Bau & ArchitekturTunnel

Tunnelbauten

Von Hans Dominik

Die Woche • 28.3.1908

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Der alte mathematische Grundsatz, dass die gerade Linie der kürzeste Weg ist, hat bereits vor Jahrzehnten seine technische Einkleidung in Form des Tunnels gefunden. Gewaltige Gebirgsstöcke von der Mächtigkeit des St. Gotthard, des Mont Cenis oder gar des Simplon sind von den modernen Tunnelerbauern glatt durchstochen worden. Weder überreiche siedende Quellen, noch brüchiges, alles verschüttendes Gestein, noch auch ein Gebirgsdruck, der selbst massive eiserne Rippen zu knicken drohte, konnten die Menschheit in ihrem Vorhaben aufhalten, und sicher rollen die Eisenbahnzüge heute durch den Leib der Alpen.

Dem harten Felsen ging man mit Bohrmaschinen und Dynamit zu Leibe, und je fester er war, desto besser war es, denn desto fester stand auch das Tunnelrohr. Die neue Zeit brachte indes neue Aufgaben. Nicht mehr durch harten Fels, sondern durch den weichen, schier unergründlichen Schlamm der Flussgründe, durch den Sumpfboden alter Städte musste man Tunnels bohren, um dem städtischen Schnellverkehr der Neuzeit ein passendes Bett zu bereiten. Mit einem Schlag stand die Technik vor ganz neuen Aufgaben und musste neue Lösungen finden. Hatte man früher gewissermaßen mit einem Holzbohrer im harten Holz gebohrt, so sollte man jetzt plötzlich in einem ziemlich nachgiebigen Brei, ja stellenweise in einer fast flüssigen Suppe ein zuverlässiges Tunnelrohr herstellen. Das erste Mittel dazu war der Druckschild. Bereits der vielseitige und geistreiche englische Ingenieur Brunnel hatte den Druckschild um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bei der Erbauung des ersten  Themsetunnels erfolgreich benutzt, und in verbesserter Form hat er bis in die letzten Monate bei den verschiedensten Tunnelbauten, z. B. bei der Untertunnelung der beiden New York umgebenden Gewässer, des Hudson und des East River, Anwendung gefunden. Das Bohrverfahren mit Hilfe des Druckschildes ist verhältnismäßig einfach. Man stelle sich einen aus schweren Eisenblechen zusammengenieteten Körper dar, der etwa die Gestalt eines riesigen Fingerhutes von etwa 4 – 5 m Durchmesser und 4 – 5 m Länge hat. Das ist der sogenannte Druckschild. Man könnte sich denken, er würde einem Riesen auf den Finger gesteckt, und der bohrte ihn durch den Schlamm und Sand eines Flussbettes hindurch.

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Der Ingenieur, Journalist und Schriftsteller Hans Dominik (1872 – 1945) gehört zu den erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren Deutschlands. Neben zahlreichen Romanen und Kurzgeschichten verfasste er vor allem auch populärwissenschaftliche Beiträge für Zeitschriften und Jahrbücher. Für dieses Buch wurden seine verkehrstechnischen Plaudereien und Betrachtungen zusammengetragen und vermitteln dem Leser einen unverfälschten Blick auf die Verkehrsgeschichte des jungen 20. Jahrhunderts.
  PDF-Leseprobe € 12,90 | 92 Seiten | ISBN: 978-3-7534-7686-5

• Auf epilog.de am 3. November 2023 veröffentlicht

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