Verkehr – Schifffahrt
Der Leuchtturm von Nikolajew
Das Neue Universum • 1905
Im Hafeneingang von Nikolajew* *) Mykolajiw in der
heutigen Ukraine. am Schwarzen Meere hat die russische Regierung jüngst einen Leuchtturm errichten lassen, der sowohl seinem Anblick als seiner Konstruktion nach seinesgleichen an allen Meeren vergeblich suchen dürfte und deshalb einer kurzen Betrachtung wohl wert ist. Man denke sich eine rasch verjüngte, unten zwar mit 6 m Durchmesser beginnende, aber in der Hauptsache doch nur 2 – 3 m starke Säule von 40 m Höhe, die oben einen laternenartigen Aufsatz trägt, und deren Gesamtansicht im Hintergrund unserer Abbildung wiedergegeben ist. Ein Fabrikschornstein kann man bei der Betrachtung von weitem wohl denken, obwohl es viele Fabrik- oder Hüttenessen von der doppelten Höhe und Weite gibt.
Und das ist in Wirklichkeit ein Leuchtturm, und zwar ein Leuchtturm aus sogenanntem armiertem Beton, der erste Versuch in dieser Richtung, dem aber wahrscheinlich bald weitere folgen werden, wenn sich dieses ebenso einfache wie billige System praktisch bewähren sollte.
Ein gewöhnlicher steinerner Leuchtturm nun würde sich von diesem geringen Durchmesser schon wegen der erforderlichen Wandstärke nicht herstellen lassen. Schon ein 40 – 50 m hoher Schornstein hat dickere Wände, als man sie hier für nötig befunden hat, nämlich von 20 cm am Sockel allmählich abnehmend bis zu 10 cm unter dem Aufsatz, der die Wärterstube nebst der Laterne enthält. Das Fundament des ganzen Bauwerkes ist nichts anderes als eine 2,5 m dicke, in den Boden versenkte Zementplatte, auf welcher als Sockel zur Vergrößerung der Standfähigkeit des Turmes noch eine Scheibe von 6 m Durchmesser und 2 m Höhe ruht. Hierüber erheben sich die schlank sich verjüngenden Wände des Turmes, die lediglich aus einem engmaschigen Eisengerippe mit einer darum gegossenen Betonschicht von der angedeuteten Stärke bestehen. Das Eisengerippe der eigentlichen Säule, die nur 32,3 m hoch ist, setzt sich aus vertikalen Streben von 22 mm und aus dünneren Ringen von 9 mm Stärke zusammen, und zwar nimmt die Zahl der Streben, 71 an der Basis, ab bis zu 32 unter der Laterne. Sämtliche Streben sind in dem Fundamentsockel des Turms wohlverankert und durch innere und äußere Ringe zu einem unverrückbaren Käfig verbunden. Die steinerne Hülle ist dann um dieses schlanke Eisengitterwerk mit Hilfe von Teilformen herumgegossen und zwar so schnell, dass das ganze Bauwerk in zwei Monaten vollendet wurde. In der Höhe von 32,3 m setzen sich an die glatte Wand zierliche Konsolen an, welche ein rundes Zimmerchen von 4,5 m Durchmesser und 3 m Höhe tragen, das enge Gelass des Wärters, der in dieser Höhe und bei dem geringen Durchmesser der Säule ziemlich heftigen Schwankungen ausgesetzt sein dürfte, wenn der Wind eine größere Stärke erreicht. Über seinem Gemach befindet sich die 2,6 m weite und 2,9 m hohe Laterne, die den optischen Apparat enthält und noch von einer kleinen Kuppel überwölbt ist.
An Gewicht und Herstellungskosten bleibt dieser Leuchtturm hinter anderen von ähnlicher Höhe wohl um ein Drittel bis die Hälfte zurück; über seine Dauerhaftigkeit, vor allem über seine Standfestigkeit in schweren Stürmen wird freilich erst die Zukunft zu entscheiden haben.
Friedrich Schultheis schildert hier detailreich den Fortgang der Bauarbeiten von den ersten Planungen bis zur Einweihung im Juli 1846.
26 Doppelseitige Illustrationen von Alexander Marx geben einen Eindruck von diesem Meisterwerk der Technikgeschichte.