Forschung & Technik – Elektrotechnik
Dr. Werner Siemens
Die Elektrizität im Dienste des Lebens
Elektrotechnische Zeitschrift • Januar 1880
Dieser Vortrag war für die Hauptversammlung der Naturforscherversammlung zu Baden-Baden 1879 bestimmt, konnte aber wegen verspäteter Anmeldung nur im Auszug in der physikalischen Sektion gehalten werden.
Es mag befremden, dass ich in dieser wissenschaftlichen Bestrebungen gewidmeten Versammlung über ein Thema zu sprechen unternehme, welches nach seinem Titel ›Die Elektrizität im Dienste des Lebens‹, mehr technischer als wissenschaftlicher Natur zu sein scheint. Nun, meine Herren, ich habe es schon vor Jahren an einem anderen Ort, der, wie mir mein lieber Jugendfreund Du Bois-Reymond mich berichtigend erwiderte, »allein dem Fortbau der wissenschaftlichen Erkenntnis um ihrer selbst willen bestimmt ist«, in meiner Antrittsrede ausgesprochen: dass der höhere und wahre Beruf der Wissenschaft der ist, »den Schatz des Wissens und Könnens der ganzen Menschheit zu erhöhen und dieselbe dadurch einer höheren Kulturstufe zuzuführen. Es geziemt sich daher auch wohl für eine wissenschaftliche Versammlung von Zeit zu Zeit Umschau zu halten im Leben, und sich der Resultate zu erfreuen, welche wissenschaftliche Forschung im Bunde mit praktisch schaffender Tätigkeit in diesem Sinn errungen hat! Dabei möchte ich aber nicht dahin missverstanden werden, als wollte ich den Wert wissenschaftlicher Forschung überhaupt mit dem Maß des praktischen Nutzens messen. Jeder neue Gedanke, jede neuerkannte Tatsache, jede bessere Erkenntnis ist eine Vermehrung des großen einzig wertvollen Schatzes der Menschheit, ihres Wissensschatzes, und diesen zu bereichern, ohne jede Rücksicht auf etwaigen direkten Nutzen oder damit verknüpften Gewinn, ist namentlich immer ein Ruhmestitel der deutschen Wissenschaft gewesen und wird es hoffentlich auch ferner bleiben! Ob eine ganz unscheinbare Vermehrung unserer Kenntnis nicht früher oder später einmal eine große Bedeutung erhält, ist nie vorauszusehen. Wer konnte seiner Zeit eine Ahnung davon haben, dass die so unscheinbare Beobachtung Galvanis, dass ein Froschschenkel unter gewissen Umständen bei der Berührung mit einem eisernen Gitter zuckte, der Ausgangspunkt für die Entdeckung einer mächtigen Naturkraft sein würde, die nach kurzer Zeit gewaltsam umgestaltend in das Leben der Menschheit eingreifen und die Grenzen ihrer Macht und ihrer Herrschaft über die Kräfte der Natur in noch gar nicht übersehbarer Weise hinausrücken würde! Unsere Väter waren zum Teil noch Zeitgenossen Galvanis und Voltas, haben also noch an der Wiege des Galvanismus gestanden, und heute schon gibt es kaum ein größeres Gebiet des Lebens, in welches der elektrische Strom nicht umgestaltend oder wenigstens helfend und belebend eingriffe!
Ich will Sie weder mit der Beschreibung aller Anwendungen des elektrischen Stroms zu praktischen Zwecken ermüden, noch Ihnen eine Geschichte dieser Anwendungen vorführen, aber ein kurzer Hinweis auf die Vielseitigkeit derselben, sowie auf die in den verschiedenen Perioden der Entwicklung angestrebten und erreichten Ziele wird am Platze sein, da man das, was man lange Zeit immer vor Augen hat, leicht als selbstverständlich betrachtet und sich kaum noch der Zeiten erinnert, wo es fehlte. Wer findet es heute noch überraschend, dass der Telegraf ihm in wenigen Minuten oder doch Stunden ersehnte Nachricht von weit entfernten Freunden bringt, dass er täglich in den Zeitungen eine Zusammenstellung aller am gleichen oder vorhergegangenen Tag vorgekommenen wichtigen Ereignisse aus allen Ländern der Erde findet? Wem scheint es noch auffallend, dass der elektrische Strom die Metalle aus ihren Lösungen in fester Form niederschlägt? Und doch erinnern sich die Älteren unter Ihnen wohl noch ihres ehrfurchtsvollen Anstaunens des geheimnisvollen Waltens der Naturkräfte, als sie zum ersten Mal einer telegrafischen Korrespondenz mit einem entfernten Orte beiwohnten, oder als sie zum ersten Mal beobachteten, wie sich in der Vergoldungszelle vor ihren Augen ein gemeines Metall in wenigen Augenblicken mit einer festen Hülle glänzenden Goldes bedeckte! Unsere Jugend betrachtet Telegrafie und Galvanoplastik wie Dampfmaschine und Eisenbahn, schon als so selbstverständliche Dinge, wie unsere ältere Generation, welche alle diese Wunderdinge hat mitentstehen sehen oder selbsttätig bei ihrer Erschaffung mitgewirkt hat, in ihrer Jugendzeit etwa das Schießpulver und die Buchdruckerkunst! Man könnte sich wirklich versucht fühlen, die Jugend zu bedauern, dass es ihr nicht vergönnt war, diesen schöpferischen Entwicklungsprozess mitzuerleben – wenn man sie nicht vielmehr darum beneiden müsste, dass sie Aussicht hat, die Wunder der Zukunft mitzuerschaffen, die aus der Saat entsprießen müssen, die wir gelegt haben!
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