Berlin

Der Prospekt am Halleschen Tor in Berlin

Über Land und Meer • September 1879

»Sie kennen Berlin nicht mehr wieder« ist eine beliebte Redensart geworden, wenn die Bewohner der deutschen Reichshauptstadt in der Fremde die Vaterstadt herausstreichen wollen. Nun im großen Ganzen hat sich das eigentliche Berlin, ich meine das bekannte Zentrum der Stadt innerhalb der ehemaligen Tore, nicht verändert, selbst die so gerühmte Stadtbahn hat nur einzelnen Partien der Hauptstadt ein anderes Gesicht gegeben. Aber die Vorstädte Berlins sind gewachsen und zum Teil neu entstanden, so etwa wie diejenigen Wiens und natürlich in größerem Maßstabe, aber doch sehr ähnlich, wie das in Dresden und Leipzig, in Frankfurt, Stettin, Hamburg, Magdeburg, Breslau und in fast allen größeren Städten während der beiden letzten Jahrzehnte der Fall gewesen ist. Und was besonders hervorzuheben, die Vorstädte Berlins, namentlich die im Süd, Südwest, West und Nordwest entstandenen, sind durchweg schöner gebaut, als das eigentliche Berlin.

Heutige Straßen-Namen: Belle-Alliance-Brücke > Hallesche-Tor-Brücke Belle-Alliance-Platz > Mehringplatz Belle-Alliance-Straße > Mehringdamm

Unsere Illustration zeigt den Übergang der alten Stadt zu der sehr belebten Tempelhofer Vorstadt, den Platz und die Brücke am ehemaligen Halleschen Tor, und gibt zugleich einen Durchblick nach dem Belle-Alliance-Platz. Die ganz aus Sandstein gebaute schöne Belle-Alliance-Brücke wurde im vorigen Jahr vollendet und ist mit vier meisterhaft ausgeführten Marmorgruppen geschmückt, mit ›der Schifffahrt‹ von Geyer, ›dem Gewerbefleiß‹ von Lürssen, ›dem Fischfang‹ von Moser und ›dem Marktverkehr‹ von Reusch. Auf der zur Brücke vom Platze aus heraufführenden Rampe sind zwei weitere Marmorgruppen, links ›der Friede‹ von Albert Wolff und rechts ›die Geschichteï von Hartzer, aufgestellt.

Der Prospekt am Halleschen Tor in Berlin.Der Prospekt am Halleschen Tor in Berlin.

Freilich, wer noch vor fünfzehn Jahren die schmale Holzbrücke und die hölzernen Torgebäude aus ›des alten Fritzen‹ Zeit gesehen hat, bei denen vorbei ein paar Hundert Menschen täglich die wenigen Häuser der Tempelhofer Vorstadt aufsuchten, der kennt wirklich das heutige Hallesche Tor mit seinen prachtvollen, in Sandstein hergestellten Eckgebäuden nicht wieder. Eine Stadt ist hier entstanden mit prächtigen Straßen. - R E K L A M E - Die Maschinenfabrik R. Wolf Magdeburg-Buckau 1862 – 1912 Vor allem die breite schöne, mit Bäumen bepflanzte Belle-Alliance-Straße im Süd und die großen Boulevardstraßen nach Ost und West. Und welcher Verkehr hat sich hier gebildet. Sechs Pferdebahn- und fünf Omnibuslinien mit Hunderten von Wagen, eine noch größere Anzahl Droschken ›erster und zweiter Güte‹, wie der Berliner sich etwas schönfärbend auszudrücken pflegt, führen die Geschäftswelt in die Niederlassungen der inneren Stadt, die den Markt besuchende, sorgende Hausfrau und das theater­liebende Berlin in wenigen Minuten nach allen Himmelsrichtungen der Hauptstadt.

Wenn aber die wöchentlich mehrmals stattfindenden großen Militärexerzitien auf dem Tempelhofer Feld stattfinden, und wenn gar der Kaiser mit seinen Gästen denselben beiwohnt, wenn die Uniformen der gesamten militärischen Welt, die der Militärbevollmächtigten Japans und Chinas, Amerikas, Englands und Russlands, Frankreichs, Österreichs und Italiens, Schwedens und der Türkei sich dem soldatisch geschulten Blick Berlins aussetzen, dann herrscht am Halleschen Tor ein Leben, dann wallt eine Menschenmasse, die ohne Übertreibung zu Hunderttausenden zählt und die für solche Tage den Verkehr am Halleschen Tor zu dem belebtesten von ganz Berlin macht.

Buchtipp:
Die Erweiterung der Berliner Hoch- und Untergrundbahn durch die Innenstadt nach Norden stellte die Ingenieure vor noch nie dagewesenen Herausforderungen. Es mussten nicht nur Hotels, Kauf- und Geschäftshäuser untertunnelt werden, sondern auch die Spree. Die zeitgenössischen Original-Beiträge in diesem Buch geben einen Eindruck von den damaligen Planungen und zeigen, wie dieser wichtige Abschnitt des Berliner Schnellbahnsystems trotz großer Schwierigkeiten gemeistert wurde. Über 100 Zeichnungen und Fotos illustrieren dieses Zeitdokument der Berliner Verkehrsgeschichte.
  PDF-Leseprobe € 18,90 | 126 Seiten | ISBN: 978-3-7693-8917-3

• Auf epilog.de am 8. November 2026 veröffentlicht

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