Verkehr
Amerikanische Eisjachten
Das Buch für Alle • 1874
Unsere Leser wissen wohl ohne Zweifel, wie verhältnismäßig ungesund das Klima Nord-Amerikas für die Ausländer aus nördlichen Zonen ist, weil die Temperatur von Sommer und Winter sich zwischen weit entfernteren Graden von Wärme und Kälte bewegt als bei uns in Deutschland. New York z. B., welches ungefähr unter dem Breitengrad von Neapel liegt, hat in der heißen Jahreszeit eine noch höhere Temperatur als dieses, dagegen im Winter etwa dieselbe Kälte wie Warschau oder Riga. Der Winterfrost bedeckt die Fluren und Wälder an der atlantischen Küste der sogenannten Neuengland-Staaten der Union oft Wochen lang mit einer tiefen dichten Schneedecke und die Ströme und Flüsse mit einer dicken festen Eisbahn, so dass Schlittschuhlaufen, Schlittenfahren und andere Vergnügungen des nordischen Winters dort mit Muße zu genießen sind. Ja, diese Winterfreuden werden sogar dort in einer Weise ausgebeutet, von welcher wir in Deutschland keinen Begriff haben. Eisrutschbahnen nach russischer Art sind erst kürzlich eingeführte Neuerungen, dagegen hat man für die Schlittschuhläufer im Winter bedeckte und mit Gas beleuchtete Pavillons und Säle eingerichtet, wo auf einer spiegelglatten Eisbahn beim Klang Straußscher Walzer und bei Vorhandensein eines wohlbesetzten Büfetts sich abends Tausende von Damen und Herren in behaglichster und elegantester Weise dem Vergnügen des Schlittschuhlaufens hingeben können und bei der Höhe des Eintrittsgeldes in diese sogenannten Skating-rinks jede Berührung mit dem armen Pöbel vermeiden.
Diesem Vergnügen unter Dach und Fach stellt dann der Winter ein anderes im Freien zur Seite, das noch aufregender, eigenartiger und verlockender ist, nämlich das Segeln mit dem Eisboot, mit ganz eigentümlichen leichten Fahrzeugen, wie sie unser Bild darstellt. Diese Eisboote sind von verschiedenster Bauart, bald wirkliche leichte Boote auf Schlittenläufen, bald nur korb- oder muschelförmige Sitze auf eisernen Läufern, bald ein einfaches Gestell aus Balken, wie sie auf unserem Bild veranschaulicht sind, aber jedenfalls mit einem Mast, einem Klüver und mehreren lateinischen Segeln mit Rahen versehen. Die eigentlichen Eisjachten zum Wettfahren, wie sie besonders am Hudson und auf den kanadischen Seen und Strömen üblich sind, bestehen aus einem hölzernen Gestell von leichtem zähem Eichen- und Ahornholz.
- R E K L A M E -
Eine starke Bohle von etwa 5 m Länge ist in der Mitte unter rechtem Winkel mit einem Querarm verbunden, welcher eine leichte hölzerne Plattform trägt und auf einem senkrechten eisenbeschlagenen Bohlenstücke ruht. Die beiden Endpunkte der langen Querbohle sind mit hölzernen Winkeln versehen, deren aufrechte, quer über die Bohle gerichtete Träger mit einer scharfen Eisenschiene beschuht sind. Der vordere Teil des Kreuzarmes ist abgerundet und in eine Art Rahe oder Bugspriet verwandelt, um daran ein Segel aufspannen zu können; die Beschuhung des hinteren Kreuzarmes ist durch einen Helmstock wie ein Steuerruder zu bewegen.
Ist nun die Eisbahn auf einer langen Stromstrecke fest und sicher, so bringt man diese Eisjachten hinaus auf den Eisspiegel, richtet den Mast auf, hisst an demselben die Segel auf, bringt dieselben vor den Wind und fährt nun mittelst dieses gewaltigen Drucks viele Meilen weit über den glatten überfrorenen Stromspiegel hin mit einer Geschwindigkeit, welche oft mit derjenigen eines Schnellzuges auf der Eisenbahn wetteifern kann. Und es ist in der Tat kein Wunder, dass dieser Zeitvertreib bei den abenteuerlustigen Amerikanern so ungemein beliebt ist, denn es verursacht wirklich ein ganz unbeschreibliches aufregendes Vergnügen, in einem derartigen Eisboot, unter der Führung eines erfahrenen Steuerers und nicht minder erfahrenen Handhabers der Segelschoten mit eigentlicher Windeseile Meilen weit dahin zu fliegen, dass einem Hören und Sehen und Atmen vergeht, zumal wenn es noch mehr oder minder hohe Wetten und Einsätze gilt.
