhen – aus dem unterirdischen Berlin wird also die Gasröhre mindestens in absehbarer Zeit ebenso wenig verschwinden, wie die typische Figur des Gasarbeiters mit der blauen Schürze und der kleinen Laterne. Dagegen dürfte hoffentlich die ›Buddelei‹, so weit sie durch die Gasleitungen verursacht wird, in Zukunft wesentlich geringer sein, da das ausgebaute Röhrennetz auch stärkeren Ansprüchen genügen kann; selbst die notwendig werdenden Reparaturen sind jetzt mit einer geringeren Störung des Verkehrs verbunden, seit man sich entschlossen hat, die Leitungen aus der Straßenmitte nach deren beiden Seiten, also unter die Bürgersteige, zu verlegen.

Weit in die Jahrhunderte zurück reichen die Bestrebungen, Berlin mit gutem Wasser zu versorgen; die Hohenzollernfürsten waren mit unermüdlicher Fürsorge früh bemüht, den Bewohnern ihrer Residenz die Wohltat gesunden Trinkwassers zu verschaffen und an die Namen der Kurfürsten Joachim II. und Friedrich III. knüpfen sich die ersten, leider gescheiterten Versuche in dieser Richtung. Es ist nicht mehr bekannt, welchen Anteil der geniale Baumeister Berlins, der große Schlüter, an

des letzteren Projekt hatte, jedenfalls steht fest, dass der berühmte Münzturm, dessen Einsturz später den Sturz des Meisters herbeiführte, das Druckwerk für die ›Wasserkunst‹ aufnehmen sollte. Von ihrer gusseisernen Leitung förderten die Kanalisationsarbeiten der letzten Jahre einzelne Teile zutage, die heute als Reliquien im Märkischen Provinzialmuseum aufbewahrt werden.

Wenn diese Projekte nicht weiter verfolgt wurden, so lag dies wesentlich in dem günstigen Umstand begründet, dass Berlin sich im Allgemeinen vortrefflicher Brunnen erfreute – erst mit deren allmählicher Verschlechterung und dem unleidlich werdenden Zustand der offenen Rinnsteine trat in den 1860er Jahren das Bedürfnis nach der Anlage einer Wasserleitung wieder scharf und bei der schnell wachsenden Bevölkerung in immer empfindlicherer Weise hervor. Wieder waren es englische Kapitalisten, welche den ersten Nutzen einzuheimsen wussten; im Jahr 1854 entstand vor dem Stralauer Tor  das erste Wasserwerk, welches seinen Wasserbedarf direkt der Spree entnahm, die nach dem bekannten Sprichwort hier noch »gleich einem Schwan« in das Berliner Weichbild eintritt. Im Laufe der Zeit stellten sich diese Anlagen bald als total unzulänglich heraus, die Stadt übernahm das englische Werk im Jahr 1873 und begann gleichzeitig mit dem Ausbau der jetzt bestehenden Anlagen, die allerdings der Verwaltung und noch mehr – der Bevölkerung selbst im wörtlichsten Sinne des Wortes manchen Leidenskelch reichen sollten.

Die neue Anlage besteht aus 23 großartigen Tiefbrunnen am Tegeler See, aus denen mächtige Pumpen das Wasser nach dem auf dem Charlottenburger Plateau gelegenen Ausgleichsreservoir schaffen, dessen Fassungsraum mit 13 000 m³ so bemessen ist, dass es die täglichen Schwankungen des Konsums auszugleichen vermag. Sehr interessant ist das stetige Wachsen des Wasserverbrauchs und des Rohrnetzes selbst, das heute in tausendfältigen Verästelungen das ganze Weichbild durchzieht: von 170 km Länge im Eröffnungsjahr der ersten Anstalt ist letzteres auf etwa 530 km im Jahre 1883 gestiegen, während der Konsum sich in derselben Zeit fast genau verzehnfachte und 1882 die enorme Höhe von 22,5 Mill. m³ erreichte.

