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Die schweizerischen Alpenpässe

Der Gotthardpass

Die Woche • 13.2.1909

Unter allen schweizerischen Alpenpässen ist der Gotthard der bekannteste und populärste. Das ganze Erwerbsleben der Bewohner beruhte seit Jahrhunderten auf dem gewaltigen Verkehr, der dieser berühmten Handelsstraße folgte. Die Eröffnung der Gotthardbahn schuf hier tiefgehende Veränderungen. Der Reisende, der bis dahin in vier Tagesetappen von Flüelen bis Bellinzona reiste, durchfuhr nun die gleiche Strecke in ebenso vielen Stunden, ohne sich den mannigfachen Gefahren des Berges, den Lawinen und Schneestürmen und anderen Unbilden der Witterung aussetzen zu müssen. Auch der Warenverkehr ging auf dem neuen Wege billiger und rascher vonstatten, so dass die prächtige Straße über den Berg immer mehr und mehr vereinsamte. Erst die seit einem Jahrzehnt stark zunehmende Vorliebe für Fußwanderungen hat auch den Gotthard wieder zu Ehren gebracht.

Die Wanderungen nehmen meistens in Göschenen ihren Ausgang; nur wer ganz über seine Zeit Herr ist, wird auch den ersten Anstieg von Amsteg aus zu Fuß unternehmen. Sonst bietet die Eisenbahnfahrt Gelegenheit genug, das immer wechselnde, großartige Landschaftsbild sowie die bewundernswerten Kunstbauten der Bahn zu überblicken. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Göschenen öffnet sich für einige Sekunden nochmals eine malerische Szenerie, wie sie in gleicher Wirkung von keinem anderen Punkt aus betrachtet werden kann. Im Vordergrund das tief eingeschnittene Bett der Göschenen-Reuß, umsäumt von den Häusern und der alten Kirche des Dorfes (Abb.1), die Bergwände noch mit grünen Wäldern und Matten geschmückt, während im Hintergrund des Tales die Eiswand des Dammafirns sich gewaltig und drohend erhebt.

Abb. 1: Göschenen gegen die Schöllenschlucht.

Abb. 2: Partie aus der Schöllenschlucht gegen Andermatt.

Einen düsteren Gegensatz zu diesem farbenreichen Bild bildet die gegen Süden sich öffnende Schöllenen (Abb.2), durch die der weitere Weg emporführt. Vor dem Passieren der ersten Brücke über die schäumende Reuß erblickt man links unten den schwarzen Schlund des Gotthardtunnels, aus dessen Inneren man das dumpfe Surren der riesigen Ventilatoren vernimmt. Bei Windstille im Sommer gleicht die Wanderung durch die Schöllenen dem Gang durch einen Glutofen. Das Auge findet an den kahlen, steilaufragenden Felswänden keinen Ruhepunkt, einzig das Donnern der Reuß, die ihre Fluten über ungeheure Felsblöcke hinwegwälzt, zeugt von Leben in dieser Wildnis. Erst wenn man in die Nähe der Teufelsbrücke gelangt (Abb.3), erhält die Landschaft malerische Gestaltung. Die hochaufragenden Felsen treten noch näher zusammen, die Straße führt hoch über dem Wasserlauf dahin und überschreitet diesen auf einer kühn angelegten Brücke. Nach einer Wegbiegung erblickt man vor sich ein Felsentor, das Urnerloch, durch das man die Ebene des Urserentals erreicht. Bevor man es betritt, erblickt man zur Rechten eine zur Verteidigung eingerichtete, abgeschlossene Brücke, die direkt in das Innere des Berges führt. Die ganze Felswand ist mit militärischen Bauten versehen; hier befindet sich die erste Verteidigungsgruppe der Gotthardfestung, die Forts Bühl und Bäzberg.

Abb. 3: Die Teufelsbrücke, von den Festungswerken aus gesehen.

Abb. 4: Der Lucendrosee auf dem Gotthardpass.

