Handel & Industrie

Das Prägen einer Medaille

Das Neue Universum • 1898

Im Sommer vorigen Jahres hat die Pariser Münze eine prächtige Medaille geprägt, welche man dem hervorragenden Graveur Chaplain verdankt und die dazu bestimmt ist, ein Zeichen der Erinnerung an die Reise des Kaisers und der Kaiserin von Russlaud nach Frankreich zu bilden. Alle, welche diese Medaille sahen, bewunderten die Zeichnung und die Feinheit der Ausführung.

Nun, die Bewunderung ist ganz gut, – wie aber bringt man solche Meisterwerke fertig? Wie verfährt man in der Münzanstalt?

Das russische Herrscherpaar wünschte bei dem Besuch, den es dem Quai Conti abstattete, mit dieser Arbeit bekanntgemacht zu werden, und Ihre Majestäten wohnten dem Prägen einer Medaille bei. Auch uns lag daran, schreibt W. Leroy, in den Werkstätten das zu sehen, was der Zar und die Zarin schon gesehen hatten. A. Patey, Graveur der Münzen, war so gefällig, uns an Ort und Stelle die aufeinanderfolgenden Verfahren zu zeigen, mittelst denen die so hervorragenden Medaillen geprägt werden, welche aus der französischen Münze hervorgehen.

Der Künstler, welcher sich die Ausführung einer Medaille vornimmt, muss zunächst einen oder mehrere Entwürfe zeichnen. Er fasst die Einzelheiten genauer, indem er entweder lebende Modelle nimmt oder Gliederpuppen benutzt, welche er nach seinem Belieben bekleidet. Sobald die Komposition festgestellt ist, wird sie als Basrelief ausgeführt; hierzu bedienen sich einige Künstler des Wachses, andere der Tonerde. Ist das Modell genügend vorgeschritten, so wird es abgedruckt. Der in Gips erzielte Probedruck wird verbessert, von neuem abgedruckt, in dem vertieften und in dem erhabenen Teile immer wieder vorgenommen, bis kein Tüpfelchen mehr daran fehlt. Dieses Modell wird nun dem Gießer übergeben, welcher ein Probestück in Eisenguss oder in Glockenmetall macht. Man bedient sich bisweilen auch eines Galvanos, das vernickelt worden ist, damit es mehr Widerstandsfähigkeit hat. Dieses Probestück in größerem Maßstab dient nun als Vorbild für die Verkleinerung, welche mittelst eines besonderen Verfahrens unter Anwendung des Pantographen erzielt wird, – eine Verkleinerung in der gewünschten Größe, auf einem Stück gut ausgeglühten Stahles. So entsteht der ›Stempel‹. Oft kann es der Fall sein, dass der erste Stempel nur ein Versuch ist, den der Graveur sehr sorgfältig verbessert, indem er jede Linie wieder vornimmt, bis er mit seinem Werk zufrieden ist.

Der endgültige Stempel wird hierauf derart gehärtet, dass ihm eine große Widerstandsfähigkeit mitgeteilt wird. Diese Härtung erfordert nun gewisse besondere Vorsichtsmaßregeln. Der Stempel darf nicht in direkte Berührung mit dem Feuer kommen. Man legt ihn, das Gepräge nach unten, in eine Schachtel von Eisenblech oder in einen Topf von feuerbeständigem Erdreich und umgibt ihn allseitig mit zerpulverter Holzkohle. Das Ganze wird alsdann im Ofen auf eine Temperatur von 700 – 800° gebracht, je nach der Beschaffenheit des Stahls; dann wird der Stempel plötzlich in Wasser getaucht.

Einzelheiten der PrägemaschineAbb. 1. Einzelheiten der Prägemaschine. – Coin-Stempel.

Hieran wird der also gehärtete Stempel fest in einen eisernen Mantel (Abb. 1 A) oder in eine Art eisernen Ring gefasst, welcher ihn festhält und ihm gestattet, der Zerquetschung zu widerstehen, wenn der Augenblick gekommen ist, wo er unter das Druckwerk der Prägmaschine gerät.

