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Das Elektromobil Lohner-Porsche

Allgemeine Automobil-Zeitung • 25.2.1900

Ein automobiler Wagen, ohne Vorgelege und ohne Transmission, dessen Motoren in den Rädern liegen und dessen Vorderräder Lenkung und Antrieb zugleich bilden, dies sind in knappen Worten die epochalen Neuheiten eines elektrischen Phaetons, das die Wiener k. u. k. Hof-, Wagen- und Automobilfabrik Jacob Lohner u. Co. in Gemeinschaft mit dem Konstrukteur, Herrn Porsche, hergestellt hat.

Der Elektromotor ist bekanntlich ein ganz wundersamer Antrieb, der dem Konstrukteur eine Viel größere Bewegungsfreiheit gestattet, als irgend ein anderer, und darauf haben Lohner-Porsche ihr System aufgebaut. Statt die Motoren auf die Welle und von dieser auf die Hinterräder wirken zu lassen, haben die Herren die Motoren einfach direkt in die Vorderräder eingebaut und diese zu Treib- und Lenkrädern zugleich gemacht. Dadurch wurden Vorgelege und Transmission überflüssig.

Lohner-Porsche

Der Wagen, den wir in drei Abbildungen vorführen, zeigt eine hübsche Form. Er ist eine Premiere im vollen Sinne des Wortes und dürfte auf der Pariser Weltausstellung, für die er bestimmt ist, begreifliches Interesse erregen. Vorläufig sind Herrn Porsche erst die Patente in Ungarn und Frankreich, nicht aber in Österreich, Deutschland und Amerika bewilligt worden, und so sind wir heute nur in der Lage, eine allgemeine Beschreibung zu geben.

Der Wagen hat, wie schon angedeutet, zwei Motoren, einen in jedem Vorderrad. Jeder derselben leistet 2,5 PS normal, man kann sie jedoch dauernd auf je 3,5 PS und vorübergehend sogar auf 7 PS belasten, ohne Überhitzung befürchten zu müssen. Das Gefährt hat somit normal 5 PS, eventuell 7 PS und für Augenblicke sogar 14 PS. Im letzteren Falle wird allerdings nicht die Zugkraft, sondern die Schnelligkeit entsprechend vermehrt.

Bei der Annahme, dass ein gut gebauter und konstruierter Benzinmotor-Wagen einen ca. 40 %igen Kraftverlust zwischen Motorwelle und der Felge des Treibrades aufweist, muss man die 5 PS der Porsche-Motoren eigentlich als 8 PS ansehen.

Der Nutzeffekt des Motors wurde bei seiner Normalleistung mit ca. 80 % konstatiert, das bedeutet daher abzüglich der Lagerreibung der Hinterachse, bereits den Gesamt-Nutzeffekt des Wagens.

Lohner-Porsche

Da die Elektromotoren vorne liegen, also dem vollen Luftzuge ausgesetzt sind, werden sie vorzüglich gekühlt, wobei die Rotation des Gehäuses ebenfalls eine Rolle spielt.

Ein nicht geringerer Vorteil, ebenfalls durch das vorne Liegen der Motoren hervorgerufen, ist der, dass der Wagen bei schlechtem Wetter nicht schleudert. Bei Automobilen mit Hinterrad-Antrieb wird das Gefährt geschoben, während bei dieser neuen Anordnung der Wagen gezogen wird. Es soll daher möglich sein, selbst bei einem 80 km/h-Tempo auf nassem Asphalt scharfe Wendungen zu vollführen.

Das Gewicht des kompletten Wagens beträgt 980 kg., davon entfallen auf die fest in den unteren Kastenteil eingebaute Batterie von 44 Zellen 410 kg, auf je ein komplettes Motorrad 115 kg. Durch Schaltung der Batterie, sowie der Motoren ergeben sich sechs Kontrollstellungen, wovon die mittlere einer Geschwindigkeit von 30 km/h entspricht. Die größte Schnelligkeit konnte mangels genügender Spannung der noch nicht formierten Batterie im Freien bisher nicht erprobt werden. Auf der Rolle ergab sie aber ca. 45 km/h, dies entspricht bei 80 V ca. 58 – 60 km/h.

