Forschung & TechnikErfindungen & Patente

Das Telegraphon

Die Umschau • 11.1.1908

Poulsens TelegraphonFig. 1. Poulsens Telegraphon zur Aufnahme, Aufbewahrung und Wiedergabe von reinen Tönen.

Auf der Pariser Weltausstellung 1900 wurde ein unscheinbarer Apparat gezeigt, der berufen sei, den Phonographen zu ersetzen. Lange Zeit hörte man dann nichts mehr vom Telegraphon, so dass man annehmen konnte, er sei den teils verdienten, teils unverdienten Weg so vieler Erfindungen gegangen und sei in Vergessenheit geraten.

Nach nun über sechsjähriger Arbeit ist jedoch das Telegraphon so weit vervollkommnet wieder auferstanden, dass es nun als fertig ausgearbeiteter Apparat in den Handel gebracht ist.

Das von Poulsen, einem dänischen Ingenieur, erfundene Telegraphon ist ein Apparat, der zur Aufnahme, Aufbewahrung und Wiedergabe aller Arten von Tönen dient, deshalb ebenso gut als Phonograph bezeichnet werden könnte. Von diesem, sowie dem Grammophon unterscheidet es sich jedoch durch die Einfachheit seines Mechanismus sowie durch die wunderbar reine Wiedergabe von Tönen, schließlich noch dadurch, dass Gespräche von nahezu einstündiger Dauer registriert werden können, wozu beim Phonographen und Grammophon Walzen, beziehungsweise Platten von unmöglichen Dimensionen erforderlich wären.

*) Was wir landläufig als ›Telefon‹ bezeichnen, besteht in Wirklichkeit aus zwei Apparaten: dem Mikrofon, in das wir sprechen und welches die Töne in elektrische Stromverschiedenheiten überführt, ferner das Telefon, durch welches wir hören.

Das Prinzip des Telegraphon ist ebenso einfach wie ingeniös und wird durch das Schema Fig. 2 veranschaulicht. B ist eine galvanische Batterie, die ihren Strom durch das Mikrofon M* und den Elektromagneten S schickt. Vor dem Elektromagneten S wird ein Stahlband St B mit einer gewissen Geschwindigkeit vorbeigezogen. Schema des TelegraphonprinzipsFig. 2. Ein Elektromagnet besteht bekanntlich aus einem weichen Eisenstab, der magnetisch wird, sobald durch eine Drahtspule, die ihn umgibt, ein elektrischer Strom kreist, der aber seinen Magnetismus sofort verliert, sobald der elektrische Strom unterbrochen wird. – Diese Einschaltungen und Unterbrechungen des elektrischen Stroms werden durch das Mikrofon M bewirkt. Letzteres (M) enthält eine Kohlenscheibe oder einen Kohlenstab, der nur leicht wiederliegt und unter diesen Umständen keinen Strom durchlässt; wird er aber fest angedrückt z. B. auch durch einen Ton, so kann der elektrische Strom an den Berührungsstellen passieren. Worte und Melodien bestehen aber aus Tonverschiedenheiten und Unterbrechungen. Wird also gegen ein Mikrofon gesprochen, so wird abwechselnd elektrischer Strom durchgelassen und unterbrochen, es entstehen Stromstöße in der Spule, die den Elektromagnet umgibt, dieser wird entsprechend den Tönen magnetisiert und entmagnetisiert. Stahl hat im Gegensatz zum weichen Eisen die Eigenschaft, Magnetismus festzuhalten; deshalb werden die, die Spule S durchfließenden Ströme wechselnder Intensität das Stahlband entsprechend kräftiger und schwächer magnetisiert. Diesen Magnetismus vermag das Stahlband für lange Zeit unverändert aufzubewahren.

Wird nun nach einer beliebigen Zeit das Stahlband mit der gleichen Geschwindigkeit vor einem gleichen Elektromagnet vorbeigeführt, so werden in der Spule des letzteren Induktionsströme erzeugt, so dass in einem mit der Spule verbundenen Telefon das Gespräch wieder zu hören ist. Es wird somit die Energie des Schalls in Form von Magnetismus aufgespeichert.

Wird jedoch das magnetisierte Stahlband vor einem mit Gleichstrom erregten Magnet vorbeigeführt, so wird das Band gleichmäßig magnetisiert. Das Gespräch oder der Schall ist somit völlig verwischt, und das Stahlband zur Aufnahme eines andern Gespräches fertig.