Das Röhrennetz zeigt natürlich äußerst verschiedene Dimensionen im Querschnitt der gusseisernen Leitungen; die mächtigen Hauptadern besitzen einen Durchmesser von fast einem Meter, die kleinen Äste sinken bis auf 50 mm herab, durch zahlreiche Verbindungsröhren, welche auch die Stammadern beider Anstalten, der Tegeler und der Stralauer, in Beziehung zueinander setzen, ist im ganzen System eine vollkommene Zirkulation hergestellt. Nachdem man anfangs nach dem englischen Muster, ohne auf die Winterkälte Rücksicht zu nehmen, die Röhren fast unmittelbar unter das Straßenniveau verlegt hatte, ist man heute, durch trübe Erfahrungen gewitzigt, dazu gekommen, das ganze Röhrennetz auf etwa 1,5 m Tiefe einzusenken, wodurch in der Tat einem Einfrieren der Leitungen und den dadurch hervorgerufenen Rohrbrüchen fast gänzlich vorgebeugt wurde. Zahlreiche Absperrschieber ermöglichen bei dennoch notwendig werdenden Reparaturen die Abschließung von Teilstrecken und die in allen Straßen angebrachten Hydranten gestatten die direkte Wasserentnahme aus den Hauptleitungen selbst. Über jene ist zweckmäßigerweise der trefflichen Feuerwehr, für welche sie nächst der Straßenreinigung besonders in Betracht kommen, die Aufsicht vorbehalten.

An das Rohrnetz schließen sich überall die Hausleitungen an; jedes Grundstück besitzt einen eigenen Abschlusshahn und den unvermeidlichen Wassermesser in einer höchst sinnreichen Konstruktion aus der weltberühmten Fabrik von Siemens & Halske, im ganzen sind gegen siebzehntausend Grundstücke angeschlossen.

Unmittelbar nach der Eröffnung der neuen Anlagen bei Tegel herrschte allgemeine Befriedigung unter der Bevölkerung und bei den Vätern der Stadt. Das Wasser war in der Tat tadellos – leider aber sollte beides, die frohe Befriedigung und das edle Nass nämlich, nur allzu bald getrübt werden. Schon im Hochsommer 1878 traten im Leitungswasser flockige, braune Niederschläge hervor und bald musste zeitweise das Wasser mindestens als Getränk für ungenießbar erklärt werden. Eine heimtückische Alge, ›crenothrix polyspora‹, hatte in den Tiefbrunnen ihren behaglichen Wohnsitz aufgeschlagen und verschuldete ausschließlich die nun unumgängliche Mehrbelastung des spreeatheniensischen Steuerzahlers: Man musste auf eine mechanische Filtration bedacht sein und das Wasser selbst, mindestens zum Teil, direkt aus dem Tegeler See entnehmen, in welchem die liebliche Maid ›crenothrix‹ bisher noch nicht aufgetreten ist. So ist denn im letzten Jahre eine großartige Sandfilteranlage entstanden, und in der Tat rauscht heute bereits das Wasser wieder, wenn nicht in tadelloser, so doch wenigstens in erträglicher Reinheit durch unser unterirdisches Berlin – wir wollen nur wünschen, dass die Freude darob von Bestand ist, denn der hellenische Weltweise sagt wahrlich mit Recht: »Das Beste aber ist das Wasser!« Für alle Fälle lässt die Stadtverwaltung übrigens augenblicklich weitere Versuche an dem romantischen Müggelsee im Südosten der Stadt ausführen.

Zeichner im KanalUnser Zeichner im Kanal.

Wenn nicht das umfangreichste, so doch jedenfalls das am meisten ins Auge fallende, am häufigsten besprochene Element Berlins unter dem Straßenpflaster bildet endlich die Kanalisation. Ich bin nicht gewillt, den drückenden Harnisch der Polemik anzulegen und die Leser des Daheim mit dem in der Tagespresse hundertfach erörterten pro et contra Rieselfeld heimzusuchen – ich will mich vielmehr darauf beschränken, das unbestreitbar großartige Werk selbst in kurzen Zügen zu schildern, und ich glaube damit umso mehr gut zu tun, als denn doch erst die Zukunft ein genügendes Material zu einer wirklich objektiven Beurteilung des Systems im allgemeinen und der Detailanlagen im besonderen bieten wird. Die gegenwärtigen Erfahrungen sind in der Tat hierzu wohl noch nicht ausreichend.

