Forschung & TechnikTechnik

Neue Erfindungen und Kulturfortschritte

Das Mikrofon

Von Max Wirth

Über Land und Meer • Juli 1878

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

Während Edison seinen  Phonographen so vervollkommnet hat, dass er Worte deutlich und klar mit der ursprünglichen Modulation, dem gleichen Accent, Tonfall, Ausdruck, ja in der gleichen Tonart auf 5 – 10 m vom Schalltrichter entfernt hörbar macht, Melodien aber sogar auf 100 Schritte weit vernehmen lässt, sinnt er schon wieder über eine neue Verbesserung seines Instrumentes. Die Mängel des Phonographen bestehen bis jetzt darin, dass die von demselben wiedergegebenen Worte in einem etwas näselnden Ton herauskommen und dass, je nachdem die Kurbel rascher oder langsamer gedreht wird, der Klang höher oder tiefer reproduziert wird, als ihn der Sprechende abgegeben. Alle diese Mängel hofft Edison, durch seinen neuen Apparat zu beseitigen.

Kaum sind es ein paar Monate, dass die Fama die Kunde von diesem Zauberinstrument durch beide Hemisphären trägt, und schon ist es durch ein neues Wunder, wenigstens wie es scheint in praktischer Tragweite, überboten – durch das Mikrofon, mittels dessen der Erfinder, Professor Hughes, den Naturforschern ein Werkzeug zu bieten hofft, welches für das Ohr dieselben Dienste zu leisten verspricht, welche das Mikroskop dem Auge gewährt. Wir halten uns zunächst an die ersten Mitteilungen, welche über diese merkwürdige Erfindung in einer Spezialversammlung der Gesellschaft der Tele­grafen­ingenieure in dem Institut der Zivilingenieure in London Ende Mai 1878 gemacht worden sind. In dieser Versammlung, in welcher der Präsident des Eisen- und Stahlinstituts, Dr. Siemens, den Vorsitz führte, hielt Professor W. H. Preece einen spannenden Vortrag ›über den Zusammenhang des Schalles mit der Elektrizität an der Hand der neuesten Entdeckungen des Professors Hughes‹. Er hob hervor, dass in den letzten Monaten die Wissenschaft der Akustik rasche und wunderbare Fortschritte gemacht habe. Zuerst sei das Telefon erschienen, welcher uns in Stand setzt, die menschliche Rede auf Entfernungen weit jenseits des Bereichs des Ohres und des Auges zu entsenden. Dann kam der Phonograph, welcher uns befähigt, Töne wiederzugeben, welche an irgendeinem Ort und zu irgendeiner Zeit geäußert worden sind, und jetzt erhalten wir, er möchte sagen, ein noch wundervolleres Instrument, welches uns nicht bloß in den Stand setzt, Laute zu hören, die auf andere Weise absolut unhörbar sind, sondern uns sogar befähigt, Töne, die uns hörbar sind, zu verstärken. In diesem neuen Instrument wird überdies das schwingende Metallplättchen, welches die Schallwellen überträgt, das sogenannte Diaphragma, beseitigt. Professor Hughes machte sein erstes Instrument mit gewöhnlichen Nägeln, mit einem gewöhnlichen Stück Holz, einer kleinen Sparbüchse und gewöhnlichem Siegellack. Mit dem durch diese Materialien hergestellten Apparat ist es ihm möglich geworden, die Natur in ihren geheimsten Schlupfwinkeln aufzusuchen.

Hughes scheint die Idee zu dem neuen Instrument aus der oben erwähnten Entdeckung von Trouvé geschöpft zu haben, dass eine Vermehrung der Plättchen oder Kontaktstellen des Diaphragmas den Schall verstärkt. Er baute z. B., wie Carus Sterne mitteilt, aus eisernen Nägeln eine Art Blockhaus, leitete den zum Telefon führenden Batteriestrom durch dasselbe und sprach in jenes hinein und die Worte wurden sehr laut wiederholt. Er füllte darauf röhrenförmige Behälter mit Eisenfeilspänen und Schrot­körnern und benutzte dieselben als mitschwingende Stromleiter, wobei sich eine noch gesteigerte Empfindlichkeit ergab. Dadurch kam er auf den Gedanken, poröse Körper, welche eine vorzügliche Resonanzfähigkeit besitzen, zu verwenden und den Schall durch die Unterbrechung des leitenden Körpers oder Stabes zu stärken. Er nahm als Material Stäbchen von Weidenkohle, wie sie die Zeichner brauchen, schnitt sie in Stücke von 10 mm Dicke und 18 mm Länge, machte diese glühend und tauchte sie in Quecksilber, welches in die durch das Glühen luftleer gewordenen Poren eindringt. Durch vier oder fünf solcher Stab­teile, welche durchlöchert sind und genau aneinander passen, wird ein unten und oben zugespitzter Kohlenstift gesteckt und dieser oben und unten an den Wänden eines Kästchens befestigt, welches mit dem Leitungsdraht eines Telefons in Verbindung steht. Das Kästchen selbst wird auf Watte gestellt, um es möglichst zu isolieren. In dieser Lage zeigte das Instrument eine erstaunliche Empfindlichkeit.

Wenn man eine Taschenuhr an das weich gebettete Instrument legte, so hörte man in dem fernen Telefon nicht bloß das Ticken und den Gang der Unruhe, sondern sogar das Geräusch der Räder wie bei einer Mühle. Der Tritt einer Fliege machte ein Geräusch wie von einem großen Tier herrührend. Diese und andere Experimente wurden bei der oben erwähnten Gelegenheit den Anwesenden vorgeführt. In einer darauffolgenden Diskussion wurde sowohl dem Erfinder Professor Hughes sowie dem Herzog von Argyll, Lord Lindsay und der Hauptspezialität in diesem Fach, dem Erfinder des Telefons, Professor Graham Bell, Anlass zu einer Reihe beifälliger und humoristischer Bemerkungen gegeben, in welchen letzteren namentlich die Geheimnisse der Diplomatie eine Hauptrolle spielten, welche durch dieses Instrument sicher erlauscht werden könnten.

In den letzten Wochen des Monats Mai stellte Professor Hughes gemeinsam mit Dr. Richard­son Experimente an, um zu versuchen, ob das neue Schallvergrößerungsinstrument nicht zu Zwecken der Diagnose bei der Aus­kultation der Lunge und des Herzens verwendet werden könne. Man ging von der Vermutung aus, dass das Instrument, welches die Tritte einer Fliege auf ziemliche Entfernung hin hörbar macht, auch jede Bewegung im Inneren des menschlichen Körpers durch den Gehörsinn deutlich wahrnehmbar machen werde. Dies war indessen eine voreilige Vermutung. Dr. Richard­son war mit Hilfe des Mikrofons im Stande, in der Tat das Respi­rations­gemurmel und das Geräusch des Herzens zu hören, allein praktisch nicht besser, als es bis jetzt einfach mit dem Stethoskop geschieht. Nach einer Zuschrift von Dr. Mann an die  Times wird aber die Hoffnung nicht aufgegeben, das Mikrofon so bedeutend zu vervollkommnen, dass es auch für chirurgische Zwecke dienlicher wird, denn es sei einmal Tatsache, dass es Geräusch den Ohren vernehmbar macht, welches weit leiser ist als das mittels des Stethoskops im menschlichen Körper vernommene. Noch steht man ja erst am Anfang der Experimente; Schwerhörigen mag das neue Instrument vielleicht noch Erlösung bringen.

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• Auf epilog.de am 14. Februar 2026 veröffentlicht

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