Forschung & Technik – Elektrotechnik
Ein elektrisches Paternosterwerk in Berlin
BEW-Mitteilungen • April 1910
Elektrisches Paternosterwerk im Lichthof des Warenhauses von W. Wertheim in der Potsdamer Straße.
Der mächtige Renaissancebau in der Potsdamer Straße, der früher in seinen unteren Geschossen das Bierrestaurant ›zum Altbayern‹ beherbergte, ist im Herbst 1909 Warenhaus geworden. Der weite Sprung vom Restaurant- und Geschäftshaus zum Kaufpalast bedingte einen erheblich größeren Bedarf an Elektrizität. Der ›Altbayer‹ noch hatte seinen Bedarf an elektrischem Strom durch eine eigene Maschinenstation gedeckt; doch bei der Umwandlung erwies sich die Hauszentrale als zu klein für die bevorstehenden Ansprüche und so brach man sie ab und bezieht jetzt elektrische Energie aus dem Kabelnetz der Berliner Elektrizitätswerke (BEW).
Es ist vorwiegend Metallfadenglühlicht, das im Inneren des neuen Wertheim-Hauses Verwendung findet; Bogenlampen dagegen brennen an der Fassade nach der Straße zu und in den Räumen der oberen Stockwerke. Die meist zu Kronen vereinigten Glühlampen breiten ihr Licht über die einzelnen Kaufstände und verleihen Waren und Personen jenen warmen transparenten Farbton, den außer der elektrischen Glühlampe nur noch in großer Anzahl brennende Wachskerzen zu geben vermögen. Dies ist, nebenbei bemerkt, ein Umstand, dessen günstige psychologische Wirkung auf das Publikum keineswegs ohne Bedeutung ist, dessen Wert bei der Entscheidung für oder gegen elektrisches Licht sich zwar zahlenmäßig nicht fassen lässt, nichtsdestoweniger aber besteht und nur zu oft gerade dort vollständig übersehen wird, wo ein angenehmer, um nicht zu sagen animierender Einfluss des künstlichen Lichts durchaus erwünscht wäre.
Im Übrigen unterscheidet sich das Kaufhaus in der Potsdamer Straße hinsichtlich seiner elektrischen Einrichtungen wenig von anderen Berliner Warenpalästen.
Der elektrisch illuminierte Brunnen im Lichthof des neuen Wertheim-Palastes.
Besonderes Interesse hingegen verdient der abbgebildete elektrische Paternosteraufzug zur Beförderung von Waren. Auf ihn sei an dieser Stelle ausdrücklich aufmerksam gemacht, da diese nachahmenswerte Art der Warenbeförderung – in der vorliegenden Ausführungsform wenigstens – das erste elektromotorisch getriebene Becherwerk Berlins ist, das wir kennen. Zwei dieser Werke arbeiten an den Außenseiten der dem Hof zu gelegenen Gebäudeflanken.
Eine Attraktion hat man durch die Beleuchtung des alten Brunnens im Hof geschaffen. Zwei kleine elektrische Scheinwerfer richten ihre Lichtkegel auf das Gestein; Miniaturlämpchen umsäumen das Wasserbecken und mischen ihr Licht mit dem strömenden Wasser.
W. Wertheim in der Potsdamer Straße ist mit einem Gesamtanschlusswert von 350 kW ein bedeutender Konsument. Einschließlich der Notbeleuchtung brennen dort 3372 Glühlampen und 125 Bogenlampen mit einem Anschlusswert von zusammen 150 kW. 26 Elektromotoren mit 224 PS liefern die für die Personen- und Warenbeförderung nötige mechanische Kraft. Zum Betrieb von elektrischen Heizapparaten zum Warmhalten von Speisen und Getränken stehen außerdem noch 3,5 kW zur Verfügung.