Das von dem Baurat Hobrecht, dem Schöpfer des ganzen Werkes, entworfene Projekt der Entwässerung Berlins fußt auf langjährigen, eingehenden Vorarbeiten und Versuchen und kam erst – im März 1873 – seitens der städtischen Behörde zur Annahme, nachdem die Vorfrage, ob überhaupt Kanalisation oder Abfuhr ziemlich einstimmig zugunsten der Ersteren entschieden, die Anwendung des Abfuhrsystems bei aller Würdigung der landwirtschaftlichen Interessen aus sanitätspolizeilichen Gründen verworfen worden war. Das Hobrechtsche Projekt wich wesentlich von allen früheren Entwürfen und auch von den bisher in den europäischen Großstädten durchgeführten Prinzipien ab: Der wunde Punkt derselben lag vor allem darin, dass die Kanalisationswässer direkt in die Flussläufe geführt wurden und somit nicht nur der Landwirtschaft gänzlich verloren gingen, sondern auch jene in der abscheulichsten und gesundheitsgefährlichsten Weise vergifteten. Nur in der Londoner Villenstadt Croydon, in Craigentinny bei Edinburg und in Danzig waren zugleich mit der Kanalisation Berieselungsanlagen hergestellt worden und nach diesem Vorbild, aber doch auch wieder in durchaus selbstständiger, den Verhältnissen einer Millionenstadt angepassten Weise wurde die Kanalisation von Berlin ausgeführt.

Arbeiterkolonne im KanalArbeiterkolonne im Kanal.

Baurat Hobrecht teilte im Anschluss an die natürlichen Wasserläufe Berlin in zwölf Radialsysteme, von denen fünf auf die innere Stadt, sieben auf die Außengebiete entfallen. Jeder dieser durchaus selbstständigen Entwässerungsrayons erhält eine eigene Pumpstation, durch welche das Kanalisationswasser in mächtigen Rohrleitungen auf die Rieselfelder gedrückt wird, während nur dasjenige Wasser den öffentlichen Wasserleitungen durch sogenannte Notauslässe zugeführt werden soll, welches die Pumpstationen bei sehr heftigen Regengüssen nicht zu bewältigen vermögen. Im Jahr 1874 wurde zunächst das Radialsystem III in Angriff genommen und zwei Jahre später eröffnet; da sich der Betrieb desselben durchaus bewährte, schritt man sofort zur Durchführung der Arbeiten innerhalb der übrigen vier inneren Systeme, die heute ebenfalls bereits vollendet sind, während in der Außenstadt bisher nur mit dem Bau zweier Systeme vorgegangen werden konnte. Gleichzeitig kaufte die Stadt – und zwar leider zu sehr hohen Preisen – elf Güter der Umgegend zu Rieselzwecken an, unter diesen zuerst das dadurch wohl in allen deutschen Gauen zu einer gewissen Berühmtheit (?) gelangte Osdorf. Im Ganzen ist heute die Länge der Straßenleitungen auf rund 400 km, diejenige der Druckrohrleitungen auf etwa 60 km gestiegen, die Gesamtfläche des angekauften Riesellandes beträgt 5370 Hektaren. Dass sich die Väter der Stadt mit den letzteren etwas ›verkauft‹ haben, ist nicht fortzuleugnen – ein großer Teil des Besitzes ist für Rieselzwecke aus Mangel an Sandboden recht schlecht geeignet, es muss ein kleines Kunststück gewesen sein, gerade diese Stätten in des heiligen deutschen Reiches Sandstreubüchse herauszufinden.

