VerkehrSchifffahrt

Die Weser-Dampfschifffahrt

Illustrirte Zeitung • 3.1.1846

Die Längenangaben und andere Maße des Originaltextes wurden in das metrische System umgerechnet.

Im Jahre 1816 ließ der Kaufmann Friedrich Schröder zu Bremen das erste Dampfschiff für die Unterweser, auf alleinige Kosten, erbauen. Es hieß ›Die Weser‹ und fuhr zwischen Bremen, Vegesack, Elsfleth und Brutten. Derselbe Fr. Schröder ließ gleichfalls auf seine Kosten das für die Oberweser bestimmte Dampfschiff ›Herzog von Cambridge‹ erbauen. Dieses Schiff von 14 PS war 33½ m lang, 4 m breit, hatte einen Tiefgang unbeladen von 60 cm, mit 48 t beladen, von 100 cm. Es machte die erste Fahrt von Bremen nach Münden vom 9. bis zum 20. März 1819, gebrauchte also, da an jedem Tage gefahren wurde, zwölf Tage zur Bergfahrt. Es hatte mit vielen Hindernissen zu kämpfen und musste oft durch Menschen oder Pferde fortgezogen werden, fand sogar eine Stelle, wo es, nachdem Pferde vergeblich vorgespannt waren, nur durch Winden die Stromschnelle besiegen konnte. Nach diesem, als verunglückt zu betrachtenden Versuch, wurde dies Schiff auf der Unterweser benutzt. Während auf der Unterweser nach und nach die Dampfschiffe: ›Bremen‹, ›Roland‹, ›Telegraph‹, ›Gutenberg‹, ihre Fahrten mit großem Erfolg bewerkstelligten, erschien in den 24 Jahren von 1819 bis 1843 – außer ›Friedrich Wilhelm‹, der einige missglückte Fahrten machte – kein Dampfschiff, um den Fluss zwischen Bremen und Münden zu befahren. Als aber im Jahr 1811 Eduard Ichon in Bremen durch veröffentlichte Aufsätze und Veranschlagungen seine Überzeugung ausgesprochen hatte, dass bei den in der Dampfschiffbaukunst gemachten Erfahrungen und Fortschritten eine Dampfschifffahrt auch auf der ganzen Oberweser ausführbar sein müsse, so bildeten sich bald darauf in Hameln und Münden, dann auch in Minden und Bremen Ausschüsse zur Vorbereitung der Sache und legten im Frühjahr 1842 ihre Vorschläge dem größeren Publikum vor, indem sie zur Zeichnung der Aktien, jede zu 100 Mrk, aufforderten.

Nachdem sich erhebliche Teilnahme gezeigt hatte, wurde auf den 29. November 1842 eine General-Versammlung nach Hameln berufen, in welcher die Gesellschaft sich unter dem Namen ›Vereinte Weserdampfschifffahrt‹ konstituierte. Zunächst wurden zwei Dampfschiffe bestellt. Inzwischen hatte Hr. Wüstenfeld in Münden auf alleinige Kosten ein für die Fulda bestimmtes Dampfschiff bauen lassen, welches im September 1843 eine Versuchsfahrt von Münden nach Bremen und zurück unternahm – seit 24 Jahren das erste, welches die ganze Oberweser befuhr. In der Mitte desselben Monats erschien das erste, der Gesellschaft gehörige Schiff ›Hermann‹ und im Februar 1814 das zweite, der ›Wittekind‹; im August 1844 kamen der Gesellschaft drittes und viertes Schiff, ›Germania‹ und ›Blücher‹. In der am 20. Juli zu Hameln gehaltenen General-Versammlung wurde beschlossen, die Anzahl der Schiffe auf sieben zu vermehren, der Art, dass fünf die regelmäßigen Fahrten versehen, zwei aber in Reserve behalten würden. Die Direktion der vereinten Weser-Dampfschifffahrt ist in Hameln und wird besorgt von dem Polizeikommissar Dr. Wermuth. Außerdem sind vier Administrationen: zu Münden, Hameln, Minden und Bremen.

›Wittekind‹ hat 20 PS, 41 m Länge mit mit Rückenkasten, 8¼ m Breite. Er fährt zwischen Hameln und Bremen und machte bislang seine schnellste Bergfahrt von Bremen nach Hameln in 19 Stunden 43 Minuten, seine schnellste Talfahrt von Hameln nach Bremen in 8 Stunden 37 Minuten. Außer den der vereinten Weser-Dampfschifffahrt gehörigen Schiffen fährt seit Sommeranfang 1845 das dem ›Wittekind‹ an Schnelligkeit nichts nachgebende Dampfschiff ›Herzog Wilhelm‹, welches durch seine billigen Fahrpreise sich besonders empfiehlt. In der ersten Hälfte des vorerwähnten Sommers fuhr der ›Herzog Wilhelm‹ die ganze Strecke von Hameln bis Bremen und von Bremen nach Hameln, später aber nur von Nienburg nach Bremen und von Bremen nach Nienburg. Seit Ende des Monats Oktober sieht man Wittekind und den Herzog nicht mehr; dieser soll im Hafen zu Petershagen und jener in Bremen sich befinden, während ›Blücher‹ noch fortwährend seine Tal- und Bergfahrt zurücklegt. Während ›Blücher‹ und ›Wittekind‹ im Jahr 1844 mehre Male Schaden gelitten haben und längere Zeit nicht benutzt werden konnten, ist die Fahrt beider im Laufe dieses Jahres in dieser Beziehung eine glückliche zu nennen. Dabei waren diese Schiffe fast fortwährend reichlich besetzt. Das Publikum wünscht aber allgemein, dass auch die Fahrpreise zwischen den Nebenstationen geregelt werden möchten, da es in der Tat unbillig zu sein scheint, wenn ein Passagier für eine Meile so viel zahlen muss, als ein Anderer für zwei dergleichen. Auch für Familien ist der Preis noch immer zu hoch. Die Bestimmung der Direktion darüber ist sehr undeutlich und unbestimmt. Wenn ›Blücher‹ und ›Wittekind‹ im nächsten Jahr noch nach dem bisherigen Plan fahren und ›Herzog Wilhelm‹, der sich schon jetzt durch billigere Fahrpreise vor jenen Schiffen auszeichnet, nach einem ermäßigten Preise für Nebenstationen fährt, so wird dieser für die Folge unstreitig die meisten Passagiere aufzuweisen haben.

• Auf epilog.de am 4. Juni 2021 veröffentlicht