Verkehr – Straßenverkehr
Merkwürdige Straßenlokomotive
Das Neue Universum • 1905
Die Versuche, selbstfahrende Wagen für lockeren, unebenen, steinigen, ungebahnten oder gar frisch beackerten Boden fahrbar zu machen, sind ebenso zahlreich als bisher meist vergeblich gewesen. Und doch ist diese Aufgabe eine der wichtigsten, die der Automobilismus noch zu lösen hat; gerade in den Fällen, wo die schweren Lastmotorwagen die wichtigsten Dienste zu leisten bestimmt sind, beim Materialtransport für Bauzwecke, zum Beispiel Brücken, Talsperren, Viadukte, oder beim Verpflegungs- und Munitionsnachschub für Armeen, sind feste, gute Wege oftmals nicht vorhanden.
Abb. 1. Eine eigenartige Straßenlokomotive.
Den merkwürdigsten Weg, diesen Übelstand zu heben und dem Lastautomobil auch die ungebahntesten Pfade, Feld und Wald, ja neugepflügten Acker zu erschließen, hat wohl der Ingenieur Bramah Jos. Dipla mit seiner ›Pedraillokomobile‹ betreten (Abb. 1). Diese mächtige Lokomobile rollt nicht sowohl auf Rädern, sie stampft vielmehr nach Art eines Elefanten oder Mastodons auf kurzen, breiten Füßen daher, von denen stets acht bis zwölf den Boden gleichzeitig berühren und selbst auf dem glattesten aufgeweichten Untergrund eine solide Basis für das Gewicht des Wagens bilden. Sehen wir uns aber, bevor wir das merkwürdige Automobil im ganzen betrachten, erst ein solches Rad mit seinen einzelnen Konstruktionsteilen genauer an.
Im Inneren der kolossalen eisernen Scheibe oder Trommel, welche die Räder des ›Pedrail‹ bilden, sitzt auf der starken Achse eine durch den Motor in langsame Umdrehung versetzte Scheibe, an deren Rand lose vierzehn bis sechzehn Rollen angebracht sind. Diese Laufrollen sind einzeln auf Kugeln um ihre Achsen beweglich und werden mit Hilfe von Federn in ihrer Lage erhalten. Jede Rolle trägt einen der runden, mit Gummi armierten Fußklötze, auf denen die Maschine einhergeht.
Abb. 2. Laufrad der Diplaschen Straßenlokomotive. Um jedoch von den Stößen und Schwankungen dieser Füße die Maschine selbst unabhängig zu machen und dem ganzen System Elastizität zu verleihen, ist zwischen die Laufrollen und die Wagenachse ein Parallelogramm von abgefederten Eisenschienen eingeschaltet, welches Abb. 2 so deutlich wiedergibt, dass wir von einer näheren Schilderung absehen können. Es wird aus dieser Abbildung ersichtlich, dass die Rollen sich bei ihrer Drehung um den Mittelpunkt des großen Rades eine nach der anderen unter die untere, gelenkige Schiene des Parallelogramms zwängen und sie über sich hinweggleiten lassen, wie etwa ein Baumstamm über die unter ihn geschobenen Rollen gleitet. Bewegen sich die Füße des Rades über horizontalen ebenen Boden, so wird sich die Schiene in horizontaler Lage befinden und das ganze Federparallelogramm Rechteckform annehmen. Liegt ein Stein, eine Unebenheit im Wege, so drückt der Fuß, der sich gerade darauf befindet, die Schiene aufwärts, ohne dass die Wagenachse und das gesamte Gewicht des Automobils ebenfalls gehoben werden müssten. Die Gelenkform und die vier elastischen Federn des Parallelogramms gleichen alle Unebenheiten aus.
- R E K L A M E -
Selbst eine ziemlich steile Böschung oder einige Treppenstufen bilden für dies Fahrzeug kein Hindernis. Langsam und ruhig, wie ein vorsichtig tastendes Lasttier, setzt die Maschine Fuß vor Fuß, und mag auch die Fläche, wo der einzelne Gummiklotz den Boden berührt, noch so uneben, schräg oder glatt sein, die Gummifläche des Pedals legt sich infolge des Universalgelenkes, durch welches sie mit der zugehörigen Rolle verbunden ist, stets fest und sicher an den Boden und ist vor dem Gleiten und Zurückrutschen selbst auf dem schlüpfrigsten und abschüssigsten Boden sicher bewahrt. Die etwas umständliche Bewegungsübertragung ist nicht einmal so kraftverzehrend und unökonomisch, wie man glauben sollte, denn der ganze Mechanismus ist in das Gehäuse der breiten Räder staubdicht eingeschlossen, völlig mit Fett getränkt und durch viele Kugel- und Rollenlager gegen Reibungen geschützt. Nur eins ist dieser nützlichen Maschine, die nicht nur auf dem Papier steht, sondern auch bereits praktisch erprobt ist, versagt, sie ist keine Schnellläuferin. Wo es sich dagegen um den Transport schwerer Lasten in Anhängewagen über geneigtes und ungünstiges Gelände handelt, ist sie am Platze. Der hinten an der Lokomobile angebrachte Kran beweist ja auch, dass dieser sonderbare Motorwagen mehr für außerordentliche Aufgaben, zum Beispiel das Heranschaffen und Heben von großen Bausteinen, Schienen, Brückenteilen und dergleichen ersonnen ist, als für allgemeine Verkehrszwecke.