Die Straßenleitungen, welche uns hier zunächst interessieren, bestehen teils aus gemauerten Kanälen, teils, und zwar etwa zu drei Vierteln, aus glacierten Tonröhren von wechselndem Querschnitt. Jedes Radialsystem zerfällt in eine Anzahl Hauptsammelgebiete mit einem Kanal als Hauptsammler, in den sich die einzelnen Straßenleitungen und zum Teil auch die Hausanschlüsse direkt ergießen. In der Nähe der Pumpstation, welche am tiefsten Punkte des ganzen Bezirkes angelegt ist, so dass ihr sämtliche Leitungen mit natürlichem Gefälle zuströmen, vereinigen sich alle Kanäle in den großen Stammkanal, welcher die ganze Wassermasse dem Sandfang der Station zuführt. Hier steigt man am bequemsten in das unterirdische Reich hinab.

Einmündung des großen Stammkanals in den SandfangEinmündung des großen Stammkanals in den Sandfang. (Einsteigebassin)

Selbstverständlich durfte ich als getreuer Berichterstatter diese ›Ozonfahrt‹ nicht unterlassen, und ich habe sie nicht bereut, denn sie bietet des Interessanten wahrlich genug, um ihre kleinen Unbequemlichkeiten mit in den Kauf zu nehmen. Angetan mit hüfthohen Wasserstiefeln, geteerter Jacke und einer mächtigen Schirmmütze mit Rückentuch folgte ich vertrauensvoll der Einladung des liebenswürdigen Betriebsinspektors, Herrn Laschte vom Radialsystem V in der Holzmarktstraße, der heiter über die selbstsüchtige Fürsorge lachte, mit welcher ich mir vorher eine Havana anzündete. Er hatte durchaus recht, die Luft ist in den Kanälen bei der ausgezeichneten Ventilation durchaus nicht so verdorben, wie man anzunehmen geneigt ist. Man gelangt also zuerst in den sogenannten Sandfang, der durch ein senkrechtes Eisengitter in zwei Hälften geteilt ist. In diesem Riesenbrunnen von 15 m Durchmesser lagern sich die von dem Wasser mitgeführten Senkstoffe ab, während das Gitter größere schwimmende Gegenstände zurückhält und somit die jenseits seiner Eisenstangen liegenden Ventile der Pumpen vor Verstopfung bewahrt. Hier beginnt auch die Tätigkeit der unterirdischen Arbeiterkolonnen, welchen die Reinigung der Kanäle und Röhren obliegt – nebenbei bemerkt, ist es nicht selten, dass die Arbeiter im Sandfang recht wertvolle Funde machen, der Abraum einer Weltstadt enthält überhaupt oft Dinge, die überall anders eher hingehören, als in die Röhrenleitungen der Kanalisation!

Fällt in den Sandfang noch ein schräger Strahl des Tageslichts, so umgibt uns beim Eintreten in einen der Kanäle sofort finstere Nacht und die Laternen werfen lange Schatten auf die dunkle Wasserfläche, welche unsere Knie umspült. Es ist ein eigentümlicher Blick in solch eine sich scheinbar im Dunkeln verlierende Kanalöffnung, das Auge sehnt sich gleichsam nach einem festen Punkte und vermag ihn doch nirgends zu finden und zu fassen; allmählich erst gewöhnt man sich an das gespenstische Licht der kleinen Handlaternen, an das Plätschern des Wassers und das dumpfe grollende Brausen des Straßenlärms hoch über dem Haupte. Der Marsch in den größeren Kanälen ist dabei ein ziemlich bequemer, denn ihr elliptisches Profil hat bei fast 2 m Höhe 3 m Breite, auch die kleineren Kanale sind bei nicht allzuhohem Wasserstande, wie er nur nach sehr heftigen Regenfällen eintritt, stets passierbar; an den Treffpunkten der einzelnen Sammler und in der Nähe der Notausflüsse erweitern sich die Profile oft zu stattlichen Gewölbebauten. Deutlich übersieht man bei einem längeren Gang durch einen der Kanäle den Zusammenhang der einzelnen Elemente des ganzen Systems, man überblickt die Reihe der Hausanschlüsse und die gähnenden Öffnungen der einmündenden Tonröhren, hier erkennt man eine Straßenkreuzung, dort einen der Gullys, welche das Regenwasser der Straßen in die Leitungen führen, oder einen der wichtigen Einsteigebrunnen. Die Letzteren sind besonders zu dem Zweck angelegt, die zeitweise Reinigung der Tonröhren durch energische Spülung mit reinem Leitungswasser zu ermöglichen, sie bewirken aber außerdem als Luftzuführer die Ventilation der ganzen Anlage. Eigentümlich erschien mir zuerst, dass die Kanäle bisher gänzlich von den Ratten verschont geblieben sind, ich hatte nach dem bekannten Überhandnehmen der lästigen Bewohnerschaft im unterirdischen Paris erwartet, auch hier ihre werte Bekanntschaft machen zu dürfen: Man hat die Rattennot aber in sehr einfacher Weise zu verhindern gewusst, indem man die Kanäle ohne Seitenauftritte baute; es ist nun zwar unmöglich, sie trockenen Fußes zu durchwundern, aber die Begründung eines Rattenreiches ist ebenfalls ausgeschlossen, da die unangenehmen Patrone an den glatten Wänden ihr ›Fortkommen‹ nicht finden können.