Mit diesem Stempel in erhabener Arbeit muss nun der eigentliche Prägestock zugerichtet werden, das heißt, ein Modell in vertiefter Arbeit. Man nimmt ein Stück mild gehärteten, gut ausgeglühten Stahles, das um einen Durchmesser größer ist als der Stempel und hinreichend dick, dass es noch ein wenig Elastizität besitzt. Eine seiner äußeren Flächen läuft in eine Spitze aus (Abb. 1 B). Der Stempel ist unter die Schraube des Druckwerks der Prägmaschine gelegt worden. Unsere Abb. 2 stellt die Gesamtansicht dieser Maschine dar. Das Druckwerk beherrscht eine im Mittelpunkt befindliche Schraube, welche bei ihrer niedersteigenden Bewegung auf den Gegenstand, den man ihr aussetzt, einen entschiedenen Druck ausübt. Man setzt die Spitze des Stahlstückes, das zum Prägestock umgewandelt werden soll, gerade auf den Mittelpunkt oberhalb des Stempels unter die Schraube der Prägemaschine. Dann bringt man das Druckwerk in Bewegung, um den Druck hervorzurufen. Das Druckwerk geht herab, anfangs sanft, um den Stempel nicht zu verunstalten, hierauf gibt man einen zweiten und dritten Schlag des Druckwerks. Die Spitze des Stahlstückes wird zerquetscht und nimmt in vertiefter Darstellung einen Teil vom Gepräge des Stempels auf. Der Prägestock beginnt sich zu zeichnen. Das Gepräge oder der Prägestock wird darauf wieder geglüht, und zwar unter Luftabschluss; man lässt ihn nun sehr langsam erkalten, und am folgenden Tage beginnt das Verfahren von neuem. Jetzt kehrt man die Anordnung des Stempels und des Prägestockes um: der Stempel wird diesmal nach oben gesetzt (Abb. 1 C) und der Prägestock nach unten in einen starken ringförmigen Einsatz oder Mantel, um jede Gefahr einer Zerquetschung zu vermeiden. Die als Merkzeichen dienenden Punkte sind sehr sorgfältig gewählt worden, damit die Bilder sich nicht doppeln und die schon gezogenen Linien gut übereinstimmen. So fährt man im Prägen fort und gibt so lange Schläge des Druckwerks, bis man die nötigen Hohlpartien und die Reinheit der Linien erreicht hat.

Das Metall fügt sich diesem Verfahren mehr oder weniger leicht; auch hilft der Graveur mit dem Grabstichel und der breiten Radiernadel nach, damit die Zeichnung hervortritt. Wenn das Zuschlagen beendigt ist, so wird das münzenartige Stück ringsum abgedreht, dann freigelegt unter einer Form (Abb. 1 D), die ihm erlaubt, im Prägering eingeschachtelt zu bleiben; hierauf wird es mit den Handwerkszeugen endgültig verbessert und mit peinlicher Sorgfalt beendigt; man härtet es und legt es in einen Mantel, wie vorher den Stempel. So hat man nun die Vorder- oder Oberseite erhalten.

Die Rück- oder Unterseite wird auf dieselbe Weise hergestellt. Man könnte den Prägestock direkt herstellen, indem man in vertiefter Arbeit in einen Stahlblock graviert; aber wenn ein Riss beim Härten oder während der Herstellung der Medaillen einträte, so müsste man die ganze Arbeit von neuem beginnen.

Gesamtansicht der PrägemaschineAbb. 2. Gesamtansicht der Prägemaschine.

Nachdem die münzartigen Hohlstücke, Vorder- und Rückseite, hergestellt sind, kann man jetzt zum eigentlichen Prägen übergehen.

Um die Medaillen zu prägen, muss man sich des Prägeringes (Abb. 2 B) bedienen, der dazu bestimmt ist, die Stempel einzuschachteln und das Metall am Austreten über den Rand und an der Ausbreitung unter dem Drucke zu hindern. Dieser Ring besteht aus Stahl und Eisen und ist gehärtet. Sobald die Stempel festgemacht sind, nimmt man, um die Medaille herzustellen, einen aus einer zur nötigen Dicke geschlagenen Metallplatte vorläufig roh geschnittenen Fladen. Dies ist die nackte Medaille. Einer der Stempel wird mit der Oberseite unter das Druckwerk gebracht; der Ring schachtelt ihn ein. Obenan legt man den Metallfladen, darüber noch den Stempel der Rückseite und gibt zwei Schläge mit dem Druckwerk. Der Stempel der Rückseite wird nun weggenommen, dann der Ring, welcher die Medaille fest einschachtelt. Dieses Verfahren ist es, welches Abb. 2 darstellt. Nun wird der Fladen mit Hilfe eines unten ausgehöhlten Werkzeuges, das nur die Ränder wegnimmt, und durch einen einzigen Hammerschlag aus dem Ring getrieben. Aber noch ist die Sache nicht ganz beendigt. Man hat auf diese Weise einen ersten, leidlich vollkommenen Probeabzug erhalten. Indessen muss man, um die Vollkommenheit zu erreichen, noch zu mehreren Schlägen des Druckwerks seine Zuflucht nehmen, 2 oder 3 für Medaillen von kleinem Durchmesser, 6, 7, 8 – 30 für diejenigen von großem Durchmesser. Auch müssen nach jedem Verfahren die Fladen wieder dem Ausglühen und Putzen ausgesetzt werden; es ist weiter ratsam, die Ränder zu feilen und zu drechseln, damit die Medaille leicht in den Ring eintreten kann und das Unterlegen nach Merkzeichen sich genau vollziehe.

Man sieht, dass die Reihe all dieser Verfahren umfassend und mühsam ist. Das Prägen einer Medaille erfordert ein sehr großes Künstlertalent, aber auch die äußerste Geschicklichkeit des Praktikers.

• Auf epilog.de am 5. Oktober 2021 veröffentlicht