Berlin

Die Berliner Charité

Die Gartenlaube • 1858

Voraussichtliche Lesezeit rund 10 Minuten.

Am 1. Januar 1727 wurde von Friedrich Wilhelm I. ein Lazarett eröffnet, welches »als ein öffentliches Werk der christlichen Liebe, Guttat und Mildtätigkeit«, wie es in der alten Urkunde heißt, den Namen Charité bekam, und seitdem auch beibehielt. Der damalige erste Arzt, Professor Dr. Eller, fasste bereits die höhere, wissenschaftliche Aufgabe der Anstalt folgendermaßen auf: »dass nach dem Beispiele von Paris, London und Amsterdam auch in der Charité allen Medicis und Chirurgis hinlängliche Gelegenheit gegeben werde, sowohl die innerlichen als äußerlichen Kuren zu sehen und zu begreifen.« Dieser doppelten, segensreichen Bestimmung ist das Institut bis zum heutigen Tage treu geblieben, indem es als Heil- und Lehranstalt seinen vorzüglichen Rang behauptet hat.

Die Berliner Charité

Die Charité liegt mit den dazu gehörigen Gebäuden, Gärten und Höfen in der Nähe des Louisentor. Wir treten, nachdem wir uns bei dem Portier gemeldet und legitimiert haben, durch das große Haupttor in die sogenannte alte Charité ein. Was uns zunächst auffällt, ist die fast holländische Reinlichkeit der Gänge und Treppen, welche mit Ölfarbe gestrichen, gebohnert und in der Mitte mit Strohmatten belegt sind. Im Parterre befinden sich die Wohnungen der Beamten und die Büros für die Verwaltung. Im ersten Stockwerk liegen die sogenannten äußeren oder chirurgischen Kranken, welche an Wunden, Knochenbrüchen usw. leiden. Die rechte Seite des Hauses ist für die männlichen, die linke für die weiblichen Patienten bestimmt. Jeder Kranke erhält, wenn es irgend zulässig, bei seiner Aufnahme ein warmes Bad und eine angemessene Kleidung, welche in einem Anzug von blau- und weißgestreifter Leinwand besteht. Mit jenem Gefühle, das uns beim Anblick der leidenden Menschheit unwillkürlich zu beschleichen pflegt, gelangen wir in einen der großen Säle, welche ungefähr dreißig bis vierzig Betten fassen können. Das Lager besteht aus einer eisernen Bettstelle, einer Rosshaarmatratze nebst Keilkissen und einer warmen Wolldecke. Über dem Kopfende befindet sich eine schwarze Tafel, auf welcher mit Kreide der Name des Kranken und seine Krankheit geschrieben steht. Ein Nachttisch dient zur Aufbewahrung der nötigen Geschirre, ein Bettschirm, um die schweren Patienten von den Übrigen abzusondern. Zwischen je zwei Sälen liegt die Wärterstube, wo sich Tag und Nacht die Heildiener aufhalten; sie sorgen für die Bedürfnisse der Kranken und zeichnen sich meist durch ihre Erfahrung und Menschenfreundlichkeit aus. Es gibt darunter alte Praktiker, die sich durch eine Reihe von Jahren einen wirklichen diagnostischen Scharfblick angeeignet haben.

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• Auf epilog.de am 30. Juli 2017 veröffentlicht

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