DaseinsvorsorgeKommunalwirtschaft

Beförderung von Feuerspritzen auf Schienengleisen

Das Neue Universum • 1898

Im Allgemeinen kann man sagen, dass in deutschen Städten der Dienst im Kampf gegen Feuersbrünste ziemlich gut geordnet ist, wenigstens was das schleunige Erscheinen der Spritzen und der Bedienungsmannschaft auf der Unglücksstätte betrifft; woran es bisweilen mangelt (und dies ist gewiss von Wichtigkeit), ist das Wasser. Auf dem Land dagegen hat man häufig Wasser genug, wenn ein Fluss oder Bach vorhanden, aber die Spritzen und die Feuerwehrmänner erscheinen nicht. Man muss deshalb auf die Hilfe der benachbarten Städte warten, die darauf bedacht sind, wenigstens Spritzen für Handbetrieb zu besitzen; vorausgesetzt, dass das Dorf, wo ein Brand ausbricht, nicht durch Telegraf oder Telefon mit der benachbarten Hauptstadt, von welcher Hilfe erbeten wird, verbunden ist, bedarf es vieler Zeit, bis diese Hilfe anlangt.

Um diesen misslichen Verhältnissen teilweise abzuhelfen, hat man leichte Fuhrwerke erfunden, die geeignet sind, schleunigst eine Spritze mit Handbetrieb zu befördern; eine solche kann aber nur von beschränkten Größenverhältnissen sein, – und der Wunsch, gründlicher helfen zu können, liegt nahe. Nun verfügt man seit Vermehrung der gewöhnlichen Eisenbahngleise, der Sekundär- und Trambahngleise und besonders der Gleise für elektrischen Bahnbetrieb über ein Netz von Verbindungen, welches die Beförderung der schwersten Brandspritzen unter ungewöhnlicher Schnelligkeit zulässt. Es sollten daher auf Stationen der Sekundär- und Trambahnen, wo es sich etwa mit den Bahnbetriebs- und Verkehrsverhältnissen ermöglichen ließe, Dampfbrandspritzen aus Kosten der Bezirke, welche den Nutzen davon haben, gehalten werden. Es würde dies eine nützliche Schöpfung persönlichen Unternehmungsgeistes sein in einer Zeit, wo man nur zu geneigt ist, alles vom Staat zu erwarten.

Natürlich würde man einer Einrichtung bedürfen, welche gestattet, die Brandspritzen schleunigst auf einen Waggon zu laden und sie ebenso schnell wieder abzuladen, um sie nach der betreffenden Unglücksstätte zu befördern.

Die zur Abfahrt bereite SpritzeDie zur Abfahrt bereite Spritze.

Die Amerikaner, welche einen scharfen Sinn für praktische Dinge haben und außerdem gewohnt sind, sofort über wichtige Fragen, die sich ihnen darbieten, schlüssig zu werden, haben unlängst einen Wagen erfunden, welcher die leichtere Beförderung einer mit Rädern versehenen Dampfbrandspritze auch auf dem Schienenwege gestattet. Es handelt sich dabei um eine Art Wagen, der elektrisch bewegt wird und von der ›Wason manufacturing Company‹ zu Springfield (Massachusetts) erbaut ist, und zwar für die Linien der Trollay-Tramways.

Das Fuhrwerk besteht aus zwei Rollwagen, deren Spurweite derjenigen der großen Waggons entspricht und auf denen ein elektrischer Motor leicht einen Platz findet; sie haben jeder eine mit einem Geländer umgebene Plattform, auf deren einer sich die Bedienungsmannschaft der Spritze aufhält, während auf der anderen alle übrigen Löschgeräte untergebracht werden. Mit dem hinteren der beiden Rollwagen ist eine andere tiefliegende große Plattform fest Verbunden; sie lässt sich an dem vorderen Rollwagen befestigen. Ihr Fußboden ist sehr niedrig und berührt fast die Schienen; er ist gestützt durch zwei eiserne Balken, welche mittelst Bindebalken mit zwei andern höheren Balken verbunden sind, die eine Schutzwehr (gegen das Herabgleiten der dem Boden anzuvertrauenden Last) bilden und ihre Stütze auf den beiden Rollwagen finden. Schräge Bindebalken befestigen das Ganze und verhindern schwingende Bewegungen während der Fahrt. Auf diese Plattform nun, die 4,20 m lang und 2,10 m breit ist und deren obere Fläche 23 cm über derjenigen der Schienen liegt, ladet man die Dampfbrandspritze.

Um dieses zu bewerkstelligen, koppelt man den vorderen Rollwagen los und entfernt ihn ein wenig; dank dem Spielen der Federn des hinteren Rollwagens gibt es nichts Einfacheres, als die Plattform zu neigen, bis dass sie den Boden berührt; nun schiebt man die Spritze, das hintere Ende voran, darauf, während sie von der andern Seite mittels einer kleinen, eigens für diesen Zweck bestimmten Winde, die sich auf dem hinteren Rollwagen befindet, gezogen wird. Man holt den ersten Rollwagen zurück und dreht die mit doppeltem Gewinde versehenen Schraubenvorrichtungen, welche auf dem Vorderteil der großen Plattform mittelst Ketten arbeiten. Der Fußboden, auf dem sich die Spritze befindet, wird auf diese Weise in eine horizontale Lage gebracht; dann befestigt man die Balken, welche ihn stützen, mit besonderen Riegeln, und das Ganze ist nunmehr wieder eng und fest verbunden.

Die Verladung der SpritzeDie Verladung der Spritze.

Der so verbundene Waggon fährt sehr leicht; er hat zudem nur 2,60 m äußerste Breite auf eine Länge von 9,40 m, was nichts Übermäßiges ist; sein Gesamtgewicht beträgt 6350 kg. Neuerdings wurden seitens verschiedener Feuerwehrkorps Proben gemacht; man stellte fest, dass man eine Spritze in 2¼ Minuten verladen konnte, indem man von dem Augenblick zählte, wo der Waggon zur Beladung bereitgemacht war, bis zu demjenigen, wo er fertig zum Abfahren war. Was das Abladen betrifft, so genügten 45 Sekunden, um den vorderen Rollwagen abzukoppeln; in 1¼ Minuten waren die Pferde angespannt und zur Abfahrt bereit.

Die sehr geschickte Herstellung dieser neuen Art von Waggons ermöglicht es bei günstigen Wasserverhältnissen durchaus, den Plan auszuführen, auf den wir im Eingange dieses Aufsatzes hinwiesen und der den Schutz der kleineren Ortschaften gegen die Verheerungen von Bränden bezweckt.

• Auf epilog.de am 28. Mai 2021 veröffentlicht