Handel & IndustrieLebensmittelproduktion

Amerikanischer Teeprüfer

Das Neue Universum • 1882

Der Beruf eines Teeprüfers wird, dem Scientific American zufolge, in New York von vielleicht mehr als 100 Firmen betrieben. In ihren Geschäftsräumen befinden sich große Tische mit runden sich um eine Achse drehenden Blättern. Am Rande der Tischplatte stehen Teetassen im Kreis aufgestellt. Der Teeprüfer sitzt vor dem Tische und probiert eine Tasse nach der anderen, indem er die Tischplatte dreht. Auf dem Tisch steht eine Waage; in einer Schale derselben befindet sich ein silbernes 5 Cent-Stück. Ein oder zwei große Kessel mit stets siedendem Wasser sind bequem zur Hand. Soll eine Teeprobe geprüft werden, so wird davon so viel abgewogen, wie das 5 Cent-Stück wiegt, das abgewogene Quantum wird in eine Teetasse gefüllt und siedendes Wasser darauf gegossen. Der Teeprüfer rührt die Blätter um, nimmt sie dann mit seinem Teelöffel heraus und prüft, eingehend riechend, das Aroma. In der Regel nimmt er auch einen Schluck des Aufgusses in den Mund, spuckt ihn jedoch nach kurzer Zeit wieder aus. Große messingene ›Cuspadores‹ (Spucknäpfe) nehmen den so probierten Tee und den Inhalt der geprüften Tassen auf.

Soll eine große Menge Tee von einer gewissen Art gekauft werden, so werden oft zahlreiche Proben von verschiedenen Häusern geliefert; Käufer und Verkäufer versammeln sich um den ›Revolver‹-Tisch, auf dem sich die Tassen mit den Aufgüssen der verschiedenen Sorten befinden; die verschiedenen Proben werden nun durchgekostet und ›Körper‹ (body) Feinheit, ›toastiness‹ usw. eingehend besprochen; die schlechteren Sorten werden ausgeschlossen, dann wird noch einmal probiert, bis man endlich den gewünschten Artikel herausfindet. Die bei diesen Operationen entwickelte ›Kunst‹ ist in der Tat bewunderungswürdig. Ein Teeprüfer erkennt nicht allein die Beschaffenheit einer Teesorte in Bezug auf Alter, Stärke, Aroma usw., er weiß auch, in welchem der zahlreichen Teedistrikte Chinas sie gewachsen ist. Man notiert wohl die bezüglichen Tatsachen unter dem Boden der Tassen, wo die Bemerkungen nicht gesehen werden können; die Tassen werden beliebig durch­einander­gestellt und der erfahrene Teeprüfer sortiert die Sorten einfach nach dem Geruch. Oft werden 400 – 500 Tassen Tee in einem Tag probiert, viele Teeprüfer bringen den größten Teil des Tages und manche Stunden ununterbrochen mit diesem Geschäfte zu; vielleicht ist es noch zu niedrig gegriffen, wenn man sagt, dass im Jahresdurchschnitt 200 Tassen täglich geprüft werden. Die schlechten Sorten Tee werden häufig nicht in den Mund genommen, sondern einfach mit dem Geruchsorgan abgetan. Von den bessern Sorten wird ein Teil verschluckt, ein Teil ausgespuckt. Der Tee kommt bei diesem Probieren auf drei Wegen in das System des Körpers: durch Einatmen, durch die Absorption mittelst der Schleimhaut des Mundes und direkt durch das Verschlucken. Verschluckt werden beim Tee­probieren täglich wohl nicht mehr als 2 – 3 Tassen.

Man ist nicht einig darüber, ob das Tee­probieren eine gesunde Beschäftigung sei; Dr. Dana hält es dafür, im Gegensatz zu anderen Schriftstellern über den Gegenstand, weil ihm sehr bejahrte, gesunde Männer bekannt sind, die ohne Unterbrechung und ohne Schaden für ihre Gesundheit 30 – 40 Jahre Tee probiert haben.

• Auf epilog.de am 6. Juli 2026 veröffentlicht

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