Eine Distanzfahrt zur Konstatierung der Totaldistanz mit einer Batterieladung musste bis jetzt aus obigem Grunde ebenfalls unterbleiben, doch weisen die bisherigen Betriebsdaten bereits eine Ziffer Von über 100 km mit einer Ladung auf.

Lohner-Porsche

Ein Umschalter ermöglicht alle Kontrollstellungen zur Rückwärtsfahrt, ein automatischer Stromausschalter kommandiert die mechanische Bremsung der Hinterräder, während die Vorderräder selbstredend elektrisch gebremst werden können. Die Sperrklinken gegen das Zurückrollen beim Bergauffahren sind in die Bremsscheiben der Hinterräder eingebaut.

Der Wagen hat 1150 mm Spurweite, was ihn zur Befahrung der österreichischen Straßen geeignet macht. Der Schwerpunkt liegt sehr tief, da die Unterkante der Batterie nur ca. 450 mm vom Boden steht. Die Räder sind mit 99 mm Continental-Pneumatik ausgestattet.

Die außerordentliche Leistungsfähigkeit des Wagens von 100 km mit einer Ladung befriedigt die Erzeuger aber noch nicht, sie wollen dem Vehikel eine transportable Ladestation mitgeben, die es dem Lenker ermöglichen soll, so viel neuen Strom selbst während de r Fahrt zu erzeugen, dass er 150 km weit kommen kann.

Ist durch das Verschwinden des Vorgeleges und der Transmission eine Anzahl von Defektmöglichkeiten aus der Welt geschafft, so bilden die 12 Kollektorbürsten pro Motor (zwei bilden ein Motor-Element) einen Schutz gegen das Versagen der Motoren selbst. Sollte aber doch einmal ein Triebrad unbrauchbar sein, so kann der Chauffeur mit dem intakt gebliebenen Rad den Wagen noch immer weiter bewegen. Die Auswechslung eines defekten Motorrades samt Achsstummel gegen ein neues ist in fünf Minuten erledigt.

Bemerken wollen wir schließlich noch, dass der von uns im Bild vorgeführte Wagen die Nummer 24 000 der Firma Jacob Lolmer u. Co. trägt.

Entnommen aus:


Zeitreisen mit Aufzügen und nach Berlin

Kultur + Technik von 1833 bis 1913

edition.epilog.de

Zeitreisen mit Aufzügen und nach Berlin
Die ›Zeitreisen‹ knüpfen an die Tradition der Jahrbücher wie ›Das neue Universum‹ oder ›Stein der Weisen‹ an. Eine bunte Auswahl von Originalartikeln begleitet den authentischen und oft überraschend aktuellen Ausflug in die Geschichte. Kultur- und Technikgeschichte aus erster Hand, behutsam redigiert, in aktueller Rechtschreibung und reichhaltig illustriert. Auszug aus dem Inhalt: Die Eröffnung des Themse-Tunnels; Die neue Pontonbrücke über den Stößensee bei Spandau; Die Grundsteinlegung der Göltzschtalbrücke; Die Uraniasäulen in Berlin; Die elektrische Eisenbahn in Budapest; Von Kiel nach Brunsbüttel; Die Dresdner Chaisenträger; Das Elektromobil Lohner-Porsche; Personenaufzüge für den Straßenverkehr; Das transatlantische Kabel im Dienste der Wissenschaft; Eine Stunde auf der Berliner Börse; Die Mineralquelle zu Selters; Fabrikation der Zündblättchen; Die Maulwurfsarbeit der Großstädte; Die Berliner Wasserwerke; Eine elektrische Müllverladestation; Beförderung von Feuerspritzen auf Schienengleisen; Elektrische Beleuchtung in Berlin; Die öffentlichen Bäder in Budapest; Ein Wiener Kaffeehaus; Das Parlament in London  PDF-Leseprobe € 18,90 | 196 Seiten | ISBN: 978-3-7543-9786-2

• Auf epilog.de am 12. April 2021 veröffentlicht