Wer die Schöllenen hinter sich hat, ist überrascht von dem plötzlichen Szenenwechsel, der sich beim Verlassen des Urnerloches dartut. Aus der engen Gebirgsschlucht betritt man unvermittelt ein prächtiges grünes Hochtal, belebt durch einige stattliche Ortschaften. Dieses gegen drei Stundenlange und bis zu einer halben Stunde breite Tal ist der Treffpunkt mehrerer wichtiger Straßen und zugleich durch seine natürliche Lage zu einer Lagerfestung großen Stils wie geschaffen. Nach Norden führt die Straße zum Vierwaldstätter See, nach Süden über den Gotthard ins Tessin, im Osten über den Oberalppass ins Vorderrheintal und im Westen über die Furka ins Wallis und über die Grimsel ins Berner Oberland. Andermatt ist heute nicht nur ein großer Fremdenplatz, sondern auch ein wichtiger Waffenplatz geworden. Fremde Besucher zerbrechen sich oft die Köpfe über die Bedeutung der etagenmäßig angelegten Mauern hoch auf den Bergen über Andermatt und raten meistens auf militärische Werke. Diese sehr kostspieligen Bauten dienen aber einem friedlichen Zweck: Es sind Lawinenverbauungen zum Schutz des darunterstehenden Waldes und der Ortschaft selbst.

Abb. 5: Erster Blick beim Überschreiten der Passhöhe auf das Hospiz und die Seen. Links die Festungswerke.

Von Andermatt führt die Gotthardstraße weiter nach dem drei Kilometer entfernten Hospental, das malerisch am Zusammenfluss der Gotthard- und Realper Neuß gelegen ist. Hier zweigt die Furkastraße ab und führt durch das Urserental weiter gegen Realp, während die Gotthardstraße gegen Süden in mehreren Windungen ansteigt und in dem langen, vegetationslosen Tal der Gotthardreuß zur Passhöhe emporsteigt. Kurz vor Erreichung der Passhöhe zweigt rechts ein Fußweg ab zu dem eine halbe Stunde entfernten Lucendrosee, der malerisch zwischen hohen Bergwänden eingebettet liegt (Abb.4). In dem kristallklaren Wasser spiegeln sich die schneebedeckten Berghäupter in wunderbarer Deutlichkeit. Das ganze Gotthardgebiet zählt etwa fünfzig Seen, von denen sieben auf der Passhöhe liegen. Diese stellt sich als eine ausgedehnte kahle Hochebene dar, an deren Südrand man die ausgedehnten Hospizbauten und links davon wieder Festungswerke erblickt (Abb.5). Das Gotthardhospiz bietet ein vorzügliches Standquartier für eine Reihe hervorragend schöner und lohnender Touren, wie auf den Pizzo Centrale und Monte Prosa, die Fibbia, Piz Lucendro und Piz Rotondo u.a. Im 1905 nach dem Brand neuaufgebauten eigentlichen Hospizgebäude befindet sich seit Jahren eine wichtige Wetterbeobachtungsstation, da der Gotthard eine eigentümliche Wetterscheide bildet. Oftmals, wenn wir am Nordfuß der Alpen tage- und wochenlang in Nebel und Unwetter stecken, sendet der Wetterwart des Gotthard die lakonische Botschaft: nach Süden heiter!

Abb. 6: Blick von der Passhöhe ins Val Tremola mit den Entwicklungsschleigen der Gotthardstraße.

Abb. 7: Entwicklungsschleifen der Gotthardstraße in der Schöllenen.

Wenn man vom Hospiz südwärts gehend die Straße verlässt und einem nach rechts führenden Fußweg folgt, gelangt man an den Rand des Hochplateaus und erblickt tief unter sich das Val Tremola, in dem sich die Straße in über zwanzig Kehren hinabsenkt (Abb.6 u.7). Diese Strecke ist im Winter und Frühjahr der Lawinen wegen sehr gefährlich zu begehen. In schneereichen Jahren halten sich die Lawinenreste den ganzen Sommer über. Im Lauf der Jahrhunderte sind hier unzählige Menschen verunglückt, ganze Karawanen wurden von den Lawinen weggefegt, daher auch der Name Val Tremola: Tal des Schreckens. Am Ausgang des Tals beginnt der Blick sich zu weiten, die schön geformten Berge des Bedrettotales treten hervor, die Vegetation beginnt sich reicher zu entfalten, und trotz des alpinen Charakters der Landschaft macht sich der Einfluss des südlichen Klimas schon bemerkbar. Die Straße tritt an den Rand der untersten Bergterrasse und gewährt einen überraschend schönen Blick über das waldreiche Livinental mit seinen vielen Dörfern und den blendend weißen Kirchen, die von schier unzugänglichen höhen herniederschauen. Auf steilem, abkürzendem Wege geht es hinab nach Airolo, dem Ausgang des Gotthardtunnels, und dem Ziel unserer Wanderung entgegen.

• A.Krenn

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