FeuilletonErzählungen

Der Mann, der die Welt
zugrunde richten wollte

Erzählung von Arthur Conan Doyle

The Strand Magazine • Januar 1929

Voraussichtliche Lesezeit rund 20 Minuten.

Die Laune von Professor Challenger war denkbar schlecht. Ich hatte bereits die Hand am Türgriff und meinen Fuß auf der Matte um sein Arbeitszimmer zu betreten, als ich Zeuge eines Monologs wurde, der durch das gesamte Haus hallte.

»Ja, sage ich, das ist der zweite falsche Anruf. Der Zweite an diesem Morgen. Stellen sie sich vor, dass ein Mann der Wissenschaft durch die ständigen Störungen eines Idioten am anderen Ende der Leitung von seiner wesentlichen Arbeit abgelenkt werden soll? Das dulde ich nicht. Sagen sie das umgehend ihrem Amtsleiter! Was, sie sind der Amtsleiter? Und warum tun sie dann nichts dagegen? Ja, sie schaffen es sicher, mich von meiner Arbeit abzuhalten, deren Wichtigkeit ihr Verstand gar nicht zu fassen vermag. Ich will sofort mit ihrem Vorgesetzten sprechen! Er ist nicht da? Natürlich, dachte ich mir schon. Sollten sie noch einmal anrufen, werden wir uns vor Gericht sehen! Man hat schon Hähnen das Krähen verboten! Warum dann nicht dem Telefon das Läuten? Der Fall ist klar. Eine schriftliche Entschuldigung? Sehr gut! Ich werde es überdenken. Guten Morgen!«

An diesem Punkt wagte ich, das Zimmer zu betreten. Es war kein guter Moment. Ich stand vor ihm, als er sich wie ein wütender Löwe vom Telefon weg drehte. Sein riesiger schwarzer Bart sträubte sich, seine mächtige Brust schwoll vor Empörung, und seine arroganten grauen Augen musterten mich von oben bis unten. Die ganze Wut des Telefonates prallte auf mich.

»Höllische, idiotische, überbezahlte Schurken!«, dröhnte er. »Ich konnte sie lachen hören, als ich meine berechtigte Beschwerde vorbrachte. Es gibt ein Komplott, um mich zu verärgern. Und jetzt kommen sie, junger Malone, um meinen unglückseligen Morgen zu vollenden. Sind sie als Freund hier, oder hat ihr nichtsnutziger Chefredakteur sie mit einem Interview beauftragt? Als ein Freund haben sie Vorrechte – als Schmierfink verschwenden sie ihre Zeit!«

Ich suchte in meiner Tasche noch nach dem Brief von McArdle, als dem Professor plötzlich ein neues Ärgernis einfiel. Seine großen haarigen Hände durchwühlten einen Papierstapel auf seinen Schreibtisch und zogen schließlich einen Zeitungsausschnitt heraus.

»Sie waren so freundlich, in einer ihrer letzten bemühten Arbeiten auf mich anzuspielen«, sagte er, das Papier vor mir schüttelnd. »Und zwar im Zuge ihrer albernen Bemerkungen über den neuen Saurierfund im Solenhofen-Schiefer. Sie begannen den Abschnitt mit den Worten: ›Professor G. E. Challenger, einer unseren größten lebenden Wissenschaftler.‹«

»Ja, und?«, fragte ich.

»Warum diese gehässige Einschränkung? Vielleicht können sie mir sagen, wer denn diese anderen großen Wissenschaftler sein sollen, denen sie mit dieser Gleichsetzung vielleicht sogar eine Überlegenheit über mich zuschreiben?«

»Es war schlecht formuliert. Ich wollte sicher sagen: ›Unser größter lebender Wissenschaftler‹ « gab ich zu. Es war wirklich ehrlich gemeint. Meine Worte verwandelten Winter in Sommer.

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• Auf epilog.de am 25. Februar 2016 veröffentlicht

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