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Vom Ursprung der Kutschen

Taschenbuch zum Nutzen und Vergnügen • 1792

Vor Zeiten ritten Monarchen und Ritters, Vornehme und Geringe, und alle, die jetzt in kostbaren Equipagen einherfahren, zu Pferde. Selbst Fürstinnen ritten mit ihrem weiblichen Gefolge, bei feierlichen Einzügen, bei Visiten und zur Kirche, auf schöngeputzten Zeltern, oder sie ließen sich in Sänften tragen. Auf Reisen fuhr das vornehme Frauenzimmer gemeiniglich in bedeckten Wagen, die einigermaßen den heutigen Landkutschen glichen, und deren Gebrauch durch eigene Verordnungen nur dem hohen und niederen Adel erlaubt war. Unsere heutigen Kutschen oder hängende Wagen wurden erst zum Anfang des 15. Jahrhunderts in Frankreich erfunden, das für die übrigen Europäer schon so manche Bequemlichkeit erdacht hat. Die erste, die in einem unseren Kutschen ähnlichen Wagen fuhr, war die Königin Isabelle, Gemahlin Karls des Sechsten von Frankreich. Sie hielt 1405 zu Paris ihren Einzug in einem ungewöhnlichen Wagen, in dem die Sitze beweglich waren, und aller Vermutung nach wurden diese bequemen Wagen für die Königin erfunden, die eine große Liebhaberin vom Reisen war.

Weil anfänglich nur Frauen in den neuerfundenen Kutschen fuhren, nannte man dies in Riemen hängende Fuhrwerk Frauenzimmer-Wagen (Chariots Damerets). Als man sie hernach unter Franz I. verbesserte, und ein viersitziges Kabinett zwischen vier Rädern hing, erhielten sie den Namen Karosse. Eine solche Karosse ließ Franz I. für die berühmte von Poitiers, Herzogin von Valentinois, machen. Aber noch immer behielte das vornehme Frauenzimmer das Vorrecht, in diesen dunklen Gefährten zu fahren, die lederne Vorhänge statt der Glasfenster hatten, bis sich Raimund von Larah, einer von König Franz I. Höflingen notgedrungen eine Karosse anschaffte, weil ihn wegen seiner ungeheuren Dicke kein Pferd zu tragen vermögend war. Seine Kutsche und die Karosse der Herzogin von Valentinois waren in der Mitte des 16. Jahrhunderts die einzigen in Paris.

Die·Bequemlichkeit der neuen Wagen brachte sie sehr bald in Ansehen, und nach dem Beispiel der Königin fingen ihre Hofdamen und andere Pariserinnen vom Stande auch an, in Kutschen zu fahren. Aber das Pariser Parlament, welche die Kutschen für nichts weniger als ein Verderbnis der Sitten und für eine gefährliche Pracht hielt, dachte anders und stellte König Karl XI. vor, den Gebrauch der Kutschen überhaupt einzuschränken und·nur auf Reisen zu erlauben. Es scheint aber nicht, dass Karl XI. aus diese Remonstranz geachtet, weil die Karossen damals noch sehr kosbar und nicht sehr häufig waren. Indessen, was dies Parlament nicht durch Verbote und Strafen gegen die Karossen ausrichten konnte, das suchten einige Mitglieder desselben, die der alten Mode getreu blieben, durch ihr Beispiel zu hindern. Gilles le Maite, erster Parlamentspräsident in Paris, pflegte, wenn er mit seiner Familie aufs Land reiste, neben seiner Gemahlin und Tochter, die in einem schlechten mit Stroh vollgestopften Wagen fuhren, nebst seinem Bedienten auf einem Maultier herzureiten.

Christoph de Thou, der nicht lange nach ihm unter Henrich III. erster Präsident des Pariser Parlaments war, dachte von den bequemen Kutschen nicht so intolerant, sondern hielt für seine Gemahlin eine eigene Equipage. Dies war die vierte Kutsche in Paris und seine Gemahlin die erste Privatperson, die eine Equipage halten durfte, welches vordem nur ein Vorrecht des königlichen Hauses gewesen war. Zu König Heinrich IV. Zeiten blieben die Kutschen noch immer eine Seltenheit. Heinrich hatte mit seiner Gemahlin zusammen nur eine Kutsche, die beide gemeinschaftlich brauchten. Dies beweist ein Schreiben dieses Königs an einen seiner Vertrauten, darin er sich entschuldigt, dass er ihn unmöglich besuchen könne, weil die Königin zur selben Zeit ihre gemeinschaftliche Kutsche brauchte. Auch die Vornehmsten in Paris wussten unter seiner Regierung noch sehr wenig von Kutschen. Nicole von Aubespine, eine Dame ersten Ranges, pflegte, wenn sie Staatsvisiten gab, auf einem Maultier hinter ihres Mannes Sekretär zu sitzen.

Unter der Regierung der Königin Elisabeth am Ende des 16. Jahrhunderts kamen die Kutschen nach England. In Deutschland wurden sie Anfang des 17. Jahrhunderts Mode. Der Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg bediente sich auf seiner Reise nach Warschau, wo er die Belehnung von Preußen übernah, diesen neuen Staatswagen. Auch die brandenburgischen Gesandten auf dem Wahltag des Kaisers Matthias hatten drei Kutschen bei sich. Es waren aber unansehnliche Wagen, aus vier Brettern zusammengeschlagen.

In der Schweiz waren noch Mitte des 17. Jahrhunderts die Kutschen eine Seltenheit, und die Einwohner von Baden erstaunten, als der französische Abgesandte 1676 seinen Einzug in Kutschen hielt. In Italien, wo die Zeit des Gebrauchs der Kutschen unbekannt ist, wurden die Glasfenster statt der ledernen Vorhänge eingeführt, und der Marschall von Bassompierre brachte die erste erleuchtete Kutsche nach Frankreich. Allmählich wurden die Kutschen mehr und mehr verschönen, von außen vergoldet, inwendig mit Samt und anderem Zeug ausgeschlagen, mit Bildschnitzerarbeit und Gemälden verziert und ihre Anzahl stieg von Jahr zu Jahr. Um 1658 waren in Paris schon 320, und 1763 über·14 000 Karossen.

Damit jedermann gelegentlich sich dieses bequemen Fuhrwerks bedienen könnte, erfand man in Paris die·Mietkutschen. Labat erzählt in seinen Reisen, dass sie zu seiner Zeit dorten im Gange gekommen. Man nannte sie gewöhnlich die Fünfschillingkutsche, weil die Person für jede Stunde fünf Sols bezahlte.·Sechs Personen konnten darin fahren. Zwei davon saßen an den Türen auf kleinen Bänken, die auf und niedergeschlagen werden konnten. Hinter dem Sitz des Kutschers stand auf einer langen Stange eine Laterne, weil die Straßen in Paris damals noch nicht des Nachts erleuchtet wurden. Ihren Standort hatte diese Kutsche damals im Gasthof zum heiligen Fiacre, und von diesem Heiligen erhielten Mietkutschen den Namen, den sie heutigen Tages gewöhnlich führen.

In Spanien soll man die erste Kutsche im Jahre 1746 gesehen haben.

Nach Schweden soll in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Johann von Zinkens bei seiner Zurückkunft aus England nebst mehreren neuen Gegenständen des Luxus die erste Kutsche gebracht haben. Vorher führten auch in Schweden die größten Herren ihre Frauen mit sich auf dem Sattel, wenn sie aufs Land reisten. Selbst die Prinzessinnen ritten Pferde und nahmen einen Wachstuchmantel um, wenn es regnete.

Russland soll in seiner Hauptstadt schon am Anfang des 17. Jahrhunderts prächtige Kutschen gehabt haben.

In London sind die Mietkutschen im Jahr 1625 eingeführt. Anfänglich waren ihrer nur zwanzig, und sie hielten nicht an den Straßen, sondern bei den vornehmsten Gasthöfen, aber zehn Jahre hernach waren sie schon so zahlreich geworden, dass König Carl I. es nötig fand, ihre Vermehrung durch eine Verordnung einzuschränken. Im Jahr 1637 wurden in und um London und Westmünster 50 Mietkutscher angenommen, deren jeder nicht über 12 Pferde halten sollte. Im Jahr 1652 ward ihre Zahl auf 200; im Jahr 1654 auf 300, wozu 600 Pferde gehalten werden durften; im Jahr 1694 aus 700, und im Jahr 1715 auf 800 bestimmt.

Edinburg erhielt die ersten Mietkutschen im Jahr 1673, und zwar 20. Weil aber der Gebrauch der Wagen wegen der Bauart der Stadt unbequem ist, so ist ihre Zahl 1752 auf 14, und 1778 gar bis auf 9 gefallen; dahingegen haben sich die Sänften dort vermehrt.

In Warschau sind Fiacre erst 1778 angenommen. Kopenhagen soll 100 Mietkutschen haben. In Madrid sollen 4000 bis 5000, in Wien 3000 herrschaftliche und 200 Mietkutschen sein. In den vereinigten Niederlanden sollen vor einigen Jahren überhaupt 25 000 Kutschpferde gewesen sein.

An dem mächtigen Hofe Herzogs Ernst August zu Hannover waren schon 1681 fünfzig vergoldete Karossen mit sechs Pferden. So früh hat also Hannover angefangen, ähnliche Städte in der Zahl der Kutschen zu übertreffen!

• Auf epilog.de am 17. Oktober 2021 veröffentlicht