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Die Dresdner Chaisenträger

Daheim • 31.3.1883

Den verbesserten Verkehrsmitteln der Neuzeit, den Pferdebahnen, Omnibus, Fiakers und Droschken, ist es bis zum heutigen Tage nicht gelungen, ein Institut zu verdrängen, das, auf längst überwundene Sitten, Gewohnheiten und Bedürfnisse gegründet, in seinem altfränkischen Zuschnitt gleichsam zu den Wahrzeichen Dresdens gehört. Die Korporation der durch ihre Pflichttreue und Redlichkeit fast sprichwörtlich gewordenen Portechaisenträger blüht nach wie vor, zu jeglicher Verrichtung bei Tag und Nacht bereit, ein gern gesehenes, kaum entbehrliches Glied in der Kette städtischen Lebens.

Wenig mehr als zwei Jahrzehnte, und die ehrenfeste Genossenschaft feiert das Jubelfest ihres zweihundertjährigen Bestehens.

Dresdner ChaisenträgerDresdner Portechaisenträger bei schlechtem Wetter.

Um 1705 kam der Vorsteher des Almosenwesens, Johann Friedrich Landsberger, auf den Gedanken, nach dem Beispiel der Schwesterstadt Leipzig auch in Dresden eine Sänftenträgeranstalt zu errichten, um aus deren Erträgnissen dem Armenwesen eine neue, womöglich dauernde Einnahmequelle zu eröffnen. Der Rat billigte den erfolgverheißenden Plan und erließ eine Verordnung, welche die Pflichten und Rechte der Träger regelte, die Taxe für deren Dienstleistungen festsetzte und die wichtige Bestimmung traf, dass sich niemand sonst unterstehen dürfe, dergleichen Lohnsänften anzuschaffen und dadurch seinen Nutzen zu suchen, weil der erhoffte Überschuss aus Landsbergers Unternehmen ausschließlich dem allgemeinen Besten zugutekommen solle. Ja, der Rat ging noch weiter und schloss im Vertrauen auf fernere günstige Resultate mit Landsberger einen förmlichen Vertrag, worin sich dieser anheischig machte, die Sänften und ihre Bedienung »auf eigenen Gewinnst und Verlust« zu unterhalten und einen Jahresbeitrag von je fünfzig Talern an das Religionsamt und das Waisenhaus zu zahlen.

Das Gedeihen der neuen Schöpfung war zu augenfällig, als dass es nicht die Wagelust anderer zum Wettstreit hätte verleiten sollen. Ungeachtet des stadträtlichen Verbots und Landsbergers wiederholter Protest waren der ersten Gründung bereits 1719 zwei ebenbürtige Rivalen erstanden. In unmittelbarer Nachbarschaft hatte der Trabantenhauptmann von Seifertitz das Institut der ›Schloss- oder Hofsänften‹ ins Leben gerufen, während zwei vormalige Ratschaisenträger die gesammelten Erfahrungen auf ein drittes, nicht minder schwunghaftes Geschäft in Neustadt-Dresden verwandten.

Nach Landsbergers Tode trat dessen Witwe an die erledigte Stelle, doch beschloss der Rat, als auch sie im Jahre 1729 das Zeitliche gesegnet hatte, die Verwaltung der noch immer einträglichen Anstalt selbst zu übernehmen und die Erben trotz ihrer Behauptung, dass der Kontrakt stillschweigend verlängert worden sei, ein für allemal mit einer Entschädigungssumme abzufinden. Über die Höhe dieser Summe kam es zu langwierigem, erbitterten Hader, der schließlich in dem Vergleiche sein Ende fand, dass sich der Rat für elf Sänften und die Ausrüstung der Träger an Hüten, Röcken, Strümpfen und Schuhen – Westen und Hosen werden nicht genannt, sind aber hoffentlich mit inbegriffen – zu einer einmaligen Zahlung von 285 Talern erbot.

War diese Differenz zu beiderseitigem Wohlgefallen gelöst, so sollten die Portechaisen, ihrer friedlichen Aufgabe zum Hohn, doch noch manchen Anlass zu Misshelligkeiten geben; namentlich blieb es für geraume Zeit das Schicksal der Ratssänften, ruhelos von Ort zu Ort gescheucht zu werden, bis sie endlich auf dem Altmarkt ein jahrhundertlanges, erst von der neuerungssüchtigen Gegenwart gestörtes Unterkommen fanden.

