FeuilletonLand & Leute

Ein Spätsommer-Nachmittag auf dem Kreuzberg bei Berlin

Über Land und Meer • 15.10.1876

Als in Berlin einst das Gerücht ging, Rothschild wolle, wie in London und Paris, dort auch ein Zweighaus etablieren, spottete der Berliner Witz, die Firma hätte schon den Kreuzberg als Streusand für ihr Kontor gepachtet. Trotz dieser Selbstironie ist der Kreuzberg für die Berliner ein landschaftliches Mekka. Abgesehen von den Brauereien, die an seinem Fuß und auf der Höhe liegen, besteht die Hauptanziehungskraft dieses Vergnügungsorts doch im Landschaftlichem. Der Berliner nennt nämlich Berg, was man im Süden Deutschlands sich wohl kaum Hügel zu taufen getraute. Eine kleine Erdwelle, ein hohes, sandiges Ufer, eine Erhöhung im Forst und Müggel-Pichelsberge sind da, und Hunderte und Tausende pilgern an schönen Tagen zu diesen Punkten hinaus und sind wirklich und wahrhaft entzückt und begeistert von einem seltsam einförmigen, nordisch melancholischen Blick über ein Meer von Tannengipfeln, über Getreidefelder, Gärten, Straßen und eine Dunstwolke, aus der einige Hundert Schornsteine und viele Kirchtürme hervorragen. Letzteres ist die Aussicht vom Kreuzberg nach Berlin zu, und doch dürfte ein Ausflug nach dem Kreuzberg die interessantesten Erinnerungen besonders für Nichtberliner zurücklassen.

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An schönen Sommer- und Herbstnachmittagen braust hier oben ein Volksleben, das nur in jenem der Hasenheide ein Seitenstück findet. Was aber der Kreuzberg vor der Hasenheide besonders im Herbst voraus hat, ist das günstige Terrain zum Drachensteigen lassen, – die Getreidefelder sind dann abgemäht, Wind weht immer da oben; mit Ausnahme des Rauchschen Denkmals zur Erinnerung an die Königin Luise und die Freiheitskriege finden sich dort keine hindernden Baumwerke, und es mag wenige Familien in Berlin geben, auch aus den höheren Ständen, die mit ihren Knaben nicht einige Male ›zum Drachensteigen‹ auf den Kreuzberg wanderten. Der ›Drache‹ bleibt den ganzen Sommer hindurch die stille Träumerei des Quartaners und Quintaners, und der Nachbleibestunden, welche die Spekulation über Form und Größe, über die Bindfadenquantität und -Qualität dem eifrigen Schüler einträgt, sind laut eigenhändig von den Eltern unterschriebener Quittung nicht wenige.

Endlich ist das papierene Ungetüm fertig, stolz wird es auf dem Rücken oder gar von Zweien in militärisch feierlichem Schritt hinausgetragen zum Kreuzberg, die zwei Pfund Bindfaden daran befestigt, und nun läuft auch der Vater sich die Lungen aus der Brust, den Drachen ›zum Stehen‹ zu bringen.

Das ist nämlich das gloriose Ziel. Hat der Drachen eine bedeutende Höhe erreicht, so braucht man nicht mehr zu laufen, er hält sich dann durch den Widerstand des fest in die Erde gedrückten Schnurendes hoch oben, und das ist auch der gloriose Moment für die ganze Familie, sie lagert sich dann um den Pflock und schaut hinauf zu ihrem Drachen, der dort oben bald im Schatten, bald in der Sonne steht, je nachdem die Wolken laufen. Jetzt werden die Esskober ausgepackt und geschmaust, man holt Bier, kunstverständige Familienmitglieder spielen die ›Ziehharmonika‹, die Väter rauchen ›Ziehjarrn‹, die Jugend jubelt und balgt sich oder lässt Apostel, das heißt Ringe, Schlüssel, Pappstücke an der Schnur zum Drachen hinauflaufen, trinkt Bier, raucht im Buschwerk heimlich Zigarren, Säuglinge brüllen in freier Bergluft, und Drehorgeln in Masse lassen den ›Parisermarsch‹ oder unendliche Tremulationen aus dem ›Troubadour‹ von der Walze laufen. Oft wimmelt der im Norden so wunderbar von glänzendem Goldduft durchzogene Herbsthimmel an schönen Nachmittagen auf dem Kreuzberg von dergleichen Drachen in allen Formen, beklebt mit allen erdenkbaren Figuren und mit allen möglichen ›Schwänzen‹ und Seitentroddeln, und die abgemähten Felder oder dürren, verbrannten, sandigen Rasenflächen dienen einer bunten, echt berlinisch heiteren Volksmenge zum belebtesten Tummelplatz.

• R.-B.

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