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Die Nesselsdorfer Type 1900

Allgemeine Automobil-Zeitung • 1.4.1900

Es ist ein himmelhoher Unterschied zwischen dem ersten Wagen, der vor mehr als zwei Jahren die weiten Werkstätten der Nesselsdorfer Wagenbau-Fabriksgesellschaft in Nesselsdorf verließ, und der Type 1900, die wir heute unseren Lesern im Bilde vorführen.

Die Nesselsdorfer Type 1900

Wenn auch die Grundzüge der Form und die Lage der Maschine keine Veränderung erfahren haben, so ist doch seit dem ersten Wagen kein Teil des Nesselsdorfer Automobils der umgestaltenden Tätigkeit des Ingenieurs entgangen, und heute repräsentiert sich die Type 1900 als eine durchgearbeitete Konstruktion, in der ein gutes Stück Arbeit und Erfahrung steckt.

Anstelle des ehemaligen Riemens ist die Kette und die Friktion getreten, die Tourenzahl des Motors ist von 600 auf 1400 erhöht, die Kraft der Maschine ist durch kleine Verbesserungen wesentlich verstärkt, statt zwei Schnelligkeiten übertragen vier den Kraftimpuls, die Induktorzündung ist der Magnet-Induktorzündung gewichen, und während man früher nach drei bis vier Stunden frisches Kühlwasser nehmen musste, kann man jetzt einen ganzen Tag lang fahren, ohne sich darum zu kümmern.

Zahlreiche andere konstruktive Änderungen der Details lassen sich weniger beschreiben, als sie sich bei der Benutzung des Wagens angenehm fühlbar machen.

Auch die äußere Form des Wagens zeigt eine zweifellose Vervollkommnung.

Was wir aber besonders hervorheben müssen, das ist der verhältnismäßig geräuschlose Gang der Nesselsdorfer Automobile. Einige der letzten Ausführungen gehen so ruhig, dass man im ersten Augenblick fast geneigt ist, zu glauben, ein Elektromobil und keinen Benzinwagen vor sich zu haben.

Über die neue Ausführung gibt uns die Firma folgende Details:

Die viersitzigen halbgedeckten Automobilwagen Modell 1900 Nesselsdorf stimmen in der äußeren Form mit der Type des Vorjahres überein. Dieselben werden jedoch in Bezug auf die Bedachung und die Rücksitze in zwei neuen Variationen ausgeführt, und zwar:

  1. Ausführung: Halbgedeckter Rücksitz mit Spritzleder und Dachvorfall für den Rücksitz; Vordersitz offen.
  2. Ausführung: Vorsteckdach, sowohl auf Vorder- als auch auf Rücksitz anwendbar.
  3. Ausführung: Auswechselbarer Rücksitz, übereinstimmend mit der 1. Ausführung. Wird der Rücksitz entfernt, so kann an dessen Stelle ein leichter Dienersitz gesetzt werden. Diese Anordnung ist wegen vielseitigerer Verwendung des Wagens rasch beliebt geworden, da es häufig nicht entspricht, das schwere Dach mit dem schweren Rücksitz mitzuführen (Gewicht 95 kg.).

Die Anordnung der Lenkung, der Geschwindigkeitswechsel, des Mischhahnes und des sonstigen Hebelwerkes ist die gleiche wie im Vorjahre: alles unmittelbar vor dem Lenker.

Neu ist die Anordnung der Saugventile, welche wie beim Dion-Motor in die Saugleitung eingebaut sind, Von dieser vollkommen geschützt werden und geräuschloser arbeiten.

Sowohl der Steuerungsmechanismus als auch die Kurbelwelle samt Kolbenstangen sind komplett eingekapselt und daher vor Staub und Kot vollkommen geschützt.

Die wichtigste Neuerung ist die Verwendung der Bosch-Zündung mit variabler Vor- und Nachzündung. Hiedurch bleibt es dem Lenker wie früher unbenommen, den Motor mit 80, wenn nötig aber auch mit 1400 Touren pro Minute laufenzulassen. Während die Motoren des Vorjahres nur auf 1000 Touren gebracht werden konnten, ist nunmehr die Tourenzahl bis auf ein Maximum von 1400 gesteigert worden.

Die Kühlung wird durch einen Rohrschlangenkühler bewirkt, welcher durch die Vorderräder so gut als möglich maskiert wird.

• Auf epilog.de am 3. Mai 2021 veröffentlicht