VerkehrEisenbahn

Arbeitsbedingungen der Bahnwärter

Ist das wirklich möglich?

Die Gartenlaube • 1870

Einer unserer Leser macht uns folgende Mitteilung:

Ich wohne mit einem Bahnwärter einer schlesischen Eisenbahn in einem Hause. Der Mann hat mit seiner Frau und vier Kindern nur ein kleines Stübchen inne, aber die Leutchen leben still und friedlich zusammen, Mutter und Kinder kommen uns den ganzen Tag nicht in den Weg, während der Vater von früh halb fünf bis nachts halb zwölf Uhr in seinem Dienst vom Hause entfernt ist.

Da begegnete mir, es war am ersten Sonntag im Februar mit seiner damaligen grimmigen Kälte und ich wollte eben zur Kirche gehen, die Frau des Bahnwärters mit verweinten Augen. Ich stutzte, als ich ihr in das leidende Antlitz sah, und konnte nicht umhin, sie nach der Ursache ihrer Traurigkeit zu fragen. Mit ausbrechenden Tränen sagte sie mir: »Ich komme von meinem Manne, habe ihm Frühstück hingetragen und musste sehen, wie er in seiner elenden, durchsichtigen Bretterbude von Bahnhäuschen auf der harten Bank liegt und sich vor Frost kaum rühren kann. Ach, er hat sich in der kalten Hütte schon alle Glieder erfroren!«

»Aber bekommt denn Ihr Mann nicht so viel Feuerung, wie er in seinem Bahnhäuschen braucht?« fragte ich.

Ihre Erklärung machte mich staunen. Sie lautete: »Mein Mann bekommt nur auf vier Wintermonate für den Tag einen Silbergroschen zu Holz und Kohlen. Wie soll er damit und in solcher Kälte eine Bude heizen, zu welcher der Wind von allen Seiten eindringt? Wir haben von unserem monatlichen Gehalt von zehn Talern schon vergangenen Monat einen Taler für Feuerung draußen zugesetzt und werden nun noch einen uns von unserer kargen Haushaltung abdarben müssen. Das hohe Direktorium würde gewiss diesem Übelstande abhelfen, wenn es davon Kenntnis erhielte. Mein Mann erzählte mir, dass schon Bittschreiben in dieser Angelegenheit an die vorgesetzten Betriebsbeamten abgegangen, aber bis jetzt ohne Erfolg geblieben seien; Letztere zu übergehen und sich direkt an das Direktorium zu wenden, verbiete den Bahnwärtern ihre Instruction.«

So erzählte mir die Frau, die sich über die Leiden, die ihr braver Mann in seinem Dienst auszustehen habe, nicht trösten konnte.

Wenn aber diese eine Leidensgeschichte wahr ist, so ist sie es für Hunderte ebenso behandelter Bahnwärter, und der Jammer betrifft Tausende von armen Menschen im Dienste der einträglichsten Spekulation.

Wir verschweigen heute noch die nähere Bezeichnung der betreffenden Bahnverwaltung, in der Hoffnung, dass der Glaube der Bahnwärterfrau an ›das hohe Direktorium‹ in Erfüllung gehe, nachdem ihm dieses Blatt vor Augen gekommen sein wird. – Verhält sich aber alles so und erfährt trotz alledem unsere Bitte dieselbe Nichtbeachtung wie die der frierenden Bahnwärter an ihre Vorgesetzten, dann werden wir uns allerdings genötigt sehen, die betreffende Verwaltung so laut und so lange beim Namen zu rufen, bis sie ihrer Pflicht der Menschlichkeit gerecht geworden ist.

• Auf epilog.de am 17. November 2021 veröffentlicht