VerkehrEisenbahn

Die pneumatische Eisenbahn

Illustrirte Zeitung • 9.11.1867

Voraussichtliche Lesezeit rund 10 Minuten.

Die Geschichte der pneumatischen Eisenbahnen bietet uns ein recht auffälliges Beispiel für die häufig zu machende Erfahrung, dass Erfindungen, welche anfangs eine Zeit lang mit Vorliebe gepflegt werden und zu den schönsten Hoffnungen berechtigen, später, wenn sie die vielleicht zu hoch gespannten Erwartungen, welche man an sie knüpfte, nicht befriedigen, missmutig beiseitegelegt und Jahrzehnte lang der Vergessenheit anheimgegeben werden, bis dann ein späteres Geschlecht ihren Wert richtiger erkennt, sie weiter ausbildet und mit verbesserten Hilfsmitteln ausbeutet. Es kann nichts Einfacheres geben als das Prinzip, auf welches sich die pneumatischen Eisenbahnen gründen. Jedermann kennt die Art und Weise, wie die Kugel in einem Blasrohr oder im Lauf einer Windbüchse in Bewegung gesetzt wird; man weiß, dass es der Druck der auf der Rückseite der Kugel in großer Menge einströmenden Luft ist, welcher die Kugel vorwärtstreibt.

Der berühmte Physiker Papin scheint der erste gewesen zu sein, welcher den Gedanken hatte, sich dieses Mittels zum Transport von Gegenständen auf größeren Strecken zu bedienen, und im Anfang des 19. Jahrhunderts hat der englische Ingenieur Medhurst dieselbe Methode wieder in Vorschlag gebracht. Beide wollten einen in einer Röhre beweglichen Kolben durch Luft, die auf seiner Rückseite eingepumpt werden sollte, vorwärtstreiben. Es scheint indessen weder Papin noch Medhurst die Mittel zur Realisierung dieses Projekts gefunden zu haben, und es ist überhaupt die ganze Idee zuerst in etwas abgeänderter Weise zur Ausführung gekommen. Die Fortbewegung eines Kolbens in einer Röhre beim Einblasen von Luft auf der Rückseite ist nämlich eine Folge der Verschiedenheit des Drucks, den dieser Kolben auf beiden Seiten erleidet; während auf der Vorderseite nur der Druck der atmosphärischen Luft lastet, drückt auf der Rückseite eine mehr oder minder verdichtete Luftmasse, die allerdings auch noch durch ihren Stoß wirkt. Eine solche Ungleichheit des Drucks auf Vorder- und Hinterseite lässt sich aber auch dadurch erzeugen, dass man die auf der Vorderseite des Kolbens in der Röhre befindliche Luft ganz oder doch zum Teil auspumpt und also den Kolben durch Saugen vorwärtsgeht. Würde man die Luft vollständig auspumpen und auf die Rückseite des Kolbens die Atmosphäre wirken lassen, so würde jeder Quadratzentimeter der Kolbenfläche einen Druck von ungefähr einem Kilogramm erleiden, und man erkennt leicht, dass bei einem einigermaßen beträchtlichen Querschnitt der Röhre schon ein teilweises Auspumpen der Luft hinreicht, um einen ziemlichen Druck zu erzeugen und dem Kolben eine große Geschwindigkeit zu erteilen.

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Die Aufbruchstimmung und der technische Fortschritt im 19. Jahrhundert führten zu immer neuen Erfindungen, die den Verkehr beschleunigen und die Antriebe optimieren sollten. Dabei wurde oft das System von mit Dampflokomotiven bespannten Zügen auf zwei Schienen grundlegend in Frage gestellt. Manche dieser Ideen sind heute wieder aktuell, und so lohnt sich ein unverfälschter Blick auf dieses interessante Kapitel der Verkehrsgeschichte.
  PDF-Leseprobe € 18,90 | 148 Seiten | ISBN: 9-783-7583-7184-4

• Auf epilog.de am 26. April 2024 veröffentlicht

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