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Elektrische Straßenbahnen mit Untergrundleitung

Das Neue Universum • 1897

Der elektrische Betrieb von Straßenbahnen mit Untergrundleitung bietet den Vorteil, dass das Straßenbild nicht durch die oberirdisch gezogenen Drähte verunziert und der Straßenverkehr selbst durch die zur Befestigung der Leitungsdrähte erforderlichen Ständer und Säulen nicht gestört wird. Andrerseits aber sind derartige Anlagen sehr kostspielig und der Betrieb selbst wird durch das in die Leitungskanäle eindringende Wasser, sowie durch den darin sich ansammelnden Schmutz vielfachen Störungen ausgesetzt.

Man hat für derartige Untergrundleitungen bereits viele verschiedene Systeme in Anwendung oder wenigstens in Vorschlag gebracht, welche sich folgendermaßen klassifizieren lassen:

  1. Kanäle mit einer Leitung, welche mit dem Motorwagen in fortwährender Verbindung durch einen Gleitkontakt bleibt,
  2. Kanäle, deren Leitung nur zeitweise mit dem Motorwagen durch verschiedenartige Vorrichtungen in Kontakt kommt.

Die Systeme der ersten Klasse sind sehr zahlreich; die wichtigsten derselben sind: das System Holyroyd Smith, Siemens & Halske, Love, Jenkins, Goiffin, Musie Coles, Johnson, Robert Zell, Washington, Universal Electric, Pompany, Schefbauer, Muller-Manville, Hoerde u. s. w. In fast allen diesen Systemen sind nur die Sekundärleitungen im Kanal untergebracht, während die Speiseleitungen an der Seite in der Nähe des Kanals liegen. Die Stromrückleitung wird durch einen zweiten Leiter und nicht wie bei der Luftleitung durch die Schienen bewirkt.

Smiths System kleiner Kanäle für elektrische UntergrundleitungenAbb. 1: Smiths System kleiner Kanäle für elektrische Untergrundleitungen.
Smiths System großer KanäleAbb. 2: Smiths System großer Kanäle.

Das System von Holyroyd Smith ist in Abb. 1 dargestellt; dasselbe fand seine erste Anwendung im Jahre 1885 bei der Straßenbahn zu Blackpool in England und hat ohne große Beschädigungen bis jetzt funktioniert. Der Kanal besteht aus Eisenblech, das auf einer Schiene befestigt ist, und auf einer Reihe metallener Träger ruht. Die Porzellanisolatoren zum Tragen des Kabels sitzen auf Holzschwellen, die quer im oberen Teile des Kanals liegen. Der untere Teil des Kanals dient zur Aufnahme des Regenwassers, so dass das Kabel vor Feuchtigkeit geschützt ist. In gewissen Abständen sind Abflussöffnungen angebracht. In den ersten Ausführungen befand sich der Kanal in der Mitte der Bahn; bei der späteren Anordnung wurden zwei Kanäle benutzt, von denen der eine zur Hinfahrt, der andre zur Rückfahrt dient. Der Erfinder hat noch ein andres, in der Abb. 2 dargestelltes Modell erdacht, wobei nur ein großer Kanal von 1,7 m Höhe für beide Gleise benutzt wird. Dieser große Kanal gestattet den Zugang eines Mannes, welcher von Zeit zu Zeit die Reinigung besorgt und den Zustand der Kontakte kontrolliert.

Im Jahre 1887 wurde von der Firma Siemens & Halske die bekannte Budapester Stadtbahn mit Untergrundleitung nach dem in der Abb. 3 dargestellten System angelegt. Der unterirdische Kanal ist aus eiförmigen gusseisernen Rahmen hergestellt, deren Zwischenräume mit Beton zur Bildung der fortlaufenden Kanalwand ausgefüllt sind. Der Kanal steht mit dem Spalt der Schiene in Verbindung, durch welchen der Gleitkontakt in Verbindung mit dem Wagen gesetzt ist. Auf den gusseisernen Rahmen sind die zum Tragen der Leitungskabel dienenden Porzellanisolatoren befestigt. Gegenwärtig werden mittelst dies es Systems in Budapest vier Linien der Straßenbahn von einer Zentralstation aus betrieben und man ist mit den Resultaten zufrieden, indessen gehen die Meinungen der Praktiker über den Wert des Systems noch auseinander. Im Jahre 1894 wurde vom Oberingenieur der Stadt Newcastle darüber bemerkt, dass der etwa 34 – 50 mm breite Spalt, der bei diesem System längs der Bahn hinläuft, für den übrigen Wagenverkehr in den gewöhnlichen Straßen ein ernstes Hindernis bilden könne, indem die Wagenräder leicht in diesen Spalt geraten und sich darin festklammern können.

Siemens & Halskes Untergrundleitung in BudapestAbb. 3: Siemens & Halskes Untergrundleitung in Budapest.
Loves Untergrundleitung in AmerikaAbb. 4: Loves Untergrundleitung in Amerika.

Unter den übrigen Untergrundleitungen für den gleichen Zweck ist das Lovesche System (Abb. 4) zu erwähnen, welches in Amerika Anwendung gesunden hat; dasselbe besteht in einem unterirdischen Kanal, der aus Gusseisenteilen zusammengesetzt ist und der zwei von Isolatoren getragene Leitungen enthält. Der Gleitkontakt besteht aus einem kleinen mit zwei Spurrollen versehenen Wagen, welcher längs der beiden Leitungen Führung hat. Die Speiseleitungen befinden sich an der Seite.

Abb. 5 zeigt das Zellsche Untergrundleitungssystem, welches durch einen aus drei Querschnittsteilen zusammengesetzten Kanal besteht. In den beiden oben befindlichen röhrenartigen Teilen sind die Kabel angebracht, während der untere in der Mitte unterhalb des Spaltes befindliche Teil zur Aufnahme des Regen- und Schneewassers dient. Die Gleitkontakte, welche den Strom aus beiden Leitungen aufnehmen, sind durch eine vertikale, im Spalt laufende Stange mit dem Wagen verbunden.

Zells UntergrundleitungssystemAbb. 5: Zells Untergrundleitungssystem.
System GriffinAbb. 6: System Griffin.

Das in Abb. 6 veranschaulichte System Griffin ist gleichfalls mit einem gusseisernen Kanal versehen, dessen Querschnitt sich aus zwei Teilen zusammensetzt, so dass unterhalb ein besonderer Wasserkanal gebildet wird.

Das System Hoerde (Abb. 7) ist als eine Modifikation des Systems Love anzusehen; es besteht aus einem gusseisernen Kanal von ovalem Querschnitt, in welchem oberhalb die Leiter an Isolatoren befestigt sind. Der Kontakt wird durch eine besondere am Wagen angebrachte und durch den Schienenschlitz in den Kanal hinabreichende Platte gebildet.

Hoerdes SystemAbb. 7: Hoerdes System.
System PetersenAbb. 8: System Petersen.

In dem in der Abb. 8 dargestellten System Petersen befinden sich die beiden Elektrizitätsleiter in einem vollkommen geschlossenen Kanal. Der Deckel dieses Kanals besteht aus einer biegsamen Platte, welche sich infolge des Durchganges der knieförmig gebogenen, am Wagen befestigten und zur Herstellung des Kontaktes dienenden Stange hebt.

Außerdem sind allerdings noch andre derartige, mehr oder minder verschieden angeordnete Kanalisationssysteme in Vorschlag gebracht worden, ohne jedoch bisher praktische Verwendung gefunden zu haben, weshalb hier von deren Besprechung abzusehen ist.

• Auf epilog.de am 8. Februar 2021 veröffentlicht