Verkehr – Eisenbahn
Maschinen zur Bahnräumung nach Eisenbahnunfällen
Das Neue Universum • 1905
Bei allen größeren Eisenbahnunfällen ist die erste Sorge der Verwaltungen, Apparate zur Hebung oder zum Wiederaufrichten umgestürzter Maschinen und Wagen an Ort und Stelle zu senden. Sei es, dass noch Verunglückte unter den Trümmern liegen, sei es, dass sich die im Weg liegenden Fahrzeuge noch selbstständig bewegen können, wenn sie erst richtig im Gleis stehen, sei es endlich, dass man sie als totes Gerümpel aus dem Weg schaffen muss, um die Schienen wieder frei zu machen, stets hat die Sache Eile. Viele Eisenbahnwerkstätten verfügen auch über fahrbare Kräne, welche diese Räumungsarbeiten bedeutend erleichtern können, aber selten haben dieselben eine ausreichende Hebekraft, um zum Beispiel beim Wiederaufrichten umgestürzter Lokomotiven erhebliche Hilfe zu leisten. Hier muss vielmehr in den meisten Fällen die alte bewährte Schraubenwinde die ganze Arbeit allein tun, ein Werkzeug, welches zwar die schwersten Lasten zu heben vermag und allenthalben bald zur Stelle ist, aber auch recht langsam arbeitet und vieler Hilfskräfte bedarf.
Abb. 1. Fahrbarer Kran, eine Lokomotive aus dem Wasser hebend.
»Amerika, du hast es besser als unser Kontinent der alte«, wird der europäische Eisenbahnmann mit dem Dichter ausrufen, wenn er die gewaltigen Instrumente der Schienenräumung erblickt, die in unseren begleitenden Abbildungen bei der Entfaltung ihrer riesigen Kräfte wiedergegeben sind. Die Techniker der Vereinigten Staaten, gewohnt, die menschliche Kraft, wo nur immer angängig, durch die der Maschine zu ersetzen und die Leistungen der letzteren überall auf das höchste erreichbare Maß zu steigern, haben eine eigene Art von fahrbaren Kränen für Eisenbahnzwecke erfunden, die sie ›Wrecking cran‹ (Wrackhebemaschine) nennen und deren Kraft auch die schwersten überseeischen Lokomotiven bewältigt.
Einige Maschinenfabriken, wie die Industriewerke zu Bay City am Michigansee, haben den Bau dieser Eisenbahnkräne auf eine hohe Stufe der Vollendung gebracht. Natürlich sind die modernen rollenden Riesenkräne, die ganze Lokomotiven tragen können, nicht mit einem Schlag entstanden. Auch dieser Zweig der Technik hat sich allmählich entwickelt. Zuerst wurden für die Hebung und Wiederaufrichtung der schweren amerikanischen Wagen, die 10 – 15 t bei Güterzügen, 20 – 30 t bei Personenzügen wiegen, fahrbare Kräne gebaut, die fünfzehn Tonnen Tragkraft besaßen. Dann konstruierte man lange Plattformen mit zwei Drehgestellen und einem solchen Kran an jedem Ende, die 30 t schwere Wagen heben und beiseitesetzen konnten. Allmählich wurde, als man den Nutzen dieser raschen und mächtigen Helfer kennenlernte, auch die Tragkraft der Kräne erhöht. Hebemaschinen von 25 t Tragfähigkeit wurden auf eine schwere, von zwei Drehgestellen getragene Plattform gesetzt und so eingerichtet, dass das Gewicht des Kessels und Dampfmotors dasjenige der gehobenen Last ausbalancierte.
Abb. 2. Kran, eine schwere Lokomotive hebend. Natürlich sind diese Kräne stets drehbar angeordnet, so dass sie einen vor dem Kranwagen im Gleis liegenden Gegenstand erfassen und seitlich aus dem Weg schwenken können. Mit einem Kran von 25 t kann man freilich noch keine Lokomotive heben, aber wohl war es möglich, eine solche an einem Ende zu lüpfen und durch langsames Seitwärtsziehen aus dem Wege zu räume. Endlich stattete man diese Fahrzeuge auch mit einem Bewegungsmotor aus, der ihnen eine selbstständige Fortbewegung von 10 – 15 km/h erlaubte, während sie bis dahin von einer Lokomotive befördert wurden.
#Abb. 1 zeigt indessen schon einen weit größeren und stärkeren Kran von rund 40 t Tragfähigkeit, und zwar im Begriff, die Lokomotive einer Hafenbahn – von leichterem Typus allerdings – aus dem Wasser zu heben, wohin sie infolge eines Unfalls gelangte. Wenn man sich darüber wundert, dass ein auf Schienen laufendes Fahrzeug durch den seitlichen Zug dieser ungeheuren Last nicht umgekippt wird, so kann zur Erklärung einmal der kolossale, auf acht Räder verteilte Unterbau des Krans selbst dienen, vor allem aber das schwere und geräumige Kessel- und Steuerhaus, welches im entgegengesetzten Sinne zu dem Kranarm auf der Drehscheibe angebracht ist, und zwar so, dass es sich entsprechend dem Gewicht des zu hebenden Gegenstandes rückwärts vom Drehungs- und Schienenmittelpunkt verschieben lässt, um das Gleichgewicht herzustellen. Über die Einzelheiten der Konstruktion nur einige Worte. Zwei Drehgestelle tragen eine schwere eiserne Plattform von 7,3 m Länge und beinahe 3 m Breite, in deren Mittelpunkt die stählerne, 5 t wiegende Drehscheibe ruht. Der Hebelarm des Krans kann bis auf 7,6 m über die Gleisachse vorgestreckt werden, noch weiter entfernte Gegenstände kann man mit Hilfe eines Drahtseils näher heranziehen.
Abb. 3. Eisenbahnkran bei der Arbeit.
Obwohl eine solche Maschine, abwechselnd an einem und dem anderen Ende anfassend, auch die größten zusammengebrochenen Lokomotiven rasch beiseite schaffen könnte, so hat man es doch für nötig erachtet, noch stärkere ›Wrecking‹-Kräne zu bauen. In den Eisenwerken von Bay City werden Eisenbahnkräne von 50 t und selbst von 60 t Tragkraft gebaut, #Abb. 2 zeigt einen solchen Kran bei der Arbeit. Eine Maschine der ersteren Gattung ist, wie wir es auf #Abb. 3 veranschaulicht finden, im Stande, den schwersten amerikanischen Zug, dessen Wagen je 30 t oder darüber wiegen, Wagen für Wagen aufzuheben, wie Flaumfedern beiseite zu schwenken und säuberlich wieder niederzusetzen, höchstens die Lokomotive würde ein mehrmaliges Anheben nötig machen. Der größte bisher gebaute Kran wurde in seiner Schwere und Größe nur beschränkt durch die Notwendigkeit, sich nach der Tragfähigkeit der amerikanischen Brücken und der Größe des Normalprofils der dortigen Bahnen zu richten. Allerdings sind die Maße des letzteren, den riesigen Größenverhältnissen der Lokomotiven und Wagen entsprechend, beträchtlich größer als diejenigen des deutschen Normalprofils. Die Plattform ruht auch bei dieser Riesenmaschine nur auf acht Rädern und ist nicht größer als bei den kleineren Kränen, wohl aber viel schwerer. Beispielsweise wiegen die Träger, aus denen der Rahmen vernietet ist, 150 kg pro laufenden Meter! Eine Drehscheibe von 3 m Durchmesser und 8 t Gewicht trägt das Krangerüst, an welchem eine obere Winde für ›leichte‹ Lasten bis 20 t und eine untere starke Winde für 60 t angebracht sind. Außerdem ist eine Winde für horizontalen Zug vorhanden, die beinahe jede beliebige Kraft auszuüben vermag. Die ganze Maschine hat entsprechend ihrer großen Leistungsfähigkeit das hohe Gewicht von 77 t.