Vereinigungspunkt eines KanalsystemsVereinigungspunkt eines Kanalsystems. • Links vorne: Kanal der Andreasstraße. | Links hinten: Kanal der Koppenstraße. | Mitte: Kanal der Mühlenstraße | Rechts: Notausfluss an der Schillingbrücke.

Jedes bebaute Grundstück muss laut Polizeivorschrift an die Kanalisation angeschlossen sein – eine durchaus gebotene, aber für die Eigentümer oft sehr herbe Bestimmung, denn der Anschluss eines Mittelhauses wird selten unter 2000 Mark Kosten zu bewirken sein, während leider die Mehrzahl der Hauseigentümer Berlins finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Die Anschlussröhren sind bis über die Häuferdächer hinaus zu verlängern, so dass sie das Regenwasser derselben ableiten, ebenso müssen besondere Gullys das Wasser der Höfe den Straßenleitungen zuführen. Teilweise hierdurch, ganz besonders aber durch die Bestimmung, dass jedes an die Kanalisation angeschlossene Grundstück auch Wasserleitung haben muss, ist die Verdünnung der festen Stoffe in den Kanälen eine ganz außerordentliche; ich habe an verschiedenen, und zwar auch an regenfreien Tagen in dem großartigen Maschinenhaus der Pumpstation in der Holzmarktstraße das Kanalisationswasser besichtigt und den Eindruck gewonnen, dass dasselbe mindestens nicht schlechter ist, als z. B. die edle Flüssigkeit, die wir Berliner als Pankewasser kennen und – nicht lieben. Dass aber das Wasser dieses berühmten Flusses durch das in Tätigkeit treten der Notausflüsse der Kanalisation eher verbessert, als verbösert wird, scheint mir um so unzweifelhafter, als jene eben nur bei sehr starken atmosphärischen Niederschlägen geöffnet werden, wo der Anhalt der Kanäle wesentlich Regenwasser ist. Übrigens ist z. B. das Bedürfnis, den Notausfluss der Pumpstation X nach der Spree zu öffnen, 1883 überhaupt nur zweimal hervorgetreten, obwohl das Jahr doch ein recht feuchtes war.

Nur wenige Worte noch mögen mir über die Pumpstationen selbst erlaubt sein, obwohl dieselben eigentlich nicht in den Rahmen meines Artikels gehören. In den fünf Stationen der vollendeten Radialsysteme der Innenstadt sind zusammen 22 Maschinen mit 3160 PS aufgestellt, die in der Sekunde 3810 Liter zu Pumpen Vermögen – die Kosten des Betriebes einschließlich aller Nebenleistungen stellten sich für den Kubikmeter der auf die Rieselfelder beförderten Wassermasse annähernd bisher auf einen halben Pfennig. Selbstverständlich sind fast niemals alle Maschinen gleichzeitig im Betrieb, durch die Bereitstellung schnell anzuheizender Röhrenkessel ist aber Vorsorge getroffen, dass auch einem plötzlichen Anschwellen des Wasserstandes in den Kanälen, wie er bei starkem Regenwetter eintritt, leicht und rechtzeitig entgegengetreten werden kann. In der Röhrenleitung nach den Rieselfeldern, welche im allgemeinen einen Durchschnitt von einem Meter besitzt, wird mit einem Durchschnittsdruck von drei Atmosphären gearbeitet.