In seiner gegenwärtigen Ausführungsform besteht das Instrument im Wesentlichen aus drei Teilen (siehe Fig. 1), nämlich: Zwei Rollen (R, R₁) auf denen etwa 5000 m Klavierdraht von ¼ mm Durchmesser aufgewickelt ist, dem Bewegungsmechanismus, bestehend aus einem kleinen Elektromotor mit Übersetzungsrädern und den drei Elektromagneten mit Mikrofon und Telefon. Der Bewegungsmechanismus selbst bietet nichts Neues. Die Tourenzahl des Motors ist so gewählt, dass der Draht mit einer Geschwindigkeit von 3 m pro Sekunde vor den Elektromagneten vorbei geführt wird.

Anordnung der ElektromagneteFig. 3.

Die Anordnung der Elektromagnete zeigt Fig. 3. A ist ein Aufnahmemagnet, der in den Mikrofonkreis, B ein Wiedergabemagnet, der in den Telefonkreis geschaltet ist, und C eine Magnetisierungsspule (zum Auslöschen des Gesprächs), die an einige Akkumulatoren oder Trockenzellen angeschlossen ist. Vermittels einer besonderen Umschaltevorrichtung kann der eine oder andere dieser Magnete eingeschaltet werden.

An einer besonderen, seitlich angebrachten Skala zeigt ein beweglicher Zeiger an, welche Stelle des Drahtes gerade die Magnete passiert, so dass jene Stelle des Drahtes, an welcher sich ein gewisses Gespräch befindet, leicht aufgefunden werden kann. Die Drehrichtung der Trommeln und des Drahtes lässt sich jederzeit ändern, so dass irgendein Gespräch beliebig oft überhört werden kann.

Die Verwendungsart des Apparates ist eine vielseitige. Vorzügliche Dienste leistet er als Diktierapparat, da ohne Unterbrechung etwa 3000 Worte diktiert werden können. Durch ein Zurücklaufen lassen des Drahtes und gleichzeitiges Einschalten der Entmagnetisierungsspule kann der Apparat von neuem gebrauchsfertig gemacht werden: in dieser Hinsicht ist er wohl einem Phonographen bedeutend überlegen. Abgesehen davon, dass eine Walze des letzteren nur etwa 300 – 400 Worte aufnehmen kann, besteht eine große Schwierigkeit im Abschleifen der Walzen sowie der richtigen Aufnahme eines Gesprächs.

Telegraphon-DiktierapparatFig. 4. Telegraphon-Diktierapparat mit Schreibmaschine.

Ein solcher Apparat in Verbindung mit einer Schreibmaschine ist in Fig. 4 gezeigt. Die Telefone für das Diktat befinden sich im Zimmer des Chefs, während eine Anzahl von derartigen Diktierapparaten im Schreibzimmer aufgestellt werden können.

Das Diktat wird auch hier in Form von Magnetismus von Stahlband aufbewahrt und kann später durch das Telefon wieder in gesprochene Worte umgesetzt und danach auf den Schreibmaschinen niedergeschrieben werden.

Außer einem Pedalkontakt für die Vorwärtsbewegung des Apparates ist noch ein zweiter Kontakt vorgesehen; beim Betätigen desselben läuft der Apparat ein Stück zurück. Dies hat den Zweck der Wiederholung des letzten Teiles des Gespräches, wenn der Schreibende den Faden des Diktates verloren hat. Man kann daher ziemlich schnell abschreiben, um so mehr als die Arbeit gut verteilt ist: Mit den Ohren hört man das Diktat, die Hände und Augen bedienen die Schreibmaschine, während der Lauf des Apparates mit den Füßen kontrolliert werden kann.

TelefonFig. 5. Telefon

Das Telegraphon lässt sich auch in Verbindung mit dem Telefon vorzüglich verwenden. Werden Telefon und Telegraphon parallel geschaltet, so verzeichnet das letztere automatisch sämtliche Gespräche, die dann zu irgendeiner beliebigen Zeit und beliebig oft wieder gehört werden können.

Man kann somit auch nachträglich erfahren, was in der Abwesenheit telefonisch mitgeteilt wurde; ferner sind telefonische Aufträge fixiert. Es kann kein Rechtsstreit entstehen, weil man etwas andres verstanden habe, als gesagt wurde.

Auch zur Wiedergabe von Musik, Reden usw. eignet sich das Telegraphon besser als ein andrer Apparat, da es, wie schon bemerkt, völlig frei von störenden Nebengeräuschen ist, und Töne in einer gar nicht zu übertreffenden Klarheit wiedergibt.

• C. Kinzbrunner

• Auf epilog.de am 9. November 2021 veröffentlicht