Feuilleton – Leben & Werk
Alois Senefelder und die Steindruckerei
Die Gartenlaube • April 1892
»Die Lithographie ist eine der wichtigsten Erfindungen des 18. Jahrhunderts!« So schrieb vor mehr als 80 Jahren der damalige Kronprinz Ludwig von Bayern mit Umdrucktinte auf ein Stück Papier, als er die Senefeldersche Steindruckerei in München besuchte. Und in der Tat ist die Lithographie oder Steindruckerkunst nächst dem Buchdruck das hervorragendste Vervielfältigungsverfahren; sie ergänzt diesen aufs Trefflichste, da sie sich besonders zur Wiedergabe von Vorlagen eignet, die sich nur schwer dem Buchdruck fügen.
Alois Senefelder (1771 – 1834).
Auch die Schicksale der Erfinder beider Künste haben einige Ähnlichkeit. Gutenberg wie Alois Senefelder arbeiteten ihre Erfindungen unter aufreibender Tätigkeit und hinderlichen Geldsorgen zu einem Grad der Reife aus, welcher ihren Nachfolgern nur noch wenig zu verbessern übrigließ; beide hatten die erhebende Genugtuung, noch zu Lebzeiten ihre Erfindung siegreich durch alle Länder schreiten zu sehen, sie als eine ruhmreiche Tat preisen zu hören; beide starben endlich nach einer mühevollen Laufbahn arm und unbemittelt, nachdem sie ihre letzten Lebensjahre von einer bescheidenen Altersversorgung gezehrt hatten. Ähnlich wie Gutenberg hat auch Senefelder den Undank seiner Mitmenschen kennengelernt, und seine Erfahrungen über das Los des Erfinders brachte er in seiner Münchener Mundart drastisch zum Ausdruck, indem er einem jungen Steindrucker den Rat erteilte: »Hüten S’ sich vor dem viele Quacksalbere und Experimentiere; schaun’s, alle anderen werden reich durch meine Erfindung und ich bleib’ ein armer Lump!«
Geboren wurde Alois Senefelder am 6. November 1771 zu Prag, wo sein Vater als Schauspieler angestellt war; derselbe verzog jedoch später mit seiner Familie nach München, da er hier eine Anstellung an der kurfürstlichen Hofbühne gefunden hatte. In Alois’ Adern rollte Künstlerblut; sich gleichfalls der Bühne zu widmen, war sein Trachten. Der Vater aber wünschte, Alois solle studieren, und so fügte sich der Sohn und bezog nach vollendetem Besuch des Gymnasiums die Universität. Als bald darauf der Vater starb, zauderte Senefelder nicht länger, seinem inneren Drange zu folgen, das Studium aufzugeben und sich der Schauspielkunst zuzuwenden, um so mehr, da ihm nach dem Tod des Vaters die Mittel zur Fortsetzung seines Studiums fehlten. Er fand Anschluss an eine wandernde Schauspielertruppe und zog mit dieser in Süddeutschland umher, wobei er das Elend des fahrenden Schauspielerstandes zur Genüge kennenlernte. Nach zwei Jahren herber Enttäuschungen entschloss er sich, die Bühnenlaufbahn wieder aufzugeben; er kehrte nach München zurück und beschäftigte sich mit literarischen Arbeiten.
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