VerkehrEisenbahn

Eine Bergbahn in Kalifornien

Das Neue Universum • 1895

Die Ersteigung steiler Berg­abhänge mittels Eisenbahnwagen ist in der Neuzeit eines der Lieblingswerke kühner Ingenieure geworden, weil dabei nicht unbedeutende Schwierigkeiten zu überwinden sind. Gegenwärtig hat ein amerikanischer Ingenieur Namens Lowe im südlichen Kalifornien bei Pasadena ein höchst interessantes Projekt dieser Art in Angriff genommen. Es betrifft dasselbe die Anlage einer Eisenbahn auf den daselbst gelegenen steilen Gipfel der Sierra Madre. Lowe ist ein praktischer Aeronaut und war Chef der Luftschifferabteilung der Vereinigten Staaten-Armee während des Sezessionskrieges im Jahr 1861. Er hatte damals zuerst die Idee, die zur Aus­kund­schaft der feindlichen Truppenbewegungen benutzten Luftballons durch elektrische Telegrafen mit der Erde in Verbindung zu setzen, um die bezüglichen Mitteilungen rasch nach unten zu befördern. Durch zahlreiche Erfindungen auf diesem Gebiet, sowie mit Bezug auf meteorologische Beobachtungsinstrumente erlangte er einen bedeutenden Ruf. Nunmehr krönt er seine glänzende Laufbahn durch das bewundernswerte, hier zu beschreibende Werk.

Bergbahn zu PasadenaDie Bergbahn zu Pasadena in Kalifornien.

Die neue Eisenbahn beginnt am Ende der Bahn von Los Angeles bei Altadena und ersteigt den Gipfel des Mount Lowe, wobei sie an zahlreichen schönen Villen vorübergeht, welche terrassenartig längs des Bergabhanges empor angelegt sind. Von Altadena aus schlängelt sich die Bahn an den Abhängen der Sierra Madre hinan bis zum Rubio Canyon, zu deutsch ›der roten Schlucht‹, wo der steile Anstieg beginnt. Acht Monate waren die Arbeiter, an Seilen über dem Abgrund hängend, damit beschäftigt, die aus hartem Granit bestehende Felswand für die Aufnahme der Bahn auszuhöhlen.

Die Bahn durchquert die genannte Schlucht auf einer schrägen Brücke, die trotz ihres gewagten, scheinbar außerordentlich leichten Baus, als ein wahres Wunderwerk bezüglich Stabilität und Eleganz zu gelten hat. Diese Brücke hat 60 m Spannweite und der Pfeiler, auf dem sie stromabwärts ruht, liegt im Verhältnis zu dem stromaufwärts befindlichen Pfeiler 30 m tiefer. Von diesem letzteren Punkt aus führt die Bahn in 1200 m Länge bei 620 m Aufstieg, nach dem Mount Echo. Bisher galt die auf den Pilatusberg in der Schweiz führende Bahn mit 48 m Aufstieg auf 100 m Streckenlänge, als die steilste. Sie wird aber nunmehr durch die erwähnte Bahnstrecke, deren Steigung 50 auf 100 beträgt, noch übertroffen. Die Wagen werden durch ein endloses Drahtseil, welches durch einen Elektromotor betrieben wird, auf dieser Steigung hinaufbefördert. Diese Wagen sind von besonderer Konstruktion, so dass trotz der Steilheit der Bahn die Sitze immer in der horizontalen Lage bleiben. Es wird dies dadurch erreicht, dass die Sitze an beiden Enden in geeigneter Weise aufgehängt sind. Das gegenseitige Ausweichen der bergauf und bergab fahrenden Wagen wird durch automatische Weichen erleichtert. Der obere Teil der Bahn ist aber zweigleisig angelegt. Die Bahn steigt im Zickzack empor, um die mehr oder minder tiefen und verschieden breiten Schluchten zu umgehen. Sie endet auf dem flachen Gipfel des Mount Lowe in einer Höhe von 2200 m, wo sich ein astronomisches Observatorium befindet.

Dieses Observatorium, welches mit einer meteorologischen Station verbunden und sehr vollständig mit allen einschlägigen Instrumenten ausgerüstet ist, wurde von einer Gesellschaft Gelehrter gegründet und befindet sich nunmehr durch den Bau der neuen, 12 km langen Linie in engster Vereinigung mit dem Observatorium von Pasadena, wodurch die Arbeiten beider Anstalten sehr gefördert werden dürften.

Selten bietet die Natur so großartige Schönheiten wie in dieser Gegend. Vom Fuß bis zum Gipfel der Berge sind bunte Blumenteppiche ausgebreitet, untermischt mit dem dunklen Grün der Sykomore, des Cashew­baums und der Tanne. Die großartigen Granitwände der roten Schlucht, die tiefen Abgründe, sowie die malerischen Wasserfälle, welche von allen Seiten herabstürzen, gewähren einen entzückenden Anblick, der sich bei Erreichung des Gipfels noch steigert; denn daselbst bietet sich dem Auge ein wundervolles Panorama. Am Fuß des Berges dehnt sich unabsehbar die im Sonnenlicht glänzende Ebene von San Gabriel aus. Scheinbar ganz nahe erblickt man die Perle des Tales, die Stadt Pasadena, die von einem Gürtel von Palmen, Zitronen- und Orangenbäumen, von Magnolien und Eukalyptus umgeben ist. In weiter Ferne, am Horizont im blauen Dunst sich verlierend, erblickt man noch die schöne Schwesterstadt Los Angeles, welche aus der üppigen Vegetation mit ihren weißen Häusern sich glänzend erhebt.

Seit lange schon hat das südliche Kalifornien durch seine mannigfaltigen Naturschönheiten einen Weltruf erlangt. Durch die neue Bergbahn ist die Gegend noch genussreicher geworden.

• Auf epilog.de am 7. Januar 2026 veröffentlicht

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