VerkehrPostwesen

Der Abelsche Postwertzeichen-Automat im Weltpostverkehr

Verkehrstechnische Woche • 1.5.1909

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Außer der deutschen Reichs-Post­verwaltung haben auch viele andere Postverwaltungen an den Abelschen  Postwertzeichen-Automaten lebhaftes Interesse bekundet und dieses bereits schon betätigt. Da aus naheliegenden Gründen die einzelnen Staaten darauf sehen, dass die von ihnen gebrauchten Automaten im eigenen Lande hergestellt sind, hat sich in Berlin die Internationale Abelsche Briefmarken-Automaten-Vertriebs-Gesellschaft mbH gebildet, die in verschiedenen Staaten Tochtergesellschaften gegründet oder die Verwertung ihrer Patente leistungsfähigen Fabriken übertragen hat.

Bayern stellte in München Versuche mit den Abelschen Automaten an; das Ergebnis war ein so gutes, dass die Allgemein-Einführung der Automaten beim Verkehrsministerium beantragt wurde.

Die Generaldirektion der Königlich Württembergischen Posten und Telegrafen hat die einleitenden Schritte zur Einführung der Automaten im württembergischen Postgebiet bereits getan; sie hat die Deutsche Abel-Post­wert­zeichen-Auto­maten-Gesell­schaft aufgefordert, sich mit sämtlichen Postdirektionen Württembergs wegen Lieferung der Automaten direkt in Verbindung zu setzen.

Abel-Automaten im Hôtel des Postes.Abel-Automaten im Hôtel des Postes, Brüssel.

Das Sous-Secré­tariat d’État des Postes et des Télé­graphes in Paris veranlasste einen Versuch mit dem Abelschen Postwertzeichen-Automaten, und am 12. März 1908 wurde der erste französische Postwertzeichen-Automat, der gegen Einwurf eines 10 Centime-Stückes eine 10 Centime-Marke verausgabt, in der Vorhalle des Hôtel des Postes, Rue du Louvre, in Paris aufgestellt. Dieser arbeitete vom ersten Tage an befriedigend und wurde von der Presse der französischen Hauptstadt übereinstimmend als eine bedeutsame und erfreuliche Neuerung auf dem Gebiet des französischen Postwesens begrüßt und auf das Wohl­wollendste besprochen. Auch die Oberpostbehörde in Paris, unter deren steten Kontrolle der Automat arbeitet, hat bereits ihre Anerkennung über sein einwandfreies Funktionieren ausgesprochen.

Der Leiter des Postwesens der Vereinigten Staaten von Nordamerika, von Lengerke-Meyer, in Washington forderte vor etwa zwei Jahren zur Vorführung von Probeautomaten zum Verkauf von Postwertzeichen auf, um praktische Versuche vornehmen zu können. Auf diese Aufforderung hin wurden dem Postdepartement etwa 26 Apparate verschiedener Größen und Konstruktionen vorgeführt. Maschinen jeder Art waren darunter, die meisten jedoch mit Druckknöpfen oder Handgriffen versehen, die gedreht werden mussten, bevor der Apparat das Postwertzeichen verausgabte. Ein vom Postmaster-General eingesetzter Ausschuss hatte alle Maschinen gründlich geprüft und schließlich drei oder vier ausgewählt, die einem besonderen Versuchsbetrieb unterzogen werden sollten. Zwei Tage vor dem Schlusstermin für die Zulassung zum Wettbewerbe wurde dem Postmaster-General der Abelsche Briefmarkenautomat vorgeführt; er war der einzige unter allen vorhandenen Automaten, der die ihm gestellte Aufgabe des automatischen Postwertzeichen-Verkaufes auch tatsächlich automatisch, d. h. ohne fremde Hilfe, löste. Der Postmaster-General äußerte sich höchst befriedigt über die geniale Lösung der Frage, und es wurden in Washington im General-Post-Office vier Abelsche Postwertzeichenautomaten zur Probe aufgestellt.

Der eine verkauft 1 Cent-Marken, der andere 2 Cent-Marken, und zwar fünf Stück gegen Einwurf eines Dimes, der dritte zwei Stück 5 Cent-Marken gegen Einwurf eines 10 Cent-Stückes und der vierte verkauft zehn 1 Cent-Postkarten gegen Einwurf eines Dimes. Die Automaten versagten nicht ein einziges Mal; sie haben die praktische Probezeit, die auf vier Wochen festgesetzt war, glänzend bestanden. Im Anschluss an den befriedigenden Ausfall des Versuches in Washington beantragte die amerikanische Postverwaltung zwecks Ausdehnung der Probeversuche beim Kongress die Bewilligung von 25 000 Dollars; für welchen Betrag in allen größeren Städten der Vereinigten Staaten vollständige Sätze von Abel-Automaten aufgestellt werden sollten. Dieser Antrag wurde im Kongress genehmigt und vom Senat bestätigt.

