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Drahtseilbetrieb für Straßenbahnen
in San Francisco

Zentralblatt der Bauverwaltung • 13.5.1882

In mehreren Straßen San Franciscos, neuerdings auch in anderen Großstädten der Vereinigten Staaten von Amerika bewährt sich der Drahtseilbetrieb für die Straßenbahnen vortrefflich. Ein Seil ohne Ende, das von einer feststehenden Maschine in beständiger Bewegung erhalten wird, läuft auf Leitrollen in einer eisernen Röhre, welche in der Mitte des Bahngleises unter der Straßenoberfläche verlegt ist. Um die Bahnwagen in Bewegung zu setzen, wird ein senkrechter Führungsarm, der am unteren Ende eine Klemmvorrichtung trägt, an das Drahtseil festgeklemmt. Zu diesem Zweck ist jene Röhre in ganzer Länge mit einem 2 cm breiten Schlitz versehen. Um den Wagen zum Stehen zu bringen, wird die Klemmvorrichtung gelockert. Die Anziehung und Lockerung der Klemmräder erfolgt durch eine Steuerung vom Maschinistensitz aus. Das Drahtseil hat 22 mm im Durchmesser. In Abständen von 12 m wird es durch vertikale Leitrollen unterstützt, wo starke Krümmungen vorkommen, durch horizontale Leitrollen. Die Schienen lagern auf gusseisernen, mit den Röhren der Drahtseilleitung verbundenen Lagerstühlen. Die Züge verkehren auf den, teilweise in starken Steigungen (bis 1 : 16,5) liegenden Straßenbahnen mit einer Geschwindigkeit von 10 km/h. Jeder Zug besteht aus 2 Wagen, deren einer die Klemmvorrichtung trägt. Die Zahl der Fahrgäste beträgt durchschnittlich auf dem Klemmwagen 16, auf dem angehängten Wagen 24, an Sonn- und Festtagen jedoch in besonders eingerichteten Doppelwagen bis über 100, manchmal sogar an 150. Die Züge folgen einander in Zeiträumen von 3 bis 5 Minuten. Die Zahl der Fahrgäste beträgt während eines Tages 13 500. Jeder Wagen besitzt kräftige Bremsen und eine Greifvorrichtung, welche die Räder gegen die Schienen unbeweglich feststellt. Die naheliegende Besorgnis, es möchte durch den offenen Schlitz eine große und für den Drahtseilbetrieb höchst lästige Menge Straßenschmutz oder Schnee in die Röhren fallen können, scheint sich nicht zu bewahrheiten, vorausgesetzt, dass die Bahngesellschaft für ausreichende Straßenreinigung sorgt. Ein Hindernis der Verbreitung des Drahtseilbetriebs liegt in der Unmöglichkeit der Abzweigung und Kreuzung zweier Straßenbahnen sowie in der Schwierigkeit, mit den Wagenzügen Bahnkrümmungen zu durchlaufen.

Nach Mitteilungen des American Engineer ist vor einigen Wochen der Drahtseilbetrieb auf mehreren Straßenbahnen Chicagos eröffnet worden. Das neue Betriebsmittel wird sehr gelobt.

• Auf epilog.de am 4. November 2021 veröffentlicht