FeuilletonLand & Leute

Berchtesgaden

Pfennig Magazin • 31.7.1841

Die Längenangaben und andere Maße des Originaltextes wurden in das metrische System umgerechnet.

Eine der reizendsten und romantischsten Gegenden Bayerns nicht nur, sondern des gesamten deutschen Vaterlandes ist die Landschaft (ehemalige gefürstete Propstei) Berchtesgaden, die zu dem bayrischen Kreis Oberbayern gehört, im südöstlichen Winkel Bayerns und im südwestlichen Teil des alten Salzburggaus liegt und auf 500 km² zwischen 8 – 9000 Menschen ernährt, demnach nicht eben stark bevölkert ist. Der letztere Umstand erklärt sich leicht daraus, dass die Landschaft ein völliges Gebirgsland ist, umgeben von einem Kranz 1800 – 2400 m hoher Kaltgebirge, aus denen der 2713 m hohe Watzmann als höchster Gipfel hervorragt; jenseits derselben aber ist sie von der Salzach und Saale umflossen. Zahlreicher als in irgendeinem Teil Europas sind hier die Gämsen, welche die Landschaft zu einem Tummelplatze der Jäger machen; in den höchsten Felsenklüften wohnt das Murmeltier, in der Tiefe der Seen außer vielen anderen Fischen der wohlschmeckende Salmling. Unter den Seen, sechs an der Zahl, ist insbesondere der vielbesuchte 1 ½ Meile lange Königs- oder Bartholomäsee zu bemerken, an dessen Westufer das Jagdschloss Bartholomä liegt und aus welchem die Achen kommt, die nachher die Alben heißt und sich in die Salzach ergießt.

Berchtesgaden

Unter den Erwerbszweigen der Bewohner sind außer der Alpenwirtschaft, der Viehzucht und dem sehr beschränkten Feldbau namentlich zwei zu bemerken: der Salzbergbau, als die hauptsächlichste Nahrungsquelle, und die Verfertigung von Holz- und Beinwaren. Die reichen Salzberge des Ländchens stehen seit 1517 im Betrieb. Die größten Siedereien oder Salzpfannen sind bei den Flecken Frauenreuth und Schellenberg zu finden und liefern jährlich 7000 Tonnen Salz; die erste wurde 1820 eingeäschert, aber in größerem Umfang wiederhergestellt. Die Sole wird dadurch erzeugt, dass heißes Wasser in den Salzstein (die sogenannten Sinkwerke) eingelassen wird; sie wird teils hier versotten, teilt durch hölzerne und eiserne Röhren, die 1817 durch den Salinenrat v. Reichenbach angelegt wurden (im Ganzen über 100 km lang), über 90 km weit nach den gleichfalls bayrischen, aber nicht zu Berchtesgaden gehörigen Salinen Reichenhall, Rosenheim und Traunstein geleitet, welche zusammen 29 000 t Salz jährlich liefern. Die Verfertigung unzähliger Waren aus Holz, Knochen und Elfenbein, welche als Spielzeug und Hausgeräte in ganz Europa beliebt sind, selbst über das Meer, bis nach Amerika versendet, und zum Teil als Nürnberger Waren verkauft werden, nährt etwa 650 Familien. Die Baumwollstickerei, welche in einigen Gegenden im 17. Jahrhundert aufgekommen ist, hat schon lange durch Maschinenweberei bedeutenden Abbruch gelitten. Der Bergbau auf Blei und Zinkerz ist von geringer Bedeutung.

Der Hauptort des Ländchens ist der in der Abbildung dargestellte Marktflecken Berchtesgaden an der Acher, 572 m über dem Meer erhaben, ganz nahe der österreichischen Grenze. Er hat etwa 3000 Einwohner und ist der Sitz eines Landgerichts, eines Rentamtes und einer Obersalineninspektion. Unter den Gebäuden (etwa 150) sind das Schloss, Fürstenstein genannt (Residenz der früher gefürsteten Pröpste), drei Kirchen, eine Niederlage der oben genannten Kunstwaren und ein großes Salzmagazin zu bemerken. Gute Straßen führen von hier nach Reichenhall, sowie nach dem 30 km entfernten Salzburg und der berühmten österreichischen Saline Hallein.

Die Landschaft hieß ehemals urkundlich Tuval, was vielleicht so viel als das tiefe Tal oder der tiefe Wald bedeuten sollte; der Name Berchtesgaden heißt in den Urkunden des 11. Jahrhunderts Berthersgadmen; der seit 150 Jahren zuweilen vorkommende Name Bertholdsgaden oder Berchtolsgaden beruht auf einem Irrtum. Irmengard, Gemahlin des Hallgrafen oder Salzgrafen Engelderb III. von Wasserburg, erbaute um 1088 am Priesterstein in Berchtesgaden eine dem heiligen Martin gewidmete Zelle und bestimmte die Ortschaften Berchtesgaden und Grafengaden nebst dem sie umgebenden ungeheuren Wald zu einer geistlichen Stiftung zu Ehren Johannis des Täufers und des heiligen Peter, welche aber erst 1111, nach Anderen 1106 durch ihre Tochter Adelheid und deren Gemahl Berengar ins Leben trat. Zum ersten Propst wurde 1122 Eberwein geweiht. Das Stift – ein unmittelbares Reichsstift mit regulierten Chorherren vom Augustinerorden, mit dem ein Frauenkloster verbunden war – bereicherte sich bald durch zahlreiche Schenkungen und erwarb auch beträchtliche Güter und Rechte außer der Landschaft Berchtesgaden im Chiem-, Pinz- und Pangau, ferner in Niederbayern, Österreich, der Oberpfalz und selbst in Franken. Von 138 – 1404 war die Propstei ohne Propst; im Jahr 1404 wurde die alte Verfassung wiederhergestellt und 1455 das Stift von der geistlichen Gerichtsbarkeit des Erzbischofs von Salzburg befreit und dem päpstlichen Stuhl unmittelbar untergeordnet. Seit dem 15. Jahrhundert nahm es nur adelige Domherren auf. Am Ende dieses Jahrhunderts wurde den Pröpsten der Titel eines Reichsfürsten erteilt, den zuerst Ulrich II. (1486 – 96) führe. Von 1595 – 1723 stand das Stift unter kurkölnischer Administration. Bis zu seiner Auflösung hatte es 47 Pröpste; der letzte derselben, Joseph Konrad, Freiherr von Schraffenberg gest. 1803, besaß zugleich die Würde eines Fürstbischofs von Freysing und Regensburg. Im Jahr 1803 wurde auch dieses Stift gleich so vielen anderen säkularisiert und als Fürstentum mit dem Herzogtum (Kurfürstentum) Salzburg dem bisherigen Großherzog von Toscana übergeben; 1806 kam es mit Salzburg durch den Pressburger Frieden an Österreich, 1809 an Frankreich (durch den Wiener Frieden), 1810 an Bayern, bei welchem es auch 1815 blieb, obgleich Salzburg wieder an Österreich viel. Noch ist aus der Geschichte des Ländchens zu bemerken, dass im Jahr 1732 etwa 9000 protestantische Bewohner desselben, gleichzeitig mit 30 000 Protestanten des benachbarten Erzbistums Salzburg, nach Brandenburg (Berlin) und besonders nach Kurbraunschweig (Calenberg) auswanderten, veranlasst durch die zahlreichen Bedrückungen, die sie besonders unter dem Erzbischof Leopold Anton Eleutherius von Firmian, welcher 1729 – 33 regierte, ihrer Religion wegen zu leiden hatten.

• Auf epilog.de am 4. Juni 2017 veröffentlicht