Die amerikanische Presse hat den Automaten übereinstimmend günstig beurteilt. Der Abel-Automat hat also in Amerika schnell Anerkennung gefunden, und auch nach Kanada, Brasilien und Argentinien sind Automaten für den Postwertzeichen-Verkauf bereits geliefert worden.

Gleich der amerikanischen und französischen Postverwaltung hat auch die belgische an dem vollkommenen Gelingen des automatischen Postwertzeichen-Verkaufes großes Interesse gezeigt und durch Aufstellung von Postwertzeichen-Automaten in Brüssel eigene Versuche im Anfang vorigen Jahres angestellt. Auch diese Versuche sind befriedigend verlaufen. Es wurden zunächst zwei Automaten im Zentralpostamt aufgestellt, von denen der Postkarten-Automat in zehn Wochen 47 000 Postkarten und der Briefmarken-Automat 40 000 Briefmarken verkaufte. Auch in Belgien hat die Presse mit großer Befriedigung von dieser wichtigen Neuerung auf postalischem Gebiet Kenntnis genommen.

Gleich den übrigen romanischen Ländern interessiert sich auch Italien für die Ausstattung seiner Postanstalten mit Abelschen Briefmarken-Automaten; am Hauptpostamt in Rom ist der erste Automat in Betrieb genommen worden.

Von den nordischen Ländern hat Schweden den automatischen Postwertzeichen-Verkauf zuerst aufgenommen und Versuche mit dem Abel-Automaten in Stockholm und Malmö angeordnet. Diese Versuche haben einen befriedigenden Verlauf genommen und zur endgültigen Übernahme der Automaten geführt, die sich denn auch im Betrieb der Post dauernd bewährt haben und z. T. selbst mehr Marken verkaufen als manche in Deutschland aufgestellte Automaten.

Das K. K. Handelsministerium in Wien hatte am 27. März 1908 einen Briefmarken-Automaten zur Ausgabe von einer 10 Heller-Marke, einen Briefmarken-Automaten zur Verausgabung von je zwei Briefmarken zu 3 Heller und einen Karten-Automaten zur Verausgabung von zwei Postkarten zu 5 Heller gegen jedesmaligen Einwurf eines 10 Heller-Stückes bestellt. Nachdem diese Apparate der Post den Beweis ihrer vollen Zuverlässigkeit im Betrieb erbrachten, hat sie eine größere Anzahl gleicher Apparate in Wien und Prag in Betrieb genommen.

Die K. K. Militärpost und Tele­grafen­direktion in Sarajevo bestellte einen Briefmarken-Automaten mit dem Vorbehalt, dass er nur bezahlt werden sollte, wenn durch dessen Betrieb erwiesen würde, dass der Automat einwandfrei funktioniert. Am 22. Februar 1908 ist der Betrag für den Automaten bezahlt und seine gute Verwendungsfähigkeit damit abermals bestätigt worden.

Abel-Automaten in der General Post Office in London.Abel-Automaten in der General Post Office in London.

In England sind zwei Briefmarken-Automaten in dem General-Post-Office in London aufgestellt worden. Sie verausgabten nach einer in den ersten Monaten aufgestellten Statistik rd. 25 000 Briefmarken monatlich. Auch diese umfangreiche Verkaufstätigkeit leisteten die Automaten ohne Störung, obwohl sie auch in London, wie fast überall, im Freien aufgestellt und somit allen Witterungseinflüssen und der in London besonders feuchten Luft ausgesetzt sind. Damit hat der Automat seine unbedingte Zuverlässigkeit erneut dargetan.

Russland und Finnland haben kürzlich die ersten Probeautomaten erhalten. Wegen der Einführung der Automaten in Spanien haben Verhandlungen mit Beauftragten der spanischen Regierung bereits stattgefunden, und gleichermaßen vorgeschritten sind die Unterhandlungen mit verschiedenen anderen Staaten. So haben von anderen europäischen Ländern Postwertzeichen-Automaten des Abelschen Systems in ihrem Postbetrieb bereits aufgenommen die Regierungen von Ungarn, Rumänien, Italien und Holland. Auf dem amerikanischen Kontinent sind die Postverwaltungen von Kanada, Mexiko, Brasilien und Argentinien dem Beispiel der Vereinigten Staaten gefolgt. Die Postbehörden von Australien, Japan, Brit. Ost-Indien und der Transvaal-Kolonie haben die neue Einrichtung in Deutschland prüfen lassen und erwägen deren baldige Nutzbarmachung für ihre Betriebe.

• Ober-Postpraktikant Schikorowski

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• Auf epilog.de am 26. März 2026 veröffentlicht

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