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Coupé- oder Interkommunikations-System der Eisenbahn-Personenwagen?

Zentralblatt der Bauverwaltung • 30.7.1881

Die kürzlich auf der Eisenbahn von London nach Brighton vorgekommene Ermordung eines Passagiers durch einen Mitreisenden während der Fahrt hat die Frage, ob das Coupé-System (Abteilwagen) oder das Interkommunikations-System (Durchgangswagen) für die Personenwagen der Eisenbahnen besser sei, von neuem angeregt und neue Anhänger für das letztere System gewonnen. Man führt an, dass ein solches Ereignis nur beim Coupé-System möglich sei und durch die Einführung des Interkommunikations-Systems besser verhütet werden könne, als durch alle bisher versuchten mechanischen und elektrischen Einrichtungen zur Herstellung einer Verbindung zwischen den Reisenden und dem Zugpersonal. Da auch die bisherigen Anhänger des Interkommunikations-Systems stets auf Amerika und die dort mit diesem System gemachten günstigen Erfahrungen hinweisen, so dürfte die Mitteilung von Interesse sein, dass gerade aus Anlass des erwähnten Mordes Stimmen aus Amerika laut werden, welche das daselbst fast allgemein eingeführte Interkommunikations-System verwerfen und die Einführung des Coupé-Systems empfehlen. Die New York Times bemerkt nämlich nach einer Mitteilung der Londoner Railroad News, dass der Mord bei Brighton der zweite dieser Art seit 17 Jahren sei, und warnt davor, sich durch ein so außergewöhnliches und glücklicherweise sehr selten vorkommendes Ereignis gegen das Coupé-System einnehmen zu lassen. Die Zeitung führt weiter aus, dass das Coupé-System, abgesehen davon, dass es ein so außergewöhnliches Verbrechen allerdings begünstige, sonst wesentliche Nachteile nicht besitze, während die Fehler des Interkommunikations-Systems dagegen überaus zahlreich und täglich fühlbar seien. Unter den hierfür aufgeführten, uns Deutschen teilweise wunderlich und unverständlich klingenden Gründen sei nur, die Klage darüber erwähnt, dass das Interkommunikations-System nicht gestatte, Personen, welche ihren Mitreisenden durch lautes, ungebührliches Benehmen und Reden, durch Trunkenheit und dgl. lästig werden können, zu isolieren. Eine solche Klage aus dem freien Amerika, dessen Eisenbahnwagensystem von vielen in Deutschland als mustergültig betrachtet und zur Einführung sehnlichst erwünscht und empfohlen wird, ist immerhin beachtenswert.

Buchtipp:

Neuerscheinung

Die großartige Entwicklung von Berlin und seinen Vororten ab 1870 hat an den Verkehr auf den Eisenbahnen, besonders an den Verkehr zwischen den Vororten und der inneren Stadt Berlins, Anforderungen gestellt, denen nur durch besondere Anlagen und durch eine besondere Betriebsweise genügt werden konnte. Von dem Aufschwung erhält man ein Bild, wenn man die Entwicklung der Potsdamer Bahn verfolgt. Auf den vorhandenen zwei Gleisen, der sogenannten Stammbahn, ließen sich die drei Verkehrsarten, der Fernverkehr, Güter- und Vorortverkehr, nicht mehr in voller Regelmäßigkeit bewältigen und es musste zur gründlichen Abhilfe der auftretenden Schwierigkeiten die Strecke Berlin – Potsdam viergleisig ausgebaut werden. Die dadurch entstandene neue Vorortbahn, welche am 1. Oktober 1891 eröffnet wurde, hat zum Unterschied von der alten Potsdamer Bahn die Bezeichnung ›Wannseebahn‹ erhalten.
  PDF-Leseprobe € 14,90 | 104 Seiten | ISBN: 978-3-695-14284-2

• Auf epilog.de am 21. Oktober 2017 veröffentlicht

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