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Die astronomische Uhr in Straßburg

Das Buch für Alle • 1867

Wer das Straßburger Münster besucht, wird nicht versäumen, von der im linken Seitenflügel befindlichen kunstreichen astronomischen Uhr mit ihrer Menge von beweglichen Figuren Einsicht zu nehmen. Sie hat die Eigentümlichkeit, dass sie sich je am 31. Dezember um Mitternacht selbst reguliert. astronomische Uhr in Straßburg Unten zeigt ein Globus den Sternenlauf; dahinter ist ein immerwährender Kalender mit dem betreffenden Datum. Die Viertelstunden werden von einem Engel auf einer Glocke angeschlagen, während neben ihm ein anderer nach Ablauf der Stunde eine Sanduhr umdreht. Die vollen Stunden werden von dem Tod durch Anschlag verkündet, und bei jedem Viertel tritt neben ihm der Knabe, Jüngling, Mann oder Greis hervor. Natürlich fehlt das übrige Zugehör einer astronomischen Uhr, Monat, Mondlauf usw. nicht. Der betreffende Wochentag wird durch Erscheinen der ihm gewidmeten Gottheit angedeutet. Wem seine Zeit gestattet, das Werk um die Mittagsstunde zu betrachten, der kann die Procession der zwölf Apostel mit ansehen und von der Spitze des kleinen Turms links den Hahn krähen hören.

Der ursprüngliche Verfertiger der Uhr hieß Dasypodius. Dergleichen komplizierte Werke geraten, namentlich, wenn ihnen eine noch elementare mechanische Technik zugrunde liegt, mit der Zeit in Verwirrung, die Reparaturen nötig macht; diese reichten auf die Dauer nicht aus, und die Uhr blieb stehen. Daran knüpfte sich nun im Munde des Volks eine unheimliche Sage. Als der Meister mit der Uhr fertig war, die in der ganzen Welt nicht ihres Gleichen hatte, setzte der Magistrat der Stadt feinen Stolz darein, das Kunstwerk als Unikum zu besitzen, und ließ den Verfertiger blenden, damit er nicht ähnliche Arbeiten an andere Genossenschaften liefern könne. Der blinde Mann aber gab vor, es fehle noch etwas an dem Werk, das nur er verbessern könne; man gestattete ihm die angebliche Korrektion, worauf er ein Stück herausnahm, nach dessen Beseitigung die Uhr zu gehen aufhörte, ohne dass irgendjemand imstand gewesen wäre, sie wieder in Gang zu bringen. So pflegte der Straßburger dem Fremden noch zu Ende der zwanziger Jahre zu erzählen. Die Uhr wurde 1832 bis 1842 durch den Mechaniker Schwilgué hergestellt und zu der technischen Vollendung gebracht, in welcher wir sie jetzt sehen.

• Auf epilog.de am 24. Oktober 2021 veröffentlicht