Für die Beurteilung des tatsächlichen Wertes der Anlagen des unterirdischen Berlins bildet vielleicht eine ziffernmäßige Zusammenstellung der Gesamtkosten, welche ihre allmähliche Entstehung verursachte, den besten Beleg und zugleich eine nicht uninteressante Illustration ihrer eminenten Bedeutung für den Haushalt der Stadt Berlin. Sind unsere Berechnungen zutreffend, so stellen sich in runden Summen die Kosten der städtischen Gasanlagen auf 37 Mill. Mark, die der beiden Wasserwerke Stralau und Tegel auf 42,8 Mill. Mark, und endlich diejenigen der bisher vollendeten resp. in Angriff genommenen Radialsysteme ausschließlich der Rieselfelder auf etwa 40 Mill. Mark. Können diese Angaben auch nur auf annähernde Richtigkeit Anspruch machen, so wird man doch nicht fehlgehen, wenn man die Gesamtsumme der unterhalb des Straßenpflasters angelegten Kapitalien, die Werte der Anlagen der englischen Gaswerke und der Post mit eingerechnet, auf annähernd 150 Mill. Mark berechnet.

Ist das unterirdische Berlin damit heute zu einem gewissen Abschluss gelangt oder stehen ihm noch große umwälzende Veränderungen für die Zukunft bevor?

Es ist wohl unmöglich, auf diese Frage eine auch nur einigermaßen nach allen Seiten hin befriedigende Antwort zu geben, so unberechenbar sind besonders die Fortschritte der Technik, die dem Gemeinwesen im vollen Maße und möglichst schnell zuzuwenden Aufgabe jeder energischen Stadtverwaltung sein muss. Wenn einerseits heute die Leitungen für die Telegrafie, für Gas und Wasser mindestens zum vorläufigen Abschluss gekommen sind und an sich auch den gesteigerten Bedürfnissen noch eines kommenden Jahrzehnts Genüge tun dürften, wenn die Kanalisation wenigstens in der Innenstadt vollendet ist, so ist anderseits die Einführung des elektrischen Lichts im Begriff, neue Revolutionen hervorzurufen. Schon hat die Stadt einen Vertrag mit der deutschen Edisongesellschaft abgeschlossen, kraft dessen in kurzer Frist deren Leitungen den Boden des Zentrums von Berlin durchkreuzen werden – es ist gewiss schon den nächsten Jahren vorbehalten, den elektrischen Funken jedem Hause selbst in der entlegensten Vorstadt dienstbar zu machen. Aber damit dürfte sich der Kreis noch nicht geschlossen haben: Nicht nur Wasser und Licht, auch Wärme und Kraft wird die Großstadt der Zukunft von einer Zentralstelle verlangen. Es bleibe dahingestellt, ob diese Aufgabe einst ebenfalls der Elektrizität zufallen, oder ob nach einem bereits vor mehreren Jahren aufgetauchten Plan das gasige Produkt der mächtigen Fürstenwalder Braunkohlenlager, in gewaltigen Röhrenleitungen direkt von den Gruben der Residenz zugeleitet, die Heizung und damit auch die Kraftlieferung übernehmen wird. Ja, noch während wir diese Zeilen schreiben, geht durch die Zeitungen die anscheinend verbürgte Notiz, dass kein Geringerer, als Dr. Werner Siemens, in der Nähe des nur vier Meilen von Berlin entfernten Königs Wusterhausen neue großartige Kohlengruben erschlossen hat und dieselben in der soeben angedeuteten Richtung hin für Berlin nutzbar machen will.

Zweifellos erscheint jedenfalls, dass auch die Durchführung dieser Idee, mag sie dem einen oder dem anderen Projekt entsprechend sich gestalten, nicht allein das Leben in der Stadt sehr wesentlich beeinflussen, sondern auch unser unterirdisches Berlin erneuten Umwälzungen aussetzen wird.

• Auf epilog.de am 25. April 2021 veröffentlicht