VerkehrSchifffahrt

Durchstich der langen Bucht in der Weser

Zentralblatt der Bauverwaltung • 29.8.1885

Am 15. August 1885 wurde auf bremischem Gebiete, etwa 5 km unterhalb Bremens gelegen, eine Strombegradigung vollendet, welche für den Weserverkehr von der größten Bedeutung, auch insofern von Wichtigkeit ist, weil dieselbe im Rahmen des Korrekturentwurfs für die Unterweser liegend, als erster Schritt zur Ausführung dieses großartigen Werkes angesehen werden kann. Unter der lebhaftesten Beteiligung der bremischen Bevölkerung ward am 16. August in feierlicher Weise der neue Stromarm dem Verkehr übergeben. In den bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden kam der allseitig gehegte Wunsch auf baldige Vollendung des ganzen Korrekturwerkes zum lebhaftesten Ausdruck, welcher auch berechtigt erscheint, da ohne die große Korrektur die von Bremen für den neuen Durchstich aufgewendeten und für den Freihafen noch aufzuwendenden Mittel nicht diejenigen Früchte bringen können, welche von diesen an sich hohen Aufwendungen erwartet werden müssen. Auf bremischem Gebiete ist mit der neuen Strombegradigung die Korrektur der Weser im Wesentlichen als vollendet anzusehen, so dass von bremischer Seite allein für die Fahrwasserverbesserung nichts Erhebliches mehr geschehen kann. Aber stromabwärts gibt es leider der Hindernisse noch genug, welche eine gute Entwicklung der Flutwelle vereiteln, doch werden diese Hindernisse hoffentlich in nicht zu ferner Zeit verschwinden.

Teil der Weser-Korrektur auf bremischem GebietTeil der Weser-Korrektur auf bremischem Gebiet.

Die sogenannte ›Lange Bucht‹ ist eine Stromstrecke, zwischen den Dörfern Lankenau und Hasenbüren unterhalb Bremens gelegen, in welcher die Weser einen großen Bogen von verhältnismäßig kleinem Halbmesser bildet. Dadurch namentlich, dass bei Hochwasser eine Überflutung des linksseitigen Ufers eintrat, wodurch die Haupt-Wassermengen dem Stromschlauche entzogen wurden, entstanden fast in jedem Jahr erhebliche Versandungen des Flussbettes. Auch an den Übergängen war es schwierig, ein einigermaßen gutes Fahrwasser zu erhalten. Dieser Umstand und der von Jahr zu Jahr steigende Seeschiffsverkehr nach der Stadt Bremen brachten es mit sich, dass die Frage immer lebhafter erörtert wurde, wie das Verkehrshindernis – und als solches musste die lange Bucht angesehen werden – beseitigt werden könnte. Die gepflogenen Erörterungen führten schließlich bei den maßgebenden Stellen im Jahre 1882 zu dem Entschluss, den in dieser Weserstrecke bereits im Franziusschen Entwurf vorgesehenen Durchstich schon jetzt auszuführen.

Die Entwurfsarbeiten sowie die Bauausführung lagen Herrn Bauinspektor Heineken ob, welcher infolge günstiger Abwicklung der Grunderwerbsverhältnisse bereits im September 1882 mit den Ausführungsarbeiten beginnen lassen konnte. Es handelte sich bei der Begradigung außer der Anlage des 2,4 km langen Durchstiches um Verschiebung des rechten Weserufers oberhalb und unterhalb desselben auf je rund 1,0 km Länge um etwa Stromesbreite. Die gesamten Arbeiten erforderten eine Bodenbewegung von rund 2 000 000 m². Im ersten Baujahre wurde der Stromschlauch innerhalb des Winterdeiches, sowie der neue linksseitige Winterdeich selbst hergestellt. Die Uferverschiebung unterhalb des Durchstiches gelangte ebenfalls zur Ausführung. Im zweiten und dritten Baujahre ward der Rest der Arbeiten zur Ausführung gebracht. Die durchschnittliche tägliche Bodenbewegung betrug bei Tag- und Nachtbetrieb rund 6000 m². Ein Trockenbagger, System Couvreux, welcher so eingerichtet ist, dass derselbe über den zu beladenden Zug auf besonderem Geleise sich hinwegbewegt, war in Tätigkeit und leistete sehr Befriedigendes. Die Erdarbeiten, die von dem Unternehmer H. Brauns übernommen waren, sind zum größten Teil im Trockenen ausgeführt; die Wasserhaltung hat nur geringe Schwierigkeiten bereitet. Die Sohle des neuen Weserbettes liegt auf 4,0 – 4,3 m unter Bremer Null, so dass in demselben bei gewöhnlicher Flut eine Wassertiefe von 3,5 – 4,0 m vorhanden ist. Der alte Weserarm wird etwa in der Mitte durch einen Sperrdamm geschlossen, der zugleich als Zugangsweg zu den vom linken Weserufer abgetrennten Landabschnitten dienen soll. Die Länge des Weserstromes ist auf der fraglichen Strecke durch diese Begradigung um 1,1 km verkürzt, was namentlich für die Entwicklung der Flutwelle von großer Bedeutung sein wird.

Die Gesamtkosten einschließlich des Grunderwerbs sind auf 2 360 000 Mark anzugeben.

– g.

• Auf epilog.de am 3. April 2021 veröffentlicht