Bau & ArchitekturBrücken

Die große Brücke über den Schuylkill

und Fair-Mount-Water-Works bei Philadelphia

Meyers Universum • 1833

Voraussichtliche Lesezeit rund 4 Minuten.

Philadelphia, die Hauptstadt Pennsylvaniens, ist an Pracht, Reichtum und Größe die erste der Union. Die Stadt liegt 2 Stunden über den Zusammenfluss des Schuyl­kill mit dem Delaware, in der gabelförmigen Ebene, welche diese beiden Ströme bilden. Rund 200 km vom Meer entfernt, hat der Delaware­strom hier doch noch eine Breite von einer halben Stunde, und die für große Seeschiffe bis zu 1200 Tonnen Fracht nötige beträchtliche Tiefe. Philadelphia genießt dadurch alle Vorteile einer Seestadt. Es wird jährlich von 600 Seeschiffen besucht, und Eisenbahnen und Kanäle strecken sich von hier in allen Richtungen aus und machen Philadelphia, das stets Hauptsitz der transatlantischen Kunst und Gelehrsamkeit war, zugleich zu einer Metropole der Industrie und des Handels. In dieser letzten Beziehung hat nur New York noch den Vorrang.

Die Gründung der Stadt geschah von William Penn, dem Stifter der Sekte der Quäker, im Jahr 1682, durch die Erbauung von 80 Häusern. Hundert Jahre darauf zählte der Ort 6000 Häuser und 40 000 Bewohner. Die Zahl jener war 1830 auf 30 000, die der Bevölkerung auf 170 000 angewachsen. Jetzt bedeckt Philadelphia mit seinen Vorstädten die ganze Ebene zwischen dem Delaware und Schuylkill, und große Strecken jenseits des letzteren Stromes in einer Länge von 6½ km und einer Breite von 5 km. Die Gesamtzahl der Wohnungen übersteigt 34 000, die ihrer Bewohner 200 000. Die alte Welt bietet kein Beispiel solchen Gedeihens eines Orts in so kurzem Zeitraum, und auch die neue hat nur ein zweites gleicher Größe an New York aufzuweisen.

Penns herrliche Stadt ist in 300 schnurgeraden Straßen angelegt, welche sich von Norden nach Süden und von Osten nach Westen rechtwinklig durchschneiden. Einige und 50 Hauptstraßen haben jede eine Länge von 3 – 5 km, bei 24 – 35 m Breite. Alle sind mit 3 – 5 m breiten erhöhten Trottoirs für die Fußgänger zu beiden Seiten der Häuser versehen, und diese, nach dem Fahrweg zu, mit Bäumen bepflanzt, welche den wandelnden Schatten und Schutz gegen Regen und Sonne gewähren. Nirgends beleidigt das Auge öffentliche Unsauber­keit, nirgends der Anblick des menschlichen Elends. Bürgerlicher Gemeinsinn und Achtung vor dem Gesetz, das all geachtet wird, weil es von Allen ausgeht, und Allen gerecht wird, schaffen hier ohne Polizeistock das Wunder der öffentlichen Ordnung.

Gemein- und Bürgersinn haben Philadelphia mit unzähligen Anstalten zur Beförderung der öffentlichen Glückseligkeit, zur Minderung des Elends, zur Hilfe für Arme und Leidende, zur Verschönerung und zur Bequemlichkeit des Lebens, zur Rettung aus und zur Verhütung von Lastern, Verbrechen und Unglück geschmückt. Die prachtvollsten Gebäude, welche die Hauptstraßen und öffentlichen Plätze zieren, deuten gewöhnlich auf jene Zwecke hin und dienen dem Gemeinwohl.

Die große Brücke über den Schuylkill.Die große Brücke über den Schuylkill bei Philadelphia.

Die herrliche Brücke auf unserem Bild, die Upper Ferry Bridge, das kühnste Werk in diesem Zweig der Baukunst, welches Amerika aufzuweisen hat, befindet sich oberhalb der Stadt, am nordöstlichen Ende derselben. Von hohen Ufern überspannt sie den hier 120 m breiten Schuyl­kill in einem Bogen, und niemand kann das gewaltige Werk anstaunen, ohne zugleich ein heimliches Grauen zu fühlen. Das Gewölbe des Bogens ist nämlich so flach, dass man kaum begreifen kann, wie es fähig sei, die schwersten Lastwagen, ohne Gefahr des Einsturzes, zu tragen. Die Brücke ist bedeckt; die Bedachung aber so geschmackvoll und leicht, dass sie an imposantem Ansehen dadurch eher gewinnt als verliert. Ihre Erbauung kostete über eine Million Gulden.

Rechts von der Brücke sehen wir einen Hügel (Fair-Mount), dessen Scheitel mit einem Pfahl­werk umgeben ist. Auf diesem befinden sich die berühmten Werke, welche ganz Philadelphia mit gesundem Trinkwasser und den wirksamsten Waffen gegen Straßenschmutz und Brand auf das reichlichste versehen; ein Werk, das an Größe, Pracht und Zweckmäßigkeit in der Welt seines Gleichen sucht.

Man stelle sich innerhalb der sichtbaren Palisadeneinfassung jenes Hügels, der eine Höhe von 32 m über den Wasserspiegel des Flusses hat, drei 4,9 m tiefe und 53 m im Durchmesser haltende Reservoirs, aus weißem Marmor, eingemauert vor, die zusammen 200 Millionen Pfund Wasser fassen. In diese wird durch Pumpwerke, welche die Kraft des gestauten Flusses treibt, das treffliche Wasser des silberhellen Schuyl­kill gehoben und von da in die Stadt in gusseisernen und zinnernen Röhren, welche zusammen eine Länge von 48 km haben, nicht allein zur Versorgung aller öffentlichen Brunnen geleitet, sondern auch in jedes Stockwerk jedes einzelnen Hauses, so dass mindestens jede Familie eigenes springendes Wasser besitzt.

Aber dies ist noch nicht die ganze Wirkung der vortrefflichen Anstalt. Besondere Kanäle versorgen die Vorrichtungen, mittels welcher täglich das Abwaschen der Straßen der Stadt geschieht, und andere halten Röhren gefüllt, welche in von Strecke zu Strecke auf allen Straßen stehenden kurzen Pfeilern verborgen sind. In diesen Pfeilern befinden sich zugleich Schläuche mit Schrauben aufbewahrt, welche man bei ausbrechendem Brand sofort an die Wasserröhre, die mit einem Hahn versehen ist, befestigt, nachher den Hahn öffnet, und dadurch augenblicklich einen ununterbrochenen Wasserstrahl, der sich 24 m hoch erhebt, als wirksamstes Löschmittel zur Verfügung erhält. Größeres Brandunglück ist, seitdem diese musterhafte Anstalt besteht, von Philadelphia gänzlich ferngehalten worden.

• Auf epilog.de am 25. Februar 2026 veröffentlicht

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