VerkehrEisenbahn

Eine ›hölzerne‹ Eisenbahn in Kalifornien

Der Stein der Weisen • 1894

Unter den vielen Arten von Werks-, Industrie- und Waldbahnen, die in neuester Zeit in weiterer Verfolgung des bei der Ausführung dieser Klasse von Eisenbahnen zugrundeliegenden Prinzips der Billigkeit und größten Ökonomie bei möglichst intensiver Leistungsfähigkeit, Vervollkommnung in diesem Sinne anstreben, dürfte ohne Zweifel eine selbst auf diesem Gebiet noch unerreichte Konstruktionsart besonderes Interesse erregen. Hölzerne BahnAbb. 1. Seitenansicht und Kopfende der Lokomotive der ›hölzernen‹ Bahn.

Aus Amerika kommt nämlich die Nachricht von einer in wahrhaft origineller Weise hergestellten Werkbahn. Originell ist sie darum, weil sie der Natur der Sache nach eigentlich von einer Eisenbahn,. wie wir sie zu sehen gewohnt sind, sehr verschieden ist, und eher den Namen ›Holzbahn‹ verdient.

Ein gewisser John James Burt, seines Zeichens eigentlich ein Rechtsanwalt, besitzt zu Cienega. einem Örtchen ungefähr 15 Kilometer von Tres Pinos, einer Station an der großen südlichen Pazifik-Bahn, in Kalifornien mächtige Marmorbrüche und Kalköfen. Um die gewonnenen Produkte behufs weiterer Verfrachtung zur oben erwähnten Eisenbahnstation an der Hauptverkehrsader zu bringen, baute der Eigentümer die 15 km lange Bahn, die in folgender Weise konstruiert ist. Statt der bei gewöhnlichen Normal-Bahnen verwendeten Eisenschienen hat der Konstrukteur hier die drei ungefähr 10 cm breiten Holzbalken der Länge nach eng aneinander gezimmert und auf Querschwellen derart befestigt, dass dadurch zwei je rund 30 cm breite fortlaufende Schienen mit einem freien Zwischenraum entstanden. Auf diesen Schienen laufen die Lokomotive und Wagen auf eigenartig geformten Rädern. Diese walzenförmigen, ca. 30 cm breiten Räder (s. Abb. 1, A A) sind zusammenstoßend derart montiert, dass der dazwischen liegende Spurkranz in die Spalte zwischen den Laufschienen eingreift und jedes Rad unabhängig vom anderen sich um die gemeinschaftliche Achse drehen kann, welch letztere Einrichtung überdies ein Entgleisen bei Krümmungen der Bahn verhindert. Hölzerne BahnAbb. 2. Lokomotive und ein Lastwagen der ›hölzernen‹ Bahn. Im Übrigen besteht die Lokomotive selbst aus einem gewöhnlichen Dampfkessel mit Armatur und allen übrigen zur Ausrüstung eines Dampfwagens gehörigen Nebenapparaten wie bei gewöhnlichen Bahnen.

Abb. 1 zeigt die auf dem Rahmen aus Holz und Eisen ruhende Armatur und die Verbindung der breiten Räder unter der Brust des Kessels, sowie die einfache Steuerung, während Abb. 2 ein Bild der ganzen Lokomotive und eines Lastwagens bietet. Die ganze Anlage macht den Eindruck des Primitiven, ist aber nichtsdestoweniger sehr solide und sicher, wie denn überhaupt das ganze System mannigfache Vorteile besitzt und für die dortige Gegend bei deren Holzreichtum von besonderer Wichtigkeit ist, sowie viele Chancen für die Zukunft hat. Jedenfalls bietet die Anlage auch für den Ferner­stehenden einen Beweis für die fortwährende Veränderung in unseren Transportmitteln und einen neuen Beitrag zu der reichen Geschichte der Eisenbahnen.

Zum Schluss sei noch bemerkt, dass die Bahn an vielen blühenden Ansiedlungen liegt und seitens der Behörden denselben Schutz findet, wie die normalen Vollbahnen.

• Auf epilog.de am 5. Februar 2026 veröffentlicht

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