Bau & Architektur – Industrie-Architektur
Getreide-Silo-Speicher
Prometheus • 15.6.1898
Getreidemagazine waren in früheren Zeiten zur Anhäufung von Vorräten an Brotkorn um so notwendiger, je weniger auf Handelswegen zu Lande und zu Wasser ein Ausgleich von Missernten möglich war. Heute erfüllen sie zwar diesen Zweck auch, dienen aber in erster Linie dem Handel, der diesen Ausgleich bewirkt. Daher finden sich Getreidemagazine bei allen Kulturvölkern bis ins hohe Altertum hinauf. Bei den Griechen und Römern war der Kornhandel durch Gesetze sorgfältig geregelt und geschützt.
Gesamtansicht der Silo-Speicher-Anlage von Galatz und Braila. Bei den Römern hatte fast jede Stadt ihr öffentliches Getreidemagazin (horreum), und durch alle Zeiten bis zur Gegenwart bilden die Getreidezölle in wechselnder Bedeutung eine mehr oder minder ergiebige Einnahmequelle für Staat und Stadt. Wenn nun auch die Form und Einrichtung der Kornspeicher an Mannigfaltigkeit den gesetzlichen Verwaltungsbestimmungen für dieselben kaum nachstand, so haben in der Lagerungsart des Getreides im Wesentlichen doch nur zwei Grundsätze gewechselt: Verhütung jeden Luftzutritts zum lagernden Getreide und stete Berührung der Körner mit frischer Luft. Dem ersten Grundsatz entsprachen die auf Hügeln ausgegrabenen Korngruben der alten Völker, die Urform der heutigen Silo-Speicher. Aber schon die Griechen und Römer gingen zur Lagerung des Brotkorns auf Schüttböden in Häusern über, welche der Luft beständigen Zutritt zum Getreide gestattete. Diese Methode, die im Laufe der Zeit zu mannigfachen künstlichen Lüftungsarten entwickelt worden ist, hat nach und nach die erstere ganz verdrängt. Aber in neuerer Zeit ist man zum ältesten Grundsatz mehr und mehr mit bestem Erfolg zurückgekehrt, natürlich in moderner Gestaltung.
Die erste Anregung zur Wiederanwendung dieses Verfahrens soll von Ungarn ausgegangen sein, aber seine Ausgestaltung im Sinne der heutigen Technik und zu riesenhaften Formen erhielt es in Nordamerika, der größten Kornkammer der Welt. Die Amerikaner begannen damit im Jahr 1846, legten aber nicht, wie es zu alten Zeiten geschah, die zur Aufnahme des Getreides dienenden Schächte oder Behälter unter, sondern über die Erde. Es darf wohl behauptet werden, dass gerade die feinfühlige Anpassung der Silo-Speicher mit ihren maschinellen Einrichtungen an die durch die eigenartigen amerikanischen Verhältnisse bedingten Forderungen des Getreidehandels vorzugsweise den Amerikanern den Weltmarkt erobern half. Die hierdurch gesicherte, vorteilhafte Verwertung der reichen Erträge des jugendlich fruchtbaren Ackerbodens trug naturgemäß dazu bei, den Ackerbau in Amerika zu seiner hohen Entwicklungsstufe der Gegenwart zu fördern.
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