VerkehrEisenbahn

Die Luxuswagen der
kanadischen Pazifikbahn

Das Neue Universum • 1899

Unter den großen amerikanischen Überlandbahnen ist diejenige, welche auf englischem Boden und unter englischer Aufsicht von Quebec am Lorenzstrom durch die einsamen Steppen und Wälder von Kanada nach Vancouver am Stillen Ozean führt, ohne Zweifel die merkwürdigste. An den berühmten Schnellen des wilden Ottawastroms vorüber bringt sie uns nach einer einsamen Fahrt von einigen Tagen zum Port William an den Ufern des unermesslichen Oberen Sees, deren märchenhafter Erzreichtum auf dem einst so einsamen Wasserbecken eine Flotte von Riesendampfern unterhält, wie sie kein anderer Binnensee der Erde besitzt. Weiter durch die ungeheuren Wälder des Winnipeg- und Saskatchewangebietes, wo noch der Indianer Herr seines Bodens und die Pelzjagd das einzige Gewerbe des freien Mannes ist, durch Steppen und Wälder von einer großartigen Monotonie, geht es im Quellental des Saskatchewan den himmelhoch ragenden Bergen der Felsengebirge entgegen. Endlich lenkt die Bahn in das großartige Tal des Fraser River ein, in das sie zwischen riesenhoch starrenden Wänden durch ein Gebiet von märchenhafter Wildheit und Schönheit zu der schimmernden Fläche der Bucht von Vancouver gelangt.

Luxuswagen der kanadische PazifikbahnInnere Ausstattung eines Luxuswagen der kanadische Pazifikbahn.

Ihrer Verwaltung nach die selbstständigste unter allen Bahnen der gewaltigen Überlandstrecke zwischen beiden Ozeanen, lässt die kanadische Pazifikbahn auch ihr gesamtes Betriebsmaterial, Lokomotiven wie Wagen, in ihren eigenen Werkstätten herstellen, unter denen diejenigen der Kunsttischler und der Holzbildhauer die geübtesten Kräfte zur Verfügung haben, die man auftreiben kann. Nicht zufrieden damit, die Fahrgeschwindigkeit auf ihrer Linie unaufhörlich zu steigern, ist sie auch bemüht, ihren Reisenden jeden nur denkbaren Luxus während der Fahrt zu verschaffen. Ihre selbst gebauten Wagen, von deren Eleganz unsere begleitende Abbildung einen Begriff gibt, bilden gleich den berühmten Luxuswagen der Pullmangesellschaft die schönsten rollenden Paläste, die über irgendeine Eisenbahnlinie der Erde fahren. Bei einer Länge von 21,5 m, über 3 m breit, von schwerem, massigem Bau und auf sechsrädrigen Drehgestellen ruhend, bilden diese Wagen mit ihrem feinen Lackanstrich und ihren riesigen doppelten Spiegelglasscheiben ein prächtiges und imponierendes Bild, dessen Eindruck durch die Besichtigung des Inneren noch gesteigert wird. An der einen Längswand des Wagens- zieht sich von einem Ende zum anderen ein schmaler Korridor, an den hintereinander folgende Einzelräume, alle gleich geschmackvoll, ja prächtig ausgestattet, gleich geräumig und behaglich sich anschließen: ein Toilettenraum für Damen von ausgesuchtem Luxus, zwei mit fürstlicher Pracht ausgestattete Gesellschaftsräume, ein großer Schlafsaal, ein Rauchzimmer und ein Toilettezimmer für Herren. Die nebeneinanderliegenden Prunkzimmer, welche im ganzen an einzelne Reisende oder kleine Gesellschaften vermietet werden, sind von der behaglichen, in dem Aufwand künstlerischer Ausschmückung vielleicht noch gesteigerten Einrichtung der erstklassigen Kajüten transatlantischer Schnelldampfer. Die gepolsterten Sessel sind mit feinem Velours von lachsfarbigem Grund und olivgrünen Kanten bekleidet, die Fenster- und Bettvorhänge sind aus schweren Stoffen in entsprechenden Farben gehalten. Wände und Decken sind mit reicher Schnitzarbeit bedeckt, von den Betten ist jedes einzelne, abgesehen von der Beleuchtung des ganzen Raumes, mit einer elektrischen Lampe versehen. Jede Luxuskabine hat ihre besondere Toilette, und im Fall beide Räume von einer gemeinschaftlich reisenden Gesellschaft gemietet werden, ist es leicht, sie mit einander in Verbindung zu setzen. Bei Darbietung solcher Bequemlichkeiten hört das Reisen in der Tat auf, eine Strapaze zu sein und wird vielmehr zum Vergnügen, nur dass es leider unter tausend Passagieren nur wenigen beschieden sein wird, von diesem feenhaften Luxus Gebrauch machen und ihn mit dem entsprechenden Gegengewicht blanker Goldstücke aufwiegen zu können.

• Auf epilog.de am 14. Juni 2022 veröffentlicht