Die Organisation der Ratschaisenträger hat seit 1717 nur geringe Abänderungen erfahren. Auch heute noch stehen an ihrer Spitze zwei durch Stimmenmehrheit gewählte ›Älteste‹, deren Aufsicht und Zucht der ordnungsmäßige Gang der Geschäfte, das Verhalten der Mannschaften mit der Verpflichtung anvertraut wurde, die keine Republik dem Stadtrat wie der Öffentlichkeit gegenüber zu vertreten.

Unter den Mitgliedern der Gilde sind, so weit sich die vorhandenen Belege über ihre Herkunft übersehen lassen, nur selten eingeborene Dresdner zu finden. Meist entstammen sie den Dorfschaften des rechten, und zwar oberen Elbufers und ziehen es mit verschwindenden Ausnahmen vor, ihren Hausstand in der Heimat beizubehalten. Vom Stadtrat haben sie niemals Besoldung bezogen, sie blieben und bleiben auch jetzt noch auf die Löhne angewiesen, welche sie taxgemäß von ihren Auftraggebern zu fordern haben. Diese Löhne wie alle sonstigen Einnahmen sind ihnen ohne Rechnungsablegung oder Kontrolle überlassen, nur müssen sie allwöchentlich eine bestimmte Summe, das sogenannte ›Herrengeld‹, zur Instandhaltung der Sänften und Beschaffung der Dienstkleider entrichten.

Im Laufe der Zeiten hat es selbstverständlich nicht an Perioden gefehlt, wo die Leistung dieser Abgaben ganz oder zum Teil in Wegfall kam. So liegt unter anderm aus den schweren Tagen des Siebenjährigen Krieges eine bewegliche Denkschrift der Bedrängten vor, welche besagt, »dass infolge des Fortzuges vieler Herrschaften und der Einstellung aller Lustbarkeiten und Pläsirs, ingleichen auch wegen des Ekels, der sich im Publikum gegen den Gebrauch der Sänften um deswillen verbreitet habe, weil die letzteren zum Transport blessierter oder kranker Soldaten gemissbraucht würden, der Verdienst der Chaisenträger ganz darniederliege; dass ferner viele derselben wegen der seitherigen beständigen Werbung sich nach Hause in ihre Dörfer begeben hätten, und dass die Teuerung der Lebensmittel diese armen und auf stärkende Kost angewiesenen Leute außerordentlich drücke.«

Dasselbe wiederholte sich 1813, wo nach einer Anzeige der Ältesten die Militärbehörde das Chaisenhaus auf dem Altmarkt in Beschlag genommen hatte, die Sänften sich in fremder Obhut befanden und die meisten Träger in ihre mit Einquartierung heimgesuchten Wohnorte entwichen waren, Herd und Familie vor Plünderung, Zerstörung und Gewaltätigkeiten zu schützen.

Aber aus allen Fährlichkeiten, aus Kriegsnot, Pestilenz und Teuerung tauchten die Chaisenträger immer wieder zu neuem Leben empor, selbst die Wogen der Revolution prallten machtlos ab von dem dauerhaften Gefüge. Das ist der Segen, der auf jeder tüchtigen Arbeit ruht, und bei ihrer Arbeit muss man sie aufsuchen, diese eigenartigen Gesellen, um zu begreifen, wie sie bisher jeden, auch den gefährlichsten Nebenbuhler aus dem Felde schlagen konnten. Da ist kein Wohnungswechsel, wo sie nicht an erster Stelle stünden, schnell, sicher und geräuschlos ihr mühseliges Tagewerk verrichtend. Wie sie das schwerste Hausgerät mit spielender Leichtigkeit zu behandeln wissen, so gehen die zerbrechlichsten Gegenstände, seltene Kunstsachen, kostbares Glas und Porzellan, unversehrt durch ihre schwieligen Fäuste. Und bei allem ihren Tun bedarf es keiner Beaufsichtigung, denn ein strenges Ehrgefühl durch wärmt die Genossenschaft in ihren sämtlichen Gliedern, vom Ältesten herab bis zu dem eben eingereihten Nachwuchs. Eine andere, nicht minderschätzenswerte Tugend geht mit dieser vornehmsten Hand in Hand: die Verschwiegenheit. Wie manches zarte Band haben die uniformierten postillons d’amour durch Hin- und Wiedertragen von Briefen, Blumen und sonstigen Liebeszeichen weben helfen, ohne dass jemals ein verräterisches Wort über ihre Lippen gekommen wäre.

Dresdner PortechaisenträgerDresdner Portechaisenträger während der Ballsaison.

Nach alledem könnte es scheinen, als sei ihr eigentliches Gewerbe, das Sänftentragen, zur Nebenbeschäftigung, sie selbst aber zu ›Dienstmännern‹ etwas besserer Gattung geworden. Allein man würde irren. Im Sommer freilich stehen die Sänften verstaubt in den Winkeln der Remise, zur Zeit der Feste und Bälle jedoch werden die altmodischen gelben Kästen hervorgeholt, man sieht sie bei nächtlicher Weile über die Straße schwanken und unter den Portalen der Paläste und herrschaftlichen Wohnungen verschwinden. Bringen sie doch ihre Insassen schneller und – was mehr gilt – ungefährdeter an den Ort der Bestimmung, als es selbst die eleganteste Equipage vermag. Denn während diese sich an einen endlosen Wagenschweif schließen und, allen Unbilden der Witterung ausgesetzt, oft stundenlang das Zeichen zur Ausfahrt erwarten muss, gleiten die Chaisenträger leicht und sicher auf dem Bürgersteig dahin, setzen ihre Last im durchwärmten Flur oder Vorzimmer nieder und lassen nach dem Sinken der Vorder- und Seitenwände Männlein wie Fräulein in tadelloser Frische dem bergenden Gehäuse entsteigen.

Wie sie von Anbeginn gewesen, so sind die Chaisenträger noch heute bescheiden, arbeitsam, zuverlässig durch und durch. Sie zählen zu den berechtigtsten und liebenswürdigsten Eigentümlichkeiten; die sich aus dem kleinbürgerlichen Dresden der Zopfzeit in das großstädtische Treiben des neunzehnten Jahrhunderts hinübergerettet haben.

• Karl Koberstein

Entnommen aus:


Zeitreisen mit Aufzügen und nach Berlin

Kultur + Technik von 1833 bis 1913

edition.epilog.de

Zeitreisen mit Aufzügen und nach Berlin
Die ›Zeitreisen‹ knüpfen an die Tradition der Jahrbücher wie ›Das neue Universum‹ oder ›Stein der Weisen‹ an. Eine bunte Auswahl von Originalartikeln begleitet den authentischen und oft überraschend aktuellen Ausflug in die Geschichte. Kultur- und Technikgeschichte aus erster Hand, behutsam redigiert, in aktueller Rechtschreibung und reichhaltig illustriert. Auszug aus dem Inhalt: Die Eröffnung des Themse-Tunnels; Die neue Pontonbrücke über den Stößensee bei Spandau; Die Grundsteinlegung der Göltzschtalbrücke; Die Uraniasäulen in Berlin; Die elektrische Eisenbahn in Budapest; Von Kiel nach Brunsbüttel; Die Dresdner Chaisenträger; Das Elektromobil Lohner-Porsche; Personenaufzüge für den Straßenverkehr; Das transatlantische Kabel im Dienste der Wissenschaft; Eine Stunde auf der Berliner Börse; Die Mineralquelle zu Selters; Fabrikation der Zündblättchen; Die Maulwurfsarbeit der Großstädte; Die Berliner Wasserwerke; Eine elektrische Müllverladestation; Beförderung von Feuerspritzen auf Schienengleisen; Elektrische Beleuchtung in Berlin; Die öffentlichen Bäder in Budapest; Ein Wiener Kaffeehaus; Das Parlament in London  PDF-Leseprobe € 18,90 | 196 Seiten | ISBN: 978-3-7543-9786-2

• Auf epilog.de am 4. April 2021 veröffentlicht