Handel & IndustrieDruck & Papier

Die Schwarze Kunst

Die Abendschule • 11.4.1879

Voraussichtliche Lesezeit rund 12 Minuten.

Sprechen, Schreiben, Drucken – mit diesen drei Begriffen ließen sich wohl die drei Entwicklungsstufen der menschlichen Kultur bezeichnen. Die Sprache, dieses Privilegium des Menschen, verleiht seinen Gedanken Ausdruck und ist das vollkommenste Mittel der Mitteilung, ist aber doch auch das beschränkteste in Bezug auf Sicherheit und Dauer. Von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht gehend, verändert und verwischt sich das Mitgeteilte. Auf ›Hörensagen‹ pflegt man nicht zu bauen. Erst durch die Schrift, durch das sichtbare Wort, konnte die Geschichte zuverlässig auf spätere Geschlechter überliefert werden. Auf diese zweite Stufe der Entwicklung erhob sich der Mensch schon im grauesten Altertum. Wie wäre uns sonst das alte Testament überkommen, oder wie wären uns sonst die literarischen Schätze des klassischen Altertums erhalten? Es gab schon im alten Athen und Rom Buchhandlungen. Hatte ein Buchhändler Aussicht auf Absatz einer Schrift, so brachte er die nötige Anzahl von Abschreibern zusammen, fünfzig, hundert und mehr; ein Vorsager diktierte Wort für Wort das Niederzuschreibende, und so entstand eine Anzahl Bücher, die freilich nur in die Hände der Reichen gelangte.

Im frühen Mittelalter war selbst die Kunst des Lesens und Schreibens selten geworden. Unwissenheit und Rohheit hielten die Völker befangen. Nur bei den Mönchen in den Klöstern fand das Bücherwesen eine Pflege. Erst mit dem 13. Jahrhundert fingen auch die Laien an, sich mit dem Bücherabschreiben zu beschäftigen. Doch galt eine Bibliothek von 100 Bänden für etwas ganz Außerordentliches; berühmte Gelehrte schätzten sich glücklich, 10 bis 20 Bücher zu besitzen. Eine Bibel wurde oft mit 1000 Goldgulden bezahlt. Eine Ausstattung einer Tochter mit einigen Büchern galt als eine reiche Mitgift, Sterbende trafen über ein Buch oft besondere testamentarische Bestimmungen, teure Bücher wurden in Bibliotheken und Kirchen an Ketten gelegt.

Doch solange die Menschen sich mit teuren geschriebenen Büchern behelfen mussten, war Wissenschaft und Bildung nur bei einzelnen Hochgestellten zu finden; die große Menge ging leer aus, bis endlich der welthistorische Gedanke durchbrach, das Wort in mechanischer Weise mit Zuhilfenahme beweglicher Lettern zu vervielfältigen.

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• Auf epilog.de am 28. November 2023 veröffentlicht

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