Daseinsvorsorge – Wasserwirtschaft
Eine Riesenmauer
Die Wassersperre der Gileppe
Über Land und Meer • April 1878
Hart an der preußischen Grenze, zwei Stunden von Verviers und im Süden von Eupen, an den Ausläufern des Hertogenwaldes, erhebt sich seit einigen Jahren ein riesenhaftes Monument, das für Jahrtausende ein unzerstörbares Zeugnis der menschlichen Wissenschaft und Ausdauer bleiben wird.
Wenn der Wanderer an einem schönen Sommertage den Eisenbahnzug von Verviers nach Dolhain, der ersten Station nach Deutschland hin, nimmt, von dort zu Fuß oder zu Wagen das von bewaldeten Bergen eingeschlossene Tal der Vesdre ungefähr drei Viertelstunden weit hinanpilgert, dann einen Pfad durch den Wald rechts einschlägt, so erblickt er nach etwa zehn Minuten, plötzlich durch die Zweige der Tannen, Buchen, Eichen und Weidenbäume schimmernd, zwischen zwei steilen, dunklen Bergen, in einem reizenden Tal, wo das Schwarzköpfchen und die Nachtigall unaufhörlich ihre Lieder schmettern, und wo fast beständig feierliche Waldesstille herrscht, eine kolossale graue Mauer, welche in schwindelnder Höhe ein majestätischer Löwe krönt. Klettert er dann, rechts oder links, die 264 steinernen Stufen hinauf, so gelangt er auf eine Chaussee, welche über den Rücken der Mauer läuft, und vor ihm, auf der anderen Seite, dehnt sich ein unabsehbarer See aus, der sich im fernen Wald verliert. Wendet er aber seine Gedanken von der furchtbaren Tiefe dieser Wassermasse ab, um sich nach der Seite, von der er gekommen, zu drehen, so prallt er unwillkürlich vor dem jähen Abgrund zurück, der sich vor ihm öffnet, und sein Auge ruht mit Staunen auf den zwei wunderschönen Wasserfällen, deren Bett, rechts und links in den Felsen gehauen, nach anhaltendem Regen oder bei Tauwetter überfüllt ist, so dass die Gewässer mit Donnergepolter und himmelhoch spritzendem Schaum in das Tal niedersausen.
Die Wassersperre der Gileppe von der Landseite.
Dies ist die Wassersperre der Gileppe, eines der schönsten Kunstwerke seiner Art, welches unsere Zeit aufzuweisen hat.
Verviers, weltberühmt durch seine Tuchfabriken, braucht viel Wasser. Ehemals erstatteten die Fabriken dieses Wasser der Besdre, die durch Verviers fließt, in einem Zustand zurück, welcher für die Uferbewohner der Keim von Krankheiten und die Ursache eines mephitischen Geruchs wurde, denn die durch das Wasser mitgeschwemmten Fabrikrückstände gingen, namentlich bei niederem Wasserstand, in Fäulnis über. Ferner zeigte sich dieses Wasser, als zu unrein, für die Färbereien von großem Nachteil. Endlich verursachten die jährlich wiederkehrenden plötzlichen Anschwellungen der Vesdre, welche ein Bergfluss ist, große Verheerungen.
Verviers und Eupen beklagten sich lange bitter über den Mangel an Wasser, bis endlich die belgische Regierung dem Oberingenieur Bidaut die Angelegenheit zum Studium überwies. Im Dezember 1859 reichte dieser Gelehrte einen Plan ein, worin der Bau einer Wassersperre durch die obere Vesdre für geeignet befunden wurde, die genannten Übelstände zu beseitigen. Da die Stadt Eupen vor den ungeheuren Kosten zurückschrak, so wurde das Unternehmen für Verviers allein durchgesetzt.
Der Gemeinderat der letzteren Stadt beschloss, seine Mitbürger mit einer allgemeinen Wasserleitung für Fabriken und Wohnhäuser zu beschenken. Das Problem war Folgendes: Man brauchte jährlich 3 000 000 m³ Wasser, um den Vesdrestrom in stetem Fluss zu erhalten, ferner 14 600 000 m³ für die industriellen Zwecke. Außerdem sollte das Wasser kalkfrei sein, also musste man ein Tal aus den Gebilden unterhalb der Kohlenschichten wählen. Man beschloss demnach, das Wehr etwas oberhalb des Zusammenflusses der Gileppe und der Vesdre zu bauen. Das definitive Projekt wurde von H. Bidaut den 8. Mai 1868 eingereicht; die Arbeiten hatten im Februar 1867 begonnen; den 9. Mai 1875 wurde zum ersten Mal der Abfluss gesperrt und das Wasser sammelte sich hinter der Mauer an.
Die Idee der Wassersperren und Wasserleitungen ist nicht neu. In Spanien und Südfrankreich wurden sie von den Arabern eingeführt. In Peru, vor dem sechzehnten Jahrhundert, hatten die Inkas großartige Bauten dieser Art unternommen. Sheffield in England, Saint-Etienne in Frankreich haben Wassersperren angelegt; Madrid hat dasselbe System befolgt, um seine Bürger mit trinkbarem Wasser zu versorgen. Doch die Bauten an der Gileppe und die dazu gehörigen Maschinen nehmen, was die Großartigkeit und den Erfindungsgeist betrifft, den ersten Rang ein.
Die Rolle, das hydrographische System der Gileppe zu studieren, ihre Wassermasse, den Regenfall usw. zu bestimmen, wurde dem Ingenieur August Donckier zuerteilt. Die wissenschaftlichen Arbeiten von Bidaut und Donckier haben sich als glänzend praktisch erwiesen; leider umschließt beide bereits das kühle Grab.
Die Frage, ob mehrere Wehre nötig seien, wurde von Bidaut verneinend beantwortet, da die Sperre von Alicante in Spanien, 41 m hoch, und die von Furens in Frankreich, 56 m hoch, ebenfalls einfach sind.
Die Gileppesperre befindet sich etwa 1500 m oberhalb der Mündung in dem engsten Teil des Tales, ihre beiden Enden sind zwischen die vertikalen Schichten der Felsen eingemauert. An Durchströmen des Wassers auf den Seiten ist nicht zu denken.
Folgende vergleichende Zahlen können eine genaue Idee von der imponierenden Masse der Mauer geben:
Das Wehr von Alicante misst 41 m Höhe, 34 m Dicke am Boden, 20 m Dicke an der Spitze; das von Furens 56 m Höhe, 50 m Dicke am Boden, 5 m Dicke an der Spitze.
Die Mauer der Gileppe misst 47 m Höhe, 66 m Dicke unten, 15 m oben, 235 m Länge oben. Sie bietet nach Verviers zu eine Krümmung, deren Radius 500 m hat, und stemmt sich gegen eine Wassermasse von 12 238 916 m³. Die Oberfläche des Sees misst über 800 000 m². Die Mauer wiegt über 570 000 Tonnen und ihre Steinmasse übertrifft diejenige sämtlicher Häuser einer Stadt von 12 000 Einwohnern.
Die Wassersperre der Gileppe von der Wasserseite.
Der Löwe, welcher von der Chaussee in das Tal hinabblickt, sitzt auf einem granitenen Piedestal von 8 m Höhe. Er ist 13,5 m hoch, 16 m lang; eine seiner Klauen ist 1,7 m breit.
Trotz der kolossalen Dimensionen der Mauer sickert das Wasser infolge des enormen Drucks durch die Steinmassen hindurch, und zwar bis zu 20 m² per Tag. Doch ist keine Befürchtung hinsichtlich der Haltbarkeit der Mauer vorhanden; man glaubt im Gegenteil, das Durchsickern werde allmählich aufhören.
Die Bauunternehmer dieses kolossalen Werkes sind Caillet und Braive. Die Fremden kommen in Scharen angezogen, um dieses neue Wunder der Wasserbaukunst zu betrachten, doch was man sieht, ist wenig im Vergleich zu den Maschinen, Leitungen und Bauten, welche die Erde verhüllt und welche dazu dienen, das Wasser aufzufangen und nach Verviers zu führen.
Die Arbeiten sind fertig und das großartige Werk soll dieses Jahr in Gegenwart des Königs eingeweiht werden. Bei dieser Gelegenheit sollen splendide Festlichkeiten stattfinden. Vorderhand besitzt Verviers reines Wasser in Hülle und Fülle, die Vesdre ist gesäubert, die Färber können zarte Nuancen herstellen und die großen Feuersbrünste sind unmöglich geworden.
• Dr. Karl Grün.