Bau & ArchitekturTunnel

Unterseeische Tunnelbauten

Severn-Tunnel und Mersey-Tunnel

Zentralblatt der Bauverwaltung • 11.2.1882

Das von Jahr zu Jahr wachsende Verkehrsbedürfnis zwingt in England und Schottland die Eisenbahngesellschaften, die früher in weiten Bögen umgangenen Mündungsbecken der zahlreichen Küstenflüsse mit Abkürzungsstrecken zu überschreiten. Die Tay-Mündung und die Solway-Mündung sind mit Brücken überspannt worden. Für den Severn und den Mersey, welche beiden Ströme an ihrer meerbusenartigen Mündung durch neue Verbindungsbahnen gekreuzt werden, entschloss man sich zur Anlage von Tunneln, um den Gefahren zu entgegen, die einer Brückenanlage unter solch schwierigen Verhältnissen drohen.

Der von der Great Western Eisenbahn gebaute Severn-Tunnel ist bereits seit einigen Jahren in Arbeit. Ende September 1881 wurde der 2,1 m im Geviert weite Sohlenstollen durchschlagen. Auf eine Länge von 3,2 km zeigte sich dabei nur eine seitliche Abweichung der beiden Stollenachsen von 7 cm, trotzdem die Aussteckung von Schächten aus hatte erfolgen müssen. Die an den Mundlöchern abgeteuften Schächte wurden im Oktober 1879, als die beiden Stollen schon nahezu vollendet waren, durch Einbruch von Quellen aus den angrenzenden Hügeln vollständig unter Nasser gesetzt. Erst im Laufe des Jahres 1881 gelang es, durch mächtige Dampfpumpen das Wasser zu bewältigen und den Durchschlag der Stollen, in welche vom First her nur sehr geringer Wasserandrang stattfindet, möglich zu machen. Bis jetzt ist der Vollausbruch auf 2 km Länge und die Ausmauerung auf 1,5 km Länge fertiggestellt.

Mersey-TunnelMersey-Tunnel

Der Mersey-Tunnel verbindet die aus Cheshire und Nordwales in Birkenhead ausmündenden Bahnlinien mit den in Liverpool endenden Eisenbahnen. Bisher wurde der gewaltige Verkehr zwischen beiden Städten, den man auf 500 000 t Güter und 26 Millionen Personen im Jahre schätzt, durch eine große Anzahl von Dampffähren vermittelt. Starke Stürme, Nebel und Frost beeinträchtigen diese Verbindung jedoch so häufig, dass man sich bereits 1868 zum Bau einer Verbindungsbahn entschloss. Da sich die Ausführung bis zum vergangenen Jahr verzögerte, so lieft sich die Stadtverwaltung von Liverpool 1879 durch das Parlament die Ermächtigung zur Anlage eines Personen-Tunnels erteilen. Ein vom Oberingenieur der Londoner Untergrundbahn M. Fowler bearbeiteter, auf 10 Mill. Mark veranschlagter Entwurf, ist jedoch neuerdings aufgegeben worden, da eine baldige Vollendung des Eisenbahntunnels in Aussicht steht. Die Trasse der 4 km langen ›Merseybahn‹ soll bei Church-Street in Liverpool beginnen und bei Tranmere (Birkenhead) enden. Die ganze Tunnellänge beträgt 3,2 km, wovon 1,2 km unter dem Mündungsbecken des Mersey liegen, dessen Tiefe bei Ebbe bis zu 20 m misst. Die Mitte des Tunnels wird horizontal angelegt, die beiden Rampen erhalten eine Steigung von 1 : 35. Der ovale Querschnitt soll mit 7,8 m größter Breite und 6,5 m größter Höhe ausgeführt werden. Zwischen dem Tunnelfirst und der Sohle des Mersey bleibt eine Felsschicht von mehr als 8 m Stärke.

Bei der im vorigen Jahr begonnenen Ausführung, deren Kosten auf 17,5 Mill. Mark veranschlagt sind, hat man zunächst auf jedem Ufer einen runden Schacht mit 5 m Durchmesser bis zu 50 m Tiefe abgeteuft, von dessen Sohle aus ein nach der Mitte ansteigender, 2,1 m im Geviert weiter Stollen vorgetrieben wird. Diese Anordnung ist gewählt worden, um das während des Tunnelbaus – und das später während des Betriebes – eindringende Sickerwasser nach den Schächten abfließen lassen zu können. Die dort aufgestellten Dampfpumpen fordern zurzeit etwa 20 m³ in der Sekunde. Das durchfahrene Gebirge besteht aus festem, in starken Bänken abgelagertem Sandstein. Die Entfernung der beiden Schächte beträgt 1600 m; die Stollen sind auf 800 m bereits vollendet; der tägliche Fortschritt beträgt 3 m. Man hofft im November 1882 durchschlägig, und im August 1883 mit dem Tunnelbau vollständig fertig zu werden.

• Auf epilog.de am 24. Mai 2017 veröffentlicht