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Schneeräumer

Das Neue Universum • 1898

Als größter Feind der Eisenbahnen gilt im Winter der Schnee, namentlich, wenn sich mit ihm der Sturm verbindet. Dann verwehen nach und nach die Gleise, die Strecken, und werden für den Verkehr unbrauchbar. Ganze Städte sind von allen Verbindungen abgeschnitten, Post-, Telegrafen- und Zeitungsverkehr stocken.

Ist der Schneefall ein ruhiger, wirbelt ihn kein starker Wind zu chaotischem Hexentanze durcheinander, dann setzt sich Flocke um Flocke auf dem Boden fest, und die Schneedecke nimmt allmählich an Dicke zu. Solange sie die Höhe von 30 cm nicht überschreitet, ist sie auf freier Strecke nicht gefährlich; wächst sie aber über diese Höhe hinaus, so dass der Schnee in den Aschenkasten der Lokomotive dringt und das Feuer zu verlöschen droht, dann ist die Gefahr da.

Aber nicht tatenlos stehen die wackeren Männer vom geflügelten Rade den heimtückischen Angriffen der Flocken gegenüber. Mit den Räumern der Maschine suchen sie sich den Weg zu bahnen, solange der Schnee gleichmäßig und bei schwachem Wind fällt. Auch hat sich in diesem Fall der Lokomotivführer mit einem gehörigen Vorrat von Sand versorgt, den er durch Streuröhren auf die Schienen gleiten lässt, um den Rädern auf diesen einen größeren Halt zu geben. Der Schnee keilt sich nämlich nicht allein zwischen Räder und Schienen fest ein, wodurch er bremsend wirkt, sondern er macht auch, was noch gefährlicher ist, die Schienen schlüpfrig, wodurch die Reibung aufhört und die Räder ihren Halt verlieren.

In Mitteleuropa, wo die Schneeverwehungen und die mit ihnen verbundenen Verkehrsstockungen hauptsächlich im Gebirge stattfinden, währt das Übel zum Glück meist nur wenige Tage, und die ängstlichen Befürchtungen, die schon in manchen Herzen ausstiegen, zerstreuen sich bald. Aber nun denke man sich dieselbe Kalamität, hundertfach verstärkt, wie sie im Westen Nordamerikas auftritt! Grausige Geschichten wissen namentlich die Reisenden zu erzählen, welche auf der Zentralpazifikbahn im Winter die Passhöhe der Sierra Nevada befuhren. Ungeheuer sind die Schneemassen, welche, vom Sturm gepeitscht, entweder meterhoch die Bahn verlegen, oder als Lawinen in die Tiefe donnern. Mit sieben schweren Lokomotiven keucht hier im Winter der Kurierzug durch die wirren Massen, welche Sturm und Niederschläge angehäuft haben. Ja, als der Reisende Gerhard Rohlfs im Winter 1876 die Sierra Nevada passierte, mussten infolge eines heftigen Schneesturmes sogar zwölf der größten Maschinen arbeiten, um des Elementes Herr zu werden. Diese Maschinen sind äußerst sinnreich eingerichtet und vermögen selbst meterhohe Schneeverwehungen zu bewältigen.

Schneeräumer auf der Arlbergbahn

Auf den deutschen und österreichischen Gebirgsbahnen bedient man sich zur Beseitigung der Schneeverwehungen eines Schneepfluges, d. h. eines dreieckigen Wagens, dessen schaufelförmiges Vorderteil bis dicht an die Schienen reicht. Er befindet sich vor der Lokomotive und bewährt sich, solange die Schneedecke nicht über 40 cm hoch ist. Bei niedriger Schneelage genügt es, um freie Bahn zu schaffen, dem Zug bloß zwei Lokomotiven vorzuspannen, die durch ihr Gewicht wirken; die vorderste gibt dann den Schneeräumer ab. Einen in solcher Art bespannten Zug erblicken wir auf unserm Bild. Der Schauplatz ist eine der malerischesten Strecken der Arlbergbahn, und zwar die Brücke über den Wildtobel bei Klösterle.

Die Arlbergbahn führt nämlich von Innsbruck in westlicher Richtung durch das Inn-, Rosanna- und Klostertal nach Bludenz (wo sie ihre Fortsetzung in der Bahn über Feldkirch nach Bregenz findet). Der berühmte Arlbergpass (1802 m) wird von der Bahn in 1282 m Meereshöhe in einem großen Tunnel unterfahren. Gleich am westlichen Ausgange dieses Tunnels überschreitet die Bahn den Alfenzbach und tritt in das Klostertal, das seinen Namen nach der von einem Herrn v. Montfort auf Sonnenberg im Klösterle errichteten Stiftung führt. Von der Station Langen ab (wo die Strecke im Frühjahr sehr von Lawinen gefährdet ist) bis Bludenz hält sich die Bahn am rechten Ufer der Bludenz, stellenweise bis 130 m über der Talsohle. Sie übersetzt den Wildtobel, eine 3000 m lange Geröllmasse, auf einer 50 m langen Brücke, um sodann zwei Lawinengalerien zu passieren. Diese Brücke ists, die wir in ihrem Winterkleid auf unserem Bild sehen. Da die Arlbergbahn wegen ihres massenhaften Transports von Getreide, Vieh, Holz und Wein eine hervorragende volkswirtschaftliche Bedeutung hat, so bestrebt sich die Bahnverwaltung aufs Äußerste, den Verkehr auch im Winter nach Möglichkeit aufrechtzuerhalten. Welche Mühe dieses macht, veranschaulicht uns wieder unsere Illustration, wenn wir den Blick auf den mit zwei Lokomotiven bespannten Zug heften. Die vorderste Lokomotive tut als Schneeräumer wacker ihre Schuldigkeit.

• Auf epilog.de am 7. Januar 2022